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Ruanda: Der angekündigte Völkermord

Das Grauen des Genozids. Eine Gedenkstätte in der südruandesischen Murambi-Technikschule erinnert an den Völkermord von 1994.
(c) EPA (Stephen Morrison)
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Vor 15 Jahren wurden in Ostafrika unter den Augen der Weltöffentlichkeit 800.000 Menschen ermordet. Die finsterste Rolle spielte die französische Regierung Mitterrand.

Mit ruhiger Stimme gesteht der Mann im rosa Hemd seine Verbrechen: „Wir zogen durch die Stadt wie ein Tornado. Auf der Straße trafen wir Fashijes Frau. Ich durchbohrte sie mit einem Speer.“ Kabandas Frau war die Nächste, die dem Mob in die Hände fiel. „Ich schnitt sie mit einer Machete. Doch dann sagte ich, lasst sie gehen, sie ist nur verheiratet mit einem Tutsi. Die anderen aber meinten: ,Das ist unmöglich.‘“ Das Todesurteil für die Frau.

Die Aussage ist nur eine von vielen, die das Genozid-Museum in Ruandas Hauptstadt Kigali gesammelt hat. Sie sind auf Bildschirmen zu sehen, werden dem Besucher wieder und wieder vorgespielt. Doch nicht nur die Täter, auch die Opfer bekommen ein Gesicht. In Räumen mit orangen Wänden hängen Fotos von Kindern. „Fidèle Ingabire, Alter: neun Jahre“, ist neben dem Bild eines Buben zu lesen. „Todesursache: Kopfschuss.“

15 Jahre sind seit dem Völkermord in Ruanda vergangen, der von April bis Juli 1994 wütete. 15 Jahre, seit Hutu-Milizionäre unter den Augen der Staatengemeinschaft 800.000 Tutsi und jene Hutu, die sich den Mordplänen widersetzten, umbrachten: mit Pistolen und Gewehren, mit Macheten, Speeren und Äxten.

 

„Tötet die Tutsi-Kakerlaken“

Es begann am Abend des 6.April. Zwei Raketen brachten das Flugzeug von Staatschef Juvénal Habyarimana, einem Hutu, zum Absturz. Vieles spricht dafür, dass Habyarimana vom eigenen Umfeld „geopfert“ wurde: Da er auf internationalen Druck mit den Tutsi-Rebellen ein Abkommen geschlossen hatte. Und da die Extremisten einen Anlass brauchten, um zu tun, was ihnen vorschwebte: Ruanda zu einem Land ohne Tutsi zu machen. „Tötet die Tutsi-Kakerlaken“, gab der berüchtigte Hasssender „Radio Mille Collines“ die Losung aus.

Das Morden wurde wohlorganisiert ins Werk gesetzt. Nur eine Stunde nach dem Absturz schwärmten Präsidentengarde und von der Armee ausgebildete Milizen mit Todeslisten aus. Es galt zunächst, prominente Hutu zu ermorden, die Sand in die Tötungsmaschinerie hätten streuen können. Noch in der Nacht wurden auch erste Straßensperren errichtet: Der Eintrag „Tutsi“ im Personalausweis bedeutete den Tod. An Ort und Stelle. Je länger das Morden dauerte, desto unkontrollierter wurde es, desto mehr Bürger nahmen daran teil. Manchmal unter Zwang, manchmal ohne. Tausende Hutu zogen bald durch Kigali und schrieen: „Tötet sie alle!“

Andreas Wannemacher war damals einer der 15 unbewaffneten österreichischen UN-Militärbeobachter in Ruanda. Die ersten drei Monate des Völkermordes erlebte er in Kigali. Im Gespräch mit der „Presse“ erinnert er sich: „Auf Patrouille sahen wir immer wieder Massen von Leichen im Straßengraben.“

Die 200 Militärbeobachter und 2000 Blauhelme hatten ein schwaches Mandat: Sie waren nicht geschickt worden, um einen Genozid zu verhindern, sondern um das Friedensabkommen zu überwachen. Doch bald wurde immer klarer, dass die Lage nicht friedlich bleiben würde.

„Wochen vor den Massakern haben wir bei unseren Kontrollen in Kigali Truppen entdeckt, die dort nicht hätten sein dürfen, und geheime Waffenlager“, berichtet Wannemacher. All das sei ans UN-Hauptquartier in New York gemeldet worden. Doch von dort kam keine Reaktion. Als der Kommandant der UN-Truppen, General Roméo Dallaire, Anfang 1994 ein Waffenlager ausheben wollte, wurde ihm das von New York verboten.

 

Erste Warnungen bereits 1990

Auch hohe Hutu-Politiker und Militärs sprachen immer wieder offen darüber, die Tutsi auszulöschen. Medien schürten den Hass auf die vorgeblich „Landesfremden“. Und all das war den im Land anwesenden Diplomaten und ihren Regierungen bekannt.

Schon 1990 warnten europäische Botschafter: „Die rasante Verschlechterung der Beziehungen zwischen den zwei Ethnien birgt ein enormes Risiko schrecklicher Konsequenzen für Ruanda und die ganze Region.“ Zwei Jahre später schrieb der belgische Botschafter ganz unverblümt vom Plan eines extremistischen Hutu-Zirkels, „die Tutsi auszulöschen und so das ethnische Problem auf ihre Weise zu lösen“. Eine CIA-Analyse warnte im Jänner 1994 vor Massakern mit 500.000 Toten.

Die finsterste Rolle spielte die französische Regierung Mitterrand, die mit dem Hutu-Regime auf Du und Du stand und noch während des Genozids Waffen lieferte. Von Mitterrand ist der Satz überliefert, dass „in solchen Ländern“ ein Genozid nicht so wichtig sei.

Ein Ende fand der Völkermord erst, als Tutsi-Rebellen unter Paul Kagame die Hutu-Milizen aus dem Land vertrieben. Ein Ende des Tötens in der Region bedeutete das aber noch lange nicht. Der Genozid warf seinen Schatten auf die benachbarte Demokratische Republik Kongo. Hutu-Milizionäre und zehntausende Hutu-Zivilisten flohen in den Osten des Kongo. Kagames Truppen verfolgten sie – und griffen immer mehr in die Innenpolitik des Nachbarlandes ein.

1998 eskalierte der Konflikt zu einem gewaltigen Kampf um Kongos Rohstoffreichtum und die Vormacht in der Region, dem sogenannten „afrikanischen Weltkrieg“. 5,4 Millionen Menschen starben. Bis zu neun Staaten waren beteiligt – allen voran Ruanda, das mit verbündeten Warlords die Rohstofflagerstätten im Ostkongo ausbeutete. Hilfe für seine schlagkräftige Armee erhielt Präsident Kagame aus den USA.

 

„Schuld sind Kolonialmächte“

Während seine Kämpfer im Nachbarland Schrecken verbreiteten, versuchte Kagame aus Ruanda einen modernen Staat zu machen. Kigalis Straßen sind blitzsauber, ausländische Unternehmer loben das gute Klima für Investitionen. Kritiker hingegen klagen, der General unterdrücke die Opposition und verwandle das Land in einen autoritären Militärstaat.

30 Prozent der Parlamentsmandate sind für Frauen reserviert. In der Verfassung werden Frauen eigens angeführt, nicht aber Hutu und Tutsi. Diese Einteilung habe nur Unglück gebracht, so die offizielle Linie. Eine Schautafel im Genozid-Museum stellt klar, wen man für Quelle allen Übels hält: „Die Kolonialmächte teilten die Menschen in Hutu und Tutsi ein, um sie gegeneinander ausspielen zu können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2009)