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Pop

Filme der Liverpooler „Working Class Heroes“

(c) Everett Collection / picturedesk
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The Beatles. Die Forschung befasste sich bisher kaum mit den mehr als 200 Filmen der Beatles. Ein Klagenfurter Forscher hat sie alle gesehen. Mit seiner eben erschienenen Enzyklopädie will er eine neue Forschungswelle auslösen.

Ein typischer Arbeitstag einer Rockband, ein schwarzes Klavier in den weißen Salzburger Bergen, vier animierte Pilzköpfe in einem gelben U-Boot, ein bunt bemalter Bus auf Tour und vier sichtlich zerrissene Pophelden auf dem Dach eines Tonstudios. Nicht nur Beatles-Fans erkennen hier mindestens einen der fünf Filme, die die Beatles in ihrem zehnjährigen Bestehen als Band von 1960 bis 1970 kreierten: „A Hard Day's Night“, „Help“, „Yellow Submarine“, „Magical Mystery Tour“ und „Let It Be“ sind ihre Klassiker.

Doch die Beatles waren weitaus produktiver. In mehr als 200 Filmen, Animationen, Dokumentationen, Theaterstücken, avantgardistischen Versuchen und Musicals waren sie als Schauspieler, Produzenten, Komponisten, Regisseure oder Initiatoren beteiligt. Andernorts dienten sie als Vorlage. Jörg Helbig vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Klagenfurt trug ihr filmisches Schaffen zusammen und brachte die Enzyklopädie „I saw a film today, oh boy“ (Schüren-Verlag) heraus.

 

Der Popstempel der Fab Four

Es ging Helbig darum, das zum Teil verschwundene Material zu finden, zu sichten und zu katalogisieren. Ausgehend vom lexikalischen Werk soll weitere Forschung erleichtert werden. Wobei skurrile Gastauftritte bei der US-Zeichentrickserie „Pinky und Brain“ unter dem Titel „All You Need Is Narf“ genauso wenig fehlen, wie Horror-Splatter-Filme, die sich von Beatles-Songs inspiriert fühlten, etwa „The Zombeatles: All You Need Is Brains“.

Das Werk verweist darauf, dass die Beatles den bewegenden Bildern ihren Popstempel aufdrückten. Etwas, was die Forschung bislang vernachlässigte. Helbig schließt hier eine Lücke: „Unter den in die Tausende gehenden Publikationen über die Beatles ist nur eine verschwindend geringe Anzahl ihren Filmen gewidmet“, sagt der Kulturhistoriker. Um weltweit eine neue Forschungswelle auszulösen, soll sein Buch demnächst ins Englische übersetzt werden.

Einzeln gingen die Beatles verschiedene Wege: George Harrison wurde in den 1980er-Jahren zu einem wichtigen Filmproduzenten in Großbritannien. Unter anderem brachte seine Firma Handmade Films den wohl berühmtesten Film der Satiriker-Gruppe der Monty Pythons „The Life of Brian – Das Leben des Brian“ heraus. Ringo Starr war als Schauspieler aktiv. Er spielte in mehr als 20 Filmen. Paul McCartney mied die Leinwand. Hören konnte ihn das Publikum indes umso öfter. Er komponierte viel Filmmusik, darunter etwa „Live and Let Die“, das Titellied des gleichnamigen James-Bond-Films. John Lennon schlug experimentelle Wege ein. Manche seiner Filme entsprachen dabei nicht dem breiten Publikumsgeschmack. „Clock“, den er gemeinsam mit seiner Frau Yoko Ono produzierte, zeigt, wie die Zeit verrinnt, indem eine Uhr gefilmt wird, die in Echtzeit weiterläuft. Derlei Filme verschwanden teilweise aus den Archiven: „Bei ,Clock‘ weiß man zwar, dass er existiert, aber er war weder im Internet noch in Museen auffindbar“, sagt Helbig.

 

Beatles waren hyperaktiv

Ob in der Musik oder im Film, die vier blieben ungemein produktiv. Dabei legten sie eine eiserne Arbeitsdisziplin an den Tag – diametral zum Rock'n'Roll-Klischee. Sie gönnten sich wenig Freizeit und waren mit Erreichtem nie zufrieden: „Ihre Leistung muss man einfach honorieren, gerade weil sie trotz ihres gigantischen Erfolges enorm viel arbeiteten. Sie waren hyperaktiv“, sagt Helbig. Durch ihre harte Arbeit prägten sie die Kulturgeschichte nachhaltig – echte Helden der Arbeit, „Working Class Heroes“, eben.

Vor den Arbeitstieren aus Liverpool war kein Genre sicher, oder, wie John Lennon es in „Yellow Submarine“ formulierte: „Nothing is Beatleproof.“ Nicht alles war progressiv oder einflussreich, aber vieles: „Yellow Submarine“ etwa ist ein komplexer Film, der den damaligen Disney-Animationen weit voraus war. Genauso innovativ war „A Hard Day's Night“: Dieser Popfilm brach mit den damals üblichen Handlungen. Er erzählt keine Liebesgeschichte, bei der sich ein Sänger in ein Mädchen verliebt, sondern zeigt – quasi dokumentarisch – einen typischen Tagesablauf der Band. Helbig dazu: „Das war ein völlig neues und später oft kopiertes Konzept.“

 

Österreich: „Help“ und „Rape“

In Österreich drehten die Beatles ihren Film „Help“ 1965 zum Teil in Obertauern. Die Crew dachte sich etwas Besonderes aus: Ein schwarzes Klavier sollte inmitten der weißen Schneelandschaft der Salzburger Berge ein kontrastreiches Bild schaffen. Die vier borgten sich das Klavier vom Hotel Marietta aus und gaben es nach dem Dreh als Ganzes, aber eingeschränkt gebrauchsfähig, wieder zurück.

Der ORF konnte John Lennon und Yoko Ono für einen 40-minütigen Film gewinnen. Die Hauptfigur des annähernd in Realzeit ablaufenden Filmes „Rape“ ist eine Ungarin. Sie spaziert durch London, spricht kein Englisch, wird von einem Kamerateam angesprochen und verfolgt. Zunächst erscheint ihr das als harmlos. Schließlich wird sie unsicher und ängstlich. „Der Film ist eine Metapher auf Lennons Leben und kritisiert die mediale Hexenjagd“, sagt Helbig.

Die Beatles waren offen für Ideen. Ihre Kreativität war sagenhaft – „fabulous“. Der Erfolg der Fab Four war hart erarbeitet, wie im ersten Filmklassiker besungen: „It's been a hard days night/and I've been working like a dog.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2016)