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„Monsieur Chocolat“: Zirkus, Emotion und Zeitgeschichte

Monsieur Chocolat
(c) Filmladen
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Ergreifend und erhellend: „Monsieur Chocolat“ von Roschdy Zem, Franzose mit marokkanischen Wurzeln. Atemberaubend: Omar Sy als Clown, der am Rassismus scheitert.

Warum schauen wir so gern Zirkusfilme an? Das glamouröse Milieu, die Artisten, die Mobilität, von der viele träumen, während sie oft ihr ganzes Leben an einem Ort kleben bleiben. Zirkusfilme sind ein eigenes Genre: In „Circus World“ aus den 1960er-Jahren, einem echten „Hollywood-Schinken“, sucht John Wayne als Zirkusbesitzer eine schöne Frau (Rita Hayworth). Disneys Dumbo wird vom Außenseiter mit Schlappohren zum fliegenden Elefanten. In „Feuerwerk“ von Erik Charell und Paul Burkhard hat die Musik eine Hauptrolle („Oh, mein Papa!“). Eine Mischung aus Melodram und Tragödie, unterfüttert mit reichlich Nostalgie und Romantik, bietet „Wasser für die Elefanten“ (2011) von Francis Lawrence mit Christoph Waltz als grausamem Zirkusdirektor, Reese Witherspoon als betörendem blonden Gift und „Twilight“-Star Robert Pattinson.

Im Zirkusfilmgenre etwas Neues zu erfinden ist nicht einfach. Allzu leicht gleitet man in luxuriös inszenierte Klischees ab. „Monsieur Chocolat“ nach einer wahren Geschichte – und einem von den Filmpionierbrüdern Lumière gedrehten Sketch – ist insofern etwas Besonderes: Roschdy Zem, französischer Regisseur und Schauspieler mit marokkanischen Wurzeln, hat einen schönen, ergreifenden, aber auch erhellenden Film gedreht, in dem der Wunsch sogenannter Minderheiten zum Ausdruck kommt, endlich nicht mehr nur in Rollen zu erscheinen, die mit Stereotypen über ihre Herkunft zu tun haben.

 

Chocolat will lieber Othello sein

„Monsieur Chocolat“ handelt von einem weißen und einem schwarzen Clown, die sich zu einer Nummer zusammentun, in der der weiße den schwarzen Clown düpiert, sekkiert und misshandelt. Die Geschichte spielt in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts. Die Nummer der beiden wird ein gewaltiger Erfolg. Doch Monsieur Chocolat wird mit dem Erlebnis nicht fertig, er wehrt sich gegen seine Opferrolle, er beginnt zu trinken, zu spielen und Drogen zu nehmen. Schließlich steigt er aus und möchte statt des ersten schwarzen Clowns der erste schwarze Othello sein.

Der Franzose Omar Sy, der selbst eine Sketch-Sendung im Fernsehen und seinen Durchbruch mit dem Film „Ziemlich beste Freunde“ als Pflegehelfer eines gelähmten Millionärs gehabt hat, zeichnet facettenreich die Wandlung des Clowns, der sich voll Lebenslust in den Hype um seine Person stürzt, zum melancholischen Zweifler und Verzweifelten. Der Schweizer James Thiérrée, Enkel von Charlie Chaplin, der 2004 mit seinem stummen Kunstzirkus La Veillée des Abysses bei den Wiener Festwochen im Ronacher gastiert hat, ist seinem Partner in der Manege ein erbarmungsloser Gegenspieler.

Aus der Provinz, wo Monsieur Chocolat und Footit nur mühsam ihren Prinzipal von ihren Künsten überzeugen können, wird das Duo nach Paris katapultiert, wo die Akklamation lauter, die Arbeitsbedingungen rau, aber die Verdienstmöglichkeiten großzügig bemessen sind. Footit spürt die Grenzen der Möglichkeiten beider Artisten. Als Homosexueller, der sich verstecken muss, ahnt er früher als Chocolat, dass die beiden nur in ihrem eng gesteckten Rollenspiel punkten können. Außerdem ist Footit ein Kind seiner Zeit, es ist für ihn klar, dass Chocolat sein Diener und er der Herr ist. Schließlich ist das Format „weißer Clown“ und „dummer August“ in der Spaßmacherei abseits von Ethnie und Hautfarbe festgelegt . . .

Ein schöner, einfühlsamer, kulturgeschichtlich und historisch interessanter Zirkusfilm, der sich von der polierten Konkurrenz in erfreulichster Weise unterscheidet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2016)