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„Den Eltern die Angst vor Schule ums Eck nehmen“

Dass es kein Geld für die Schulen gibt, stellt Wiens Stadtschulratspräsident Jürgen Czernohorszky (SPÖ) angesichts der Milliarde für das Bundesheer infrage.

Die Presse: Zuletzt wurde immer mehr über die Probleme an Wiener Schulen geredet. Kommt da etwas hoch, was lang lieber unter den Teppich gekehrt wurde?

Jürgen Czernohorszky: Es gibt für mich überhaupt keinen Grund, nicht eine offene Auseinandersetzung über die Herausforderungen in Städten zu führen. Die sind ungleich größer. In Wien besuchen 57 Prozent aller Schüler eine Schule, die sozial hoch oder sehr hoch belastet ist. Im Burgenland sind es null Prozent. Das muss man weder schönreden noch schlechtreden. Das ist einfach die Realität.

Was muss passieren?

Es muss auch Aufgabe von Bildungspolitik sein, die Ressourcenfrage anhand dieser Herausforderungen zu stellen. Da ist bis jetzt nichts passiert. Der Finanzausgleich funktioniert mit der Gießkanne. Ich hoffe, das ändert sich.

Das Bildungsressort hat ohnehin zu wenig Geld. Wenn es für Problemschulen mehr Mittel geben soll, wie Sie sich das wünschen, wird es an anderen Stellen weniger Geld geben müssen.

Bei laufenden Finanzausgleichsverhandlungen und der Tatsache, dass mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich für das Heer da ist, stelle ich das einmal infrage.

Das heißt: Eine Milliarde mehr für Bildung statt für das Heer?

Das heißt: Geld dorthin, wo es dringend notwendig ist, und in der Bildung ist es dringend notwendig. Bewerten muss das die Regierung. Aber mehr Geld für Schulen, die es brauchen, wäre auf jeden Fall ein Gebot der Stunde.

A propos hoch belastete Schulen: Kann man Eltern vorwerfen, dass sie ihr Kind lieber in eine private Volksschule geben – weil sie ihr Kind keinesfalls in die Schule ums Eck geben wollen?

Dass Eltern für ihre Kinder die aus ihrer Sicht beste Schule wählen, ist legitim. Aber es gab in den vergangenen zehn Jahren keine Steigerung an Privatschülern.

Was nicht heißt, dass Eltern nicht manche öffentlichen Schulen um jeden Preis meiden.

Ich war gerade in einer Schule in Ottakring, die vor all diesen Problemen steht und in den vergangenen Jahren versucht hat, intensiv Schulentwicklung zu machen. Das ändert auch etwas, was die Eltern betrifft, die möglicherweise vor zehn Jahren noch einen großen Bogen um diese Schule gemacht hätten. Und wenn es uns gelingt, das zu zeigen, kann man Eltern auch diese Angst vor der Schule ums Eck nehmen. Und für die Schule ums Eck spricht sehr viel.

Aber ist es nicht ein Versagen der Wiener Bildungspolitik, dass es Schulen gibt, um die Eltern einen Bogen machen?

Die Frage, wie manche Grätzel noch stärker durchmischt werden können, wie sie Anziehungspunkte sein können, ist stadtpolitisch sowieso ganz relevant. Für die es auch viele positive Beispiele gibt: den 16. Bezirk, den zweiten. Und wenn man in andere Städte schaut, möchte ich schon eines in Anspruch nehmen: Wir haben keine abgeschotteten Grätzel oder Bezirke, die man verloren gegeben hat. Das möchte ich auch für die Schulen so handhaben.

Lehrer und Autor Niki Glattauer hat zuletzt darüber gesprochen, Kinder per Bus in andere Bezirke zu schicken. Das wird hoffentlich nicht kommen.

Das ist keine Möglichkeit. Das wäre ganz sicher nichts, was die Eltern wollen. Man braucht die Eltern aber als Bildungspartner, die hinter den Lehrern stehen. Daher ist jedes Drehen an zu großen Rädern sicher nicht das Mittel der Wahl.

Ab Herbst zahlt Wien 100 Sozialarbeiter und Psychologen für die Schulen. Lang hieß es aus dem Stadtschulrat zu diesem Thema: Das zahlen wir nicht, das muss der Bund zahlen – während viele Jugendliche nicht die Betreuung bekamen, die sie gebraucht hätten. Hat man da auf dem Rücken der Schüler gepokert?

Wir haben immer darauf hingewiesen, dass es hier mehr Ressourcen braucht. Die Stadt hat sich aber auch in der Vergangenheit nicht aus der Verantwortung genommen, wie die Förderung 2.0 zeigt, die mit einem riesengroßen Betrag finanziert wird. Das ist für uns wichtig. Es ermöglicht, dass Schulen mit besonders viel Förderbedarf mehr Ressourcen bekommen. In dieser Tradition sehe ich auch die neue Maßnahme.

Aber man kann doch nicht Nachhilfe mit psychologischer Unterstützung vergleichen.

Es braucht beides. Und die Stadt Wien handelt auch. Auf Bundesebene läuft es genau andersherum: Im September ist eine Unterstützung für Flüchtlinge aus dem Integrationstopf paktiert worden. Und erst vor zwei Wochen hat das Bildungsministerium die Mittel vom Finanzministerium bekommen.

Sie schießen sich ganz gern auf das Finanzministerium ein.

Das ist schlicht und einfach die zuständige Stelle. Dass das bis April gedauert hat, ist angesichts der Tatsache, dass es da um Menschen geht, ein riesiges Problem. Wenn wir uns so lang Zeit lassen würden, wäre kein einziges Flüchtlingskind in einer Klasse.

In zwei Wochen findet die Zentralmatura statt. Vor allem Oberstufenrealgymnasien, ORG, haben im Vorjahr schlecht abgeschnitten, wie aktuelle Zahlen zeigen. Was halten Sie vom Vorschlag, die Oberstufengymnasien um ein Jahr zu verlängern?

Es braucht keine Verlängerung für alle Schüler, aber vielleicht für einzelne. Ich könnte mir vorstellen, dass man eine Art flexibler Schuleingangsphase macht, was mit der neuen Oberstufe leichter möglich ist. Dass die Schüler, die es brauchen, länger Zeit bekommen. Und es gibt auch Spielraum nach oben, was die Schnittstelle zwischen Unterstufe und Oberstufe betrifft.

Wie meinen Sie das?

Man muss auch bei den Modellregionen für die gemeinsame Schule mitdenken, wie eine Schulkarriere von der ersten Klasse Volksschule bis zur Matura oder Berufsausbildung aussehen kann. Wir möchten daran arbeiten, dass es mehr Kooperationen zwischen Unterstufen und Oberstufen gibt.

Trauen Sie sich zu wetten, wann die Bildungsreform durch ist?

Traue ich mich nicht.

Und ob diese Reform überhaupt je abgeschlossen wird?

Davon gehe ich aus.

ZUR PERSON

Jürgen Czernohorszky (39) löste nach der Wienwahl voriges Jahr Susanne Brandsteidl an der Spitze des Wiener Stadtschulrats ab. 2001 zog er – noch unter seinem Geburtsnamen Wutzlhofer – für die SPÖ in den Wiener Gemeinderat ein und war dort u. a. Jugendsprecher. Seit dem Jahr 2011 war der in der Penzinger SPÖ verwurzelte Soziologe Bundesgeschäftsführer der Kinderfreunde.

In Wien hat fast die Hälfte aller Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch. Elf Prozent der Volksschüler haben Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss. Es gibt aber auch in keinem Bundesland so viele Akademikerkinder. Letztere sind den anderen um drei Lernjahre voraus. Das haben die Bildungsstandards in Deutsch zuletzt gezeigt. Mehr als 2600 Flüchtlinge gehen in Wien zur Schule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2016)