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Pop

DJ Koze: „Im besten Fall ist nicht das Lied der Star“

dj koze
Viel Sinn für Spaß: DJ Koze, geboren 1972 in Flensburg als Stefan Kozalla, wurde mit hochgradig selbstironischen Raps wie „Arbeitslos“ oder „Deine Reime sind Schweine“ bekannt. 2009 gründete er das Label Pampa Records, nun erscheint die erste Compilation.Pampa Records
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DJ Koze hat sich vom Reimkasperl zum Meister hypnotischer Sounds entwickelt. Am 7. Mai tritt er beim Donaufestival auf. Mit der „Presse“ sprach er über Sounds und Angst, Hildegard Knef und Eskapismus.

Die Presse: Wie muss ein Stück sein, damit Sie es remixen?

DJ Koze: Ich bin stets auf der Suche nach irgendeiner Magie, nach etwas, was mich überrascht. Wenn dann noch die Musik simpel ist, bin ich dabei. Einfachheit halte ich für den Königsweg in der Musik, aber zuweilen findet man Zauber auch in vielschichtigen Sounds.

Ihr letztes Album mit eigenen Stücken hieß „Amygdala“, wie das Gehirnzentrum, das mit Angst zu tun hat. Wieso?

Die Platte entstand in einer Lebensphase, die im Zeichen der Angst stand. Angst ist ja grundsätzlich etwas Positives, sonst wäre die Menschheit schon schlangenküssend und dinosaurierstreichelnd ausgestorben. In dem Wort ist viel drin, das fand ich gut.

Auf „Amygdala“ haben Sie auch „Ich schreib dir ein Buch“ von Hildegard Knef bearbeitet. Sind Sie ein Fan?

Auf jeden Fall. Schon 2002 hab ich ihr wunderschönes Stück „Ich liebe euch“ für eine Hommage an sie remixt. Die meisten Kollegen haben damals einfach einen stumpfen Housebeat unter ihre Stimme gelegt. Ich hab das Gegenteil getan und alles an Rhythmus rausgeschmissen und nur mit den Streichern und der Stimme gearbeitet. Die Bänder, die mir zur Verfügung gestellt wurden, waren geradezu magisch. Darauf hörte man Hildegard sogar atmen. „Ich schreib dir ein Buch“ entstand in nur einer Nacht. Am Morgen war die Flasche Weißwein leer und das Stück fertig.

Wann wissen Sie, dass ein Stück fertig ist?

Perfektion ist gleich Depression, pflege ich zu sagen. Aber zu wissen, wann man aufhören muss, an einem Stück zu feilen, zählt zum Schwierigsten.

Wie wichtig sind Ihnen die Brüche in Ihren DJ-Sets?

Sehr wichtig. Wenn ich 20 Minuten denselben Groove höre, habe ich das Gefühl, einschlafen zu müssen. Deshalb lasse ich den Trojaner reinfahren. Kraut und Rüben darf so ein Set aber nicht werden. Es geht um partielle Verstörung. Etwa in Form eines stumpfen Rhythmus, bei dem die Leute nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Und oben drüber passiert dann der Irrsinn in der Musik.

Wie spontan ist Ihre Musikauswahl bei Ihren Auftritten?

Das ist ziemlich offen. Für jeden Raum entwickle ich da eigene Ideen. Aber gut ist es, wenn man wie beim Schach eine imposante Eröffnung hat, damit man nicht gleich bei der zweiten Platte ins Straucheln kommt. Ein wenig ist es auch wie beim Roman: Du bringst zu Beginn Motive ins Spiel, an denen du dich in weiterer Folge abarbeitest.

Was erwarten Sie sich vom Publikum?

Ich lege immer Wert darauf, dass alle besoffen sind. Es gibt in diesen Nächten immer einen Punkt, an dem alle loslassen. Dann herrscht Vogelfreiheit, dann kann man freestylen. Und es gibt Momente, in denen man alles auf eine Karte setzen muss. Risiko ist wichtig.

Begonnen hat alles aber mit Handwerk: Sie wurden 1991 Zweiter bei der Meisterschaft des deutschen Disco-Mix-Clubs. Genieren Sie sich heute dafür, dass Sie bei so etwas Spießigem mitgemacht haben?

Nee, überhaupt nicht. Bin sogar ein wenig stolz darauf. Ein wenig schleierhaft ist mir nur dieser Competition-Gedanke, der mich damals offensichtlich gereizt hat. Begeistert hat mich damals der österreichische DJ DSL: ein Gigant, der völlig unprätentiös war.

Irgendwann sind die Übergänge wichtiger geworden als die Stücke selbst. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wenn du elektronische Tanzmusik spielst, sind die Übergänge natürlich schon wichtig. Nicht als technische Zirkustricks, sondern in dem Sinn, dass du unmerklich Stimmungen aufbaust. Die Dramaturgie ist essenziell. Im besten Fall ist nicht das Lied der Star, sondern die Perlenkette an Sounds, die du auffädelst.

Hat sich das Publikum über die Jahrzehnte nicht stark verändert?

Natürlich. In der European Dance Music sind wir mit einer ADHS-Jugend konfrontiert, die gerade einmal 40 Sekunden Geduld hat bis zum nächsten Kick. Dafür wird auf allen Frequenzen geschossen: Musik für Leute, die sich nicht für Musik interessieren.

Als DJ ist man Teil der Eskapismuskultur. Sind Sie auch ein politischer Mensch?

Ja. Aber ich versuche nicht, das aktiv mit Musik zu verbinden, obwohl es sicher auch eine Form von Politik ist, welche Wellen man mit seiner Musik verbreitet. Im Grunde geht es mir darum, die Dämonen klein zu halten und Liebe und Positivität zu propagieren.

DONAUFESTIVAL IN KREMS

„Niemand hat euch eingeladen“ ist heuer der Spruch des Donaufestivals (29. 4.–1. 5., 5.–7. 5.), das zum letzten Mal von Tomas Zierhofer-Kin kuratiert wurde, der ab 2017 die Wiener Festwochen leitet. Er plant heuer explizit „die fundamentale Aufhebung des Normativen“. In einigen Arbeiten, etwa „Al Paradiso“ von God's Entertainment und „Frail Affinities“ von Saint Genet, geht es um Grenzen und Flüchtlinge. Konzerte geben u. a. der syrische Sänger Omar Souleyman, die britische Postrock-Band Mogwai und DJ Koze (7. 5., 22.30 h).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2016)