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Scan dir deinen Jüngling doch!

(c) Secession, Foto: Iris Ranzinger
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In der Secession hat Oliver Laric seine ganz persönliche Skulpturensammlung ausgestellt, etwa den Jüngling vom Magdalensberg – besser gesagt, sich in 3-D ausgedruckt.

Es hatte etwas Gespenstisches: Drei Tage lang war jetzt auf dem Trafalgar Square in London eine Replik des vom IS zerstörten Triumphbogens von Palmyra aufgestellt. Wie das Tor zu einer anderen Dimension in einem Science-Fiction-Film. Zu diesem seltsam künstlichen Eindruck hat beigetragen, dass das Objekt, das nun auf Tour durch Europa gehen und schließlich in Palmyra nahe dem zerstörten Original landen soll, aus dem 3-D-Drucker stammt. Dass diese Technologie die Denkmalrestaurierung und letztendlich auch -forschung revolutionieren wird, kann man sich wohl sagen trauen. „Sollen wir uns ein neues Palmyra drucken?“, wird im Netz seit Monaten diskutiert. Die Datenerfassung von Denkmälern besonders in Krisengebieten gehört bereits zum Vorsorgeprogramm des internationalen Denkmalschutzes.

Die Secession-Ausstellung hebt das Thema des 3-D-Drucks in der Kunst auf eine allgemeinere Ebene: Kann sich jeder bald einen Palmyra-Bogen im Garten aufstellen? Kann sich jeder Max Klingers berühmte monumentale Beethoven-Skulptur ins Wohnzimmer hieven? Wie der 1981 in Innsbruck geborene, in Berlin lebende Künstler Oliver Laric es jetzt im Hauptraum der Secession macht? Dort stand der Beethoven bereits, 1902, als Zentrum der legendären Secessionisten-Gesamtkunstwerk-Ausstellung, in deren Rahmen auch Klimts „Beethoven-Fries“ entstand.

 

Jeder kann die Daten herunterladen

Jetzt ist Klingers Beethoven wieder zurück, als 3-D-Druck, nach fotografischen Daten, denn das Leipziger Kunstmuseum, wo das Original steht, soll einer Vermessung nicht zugestimmt haben. Es ist nämlich so: Das Copyright ist bei älterer Kunst zwar erloschen, die Daten schwirren deswegen trotzdem nicht umsonst im Netz herum. Noch nicht, Laric arbeitet daran. Ein wesentlicher Teil seiner Ausstellung findet im virtuellen Raum statt, er stellt die Daten der von ihm ausgewählten Skulpturen auf der Seite threedscans.com zur Verfügung. Mit dem Hinweis, er würde als Teil des Projekts gern informiert werden, wie die Scans verwendet werden.

Man kann die Installation in der Secession also auch als temporär Leib gewordene virtuelle Skulpturenhalde sehen: Sehr klassisch hat Laric hier eine wohldurchdachte Auswahl vor allem aus Wiens Museen, aber auch aus Wiens öffentlichem Raum aufgebaut. Alle im luziden Schimmer des Druckermaterials, das immer ein wenig nach Zuckerguss aussieht. Den Jüngling vom Magdalensberg etwa aus dem Kunsthistorischen Museum. Das Auguste-Fickert-Denkmal aus dem Türkenschanzpark von 1929. Der Lebendabguss von Fanny Elßlers rechtem Fuß im Ballettschuh aus dem Theatermuseum von 1847. Und auf dem Boden irgendwo liegt der Ausdruck einer gezähnten Rundkrabbe.

Man ahnt recht gut, was Laric will, man erkennt zwei Pfade, die einen durch die Auswahl führen: Einerseits geht es um eine Weiterführung der Tradition von Skulptur im öffentlichen Raum, der heute um das Internet erweitert gedacht werden muss. Andererseits geht es um den „Lebendabdruck“, die Verwandlung von Leben zu Kunst ohne Künstler. Die vielen Krabben, die hier herumkreuchen, erzählen davon, aber auch Lebendmasken, die Hollywoodstars abgenommen wurden. Oder eine Skulptur der heiligen Veronika mit dem Schweißtuch Christi, eine ziemliche Urform des 3-D-Drucks. Die Frage des öffentlichen Raums dagegen wird mit Denkmälern wie dem der Fickert, aber auch mit niedlicher tierischer Gemeindebau-Spielplastik aus den 1950er- und 1960er-Jahren thematisiert.

Theoretischen bzw. historischen Bezug nimmt Laric bei all dem auf François Willème, einen französischen Künstler, der 1860 einen Vorläufer der heutigen 3-D-Scan-Technologie patentieren ließ, was in Eduard Kuchinkas Buch „Die Photoplastik“ von 1926 Erwähnung gefunden hat. Laric nennt seine Ausstellung, natürlich, fast identisch: „Photoplastik“. Leitfigur Willeme ist auch physisch als 3-D-Wiedergänger in der Secession präsent, gleich vier Mal, in verschiedenen Größen, nach einem Selbstporträt aus der Albertina. Was in dieser Ruhmeshalle des 3-D-Prints eindeutig fehlt, ist der Lebendabdruck von Peter Weibel, der 2013 im ZKM Karlsruhe entstanden ist. Weibel beschäftigt sich wie Laric schon seit Jahren mit dieser Technologie, hat etwa erst vor einem Jahr im Grazer Artelier 3-D-Skulpturen aus der Geschichte gezeigt, Rodins Denker etc. Allerdings noch einmal verfremdet, nämlich wie in Scheibchen zersägt und versetzt wieder zusammengebaut.

„Photoplastik“, Hauptraum Secession, bis 19. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2016)