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Israel: Die ultraorthodoxen Außenseiter

(c) Reuters (Ammar Awad)
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Strenggläubige Juden misstrauen dem Staat, manche lehnen ihn ab. Wie tief der Graben ist, zeigt ein Fall um eine psychisch kranke Mutter, die ihr Kind fast verhungern ließ.

JERUSALEM. Sie hält sich stets die Hände oder ein Buch vors Gesicht. Auf den Fotos und Fernsehbildern sieht man nur ihre Kopfbedeckung und die langärmelige, hochgeschlossene Kleidung der fülligen 30-Jährigen. Die strenggläubige Frau, die von der israelischen Polizei vor gut zwei Wochen wegen Verdachts auf Kindesmisshandlung festgenommen wurde, hat kein Gesicht und keinen Namen. Und dennoch hat ihre Verhaftung in Jerusalem die schlimmsten Unruhen zwischen der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde und der Polizei seit vielen Jahren ausgelöst (mehr...).

Mit Steinen in der Hand und wutverzerrten Gesichtern stand der ultraorthodoxe Mob den israelischen Sicherheitskräften gegenüber. „Nazis!“, rief ein Sprechchor. Ein Demonstrant zeigte den Mittelfinger. Ein anderer ballte die Faust. Autos der Stadtverwaltung wurden demoliert. Aus einer abgeknickten Ampelanlage hingen die Glühbirnen heraus.

Männer und Burschen mit Schläfenlocken, Gebetsfäden und schwarzen Hüten, die normalerweise den größten Teil ihres Tages mit dem Studium der heiligen Schriften verbringen, gerieten völlig außer Kontrolle.

Dass die verhaftete Mutter, der vorgeworfen wird, ihren dreijährigen Sohn fast verhungern haben zu lassen, tatsächlich schuldig sein könnte, halten sie für unmöglich. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Doch die Ärzte vermuten, dass sie am Münchhausen-Stellvertreter-Symptom leidet, einer schweren psychischen Störung. Der Kranke fügt anderen Schaden zu, um selbst Aufmerksamkeit zu erhalten. Nur noch sieben Kilo wog der abgemagerte Junge, als die Ärzte im Hadassah-Universitäts-Krankenhaus intervenierten.

 

Unter Hausarrest

Als „Mengele“ beschimpften die Protestler die Ärzte daraufhin. Mit dem Buben seien medizinische Versuche gemacht worden und derlei Anklagen und Verschwörungstheorien mehr wurden vorgebracht. Die Lage drohte derart zu eskalieren, dass die Behörden sich schließlich auf einen Kompromiss einließen, sollte die Frau sich psychiatrisch begutachten lassen. Sie steht nun praktisch unter Hausarrest bei einem Rabbiner. Seit dieser Woche steht auch fest, dass sie vor Gericht gestellt wird. Die Lage scheint sich beruhigt zu haben – vorübergehend.

Doch anders als die sonst üblichen Proteste und Boykottaufrufe der „Haredim“ genannten Streng-gläubigen, etwa gegen ein Parkhaus nahe der Altstadt oder gegen die Homo-Parade zum Christopher Street Day, berühren die jüngsten Unruhen den Kern des Konflikts der Ultraorthodoxen mit dem Staat Israel.

 

Jüdischer Staat: Gotteslästerung

Sie misstrauen dem Staat zutiefst, und sie verachten die Nichtreligiösen. Vor allem aber lehnen sie, anders als die Nationalreligiösen, den Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, die den Staat Israel geschaffen hat, vehement ab. Einen jüdischen Staat zu schaffen, bevor der Messias kommt, ist ihrer Ansicht nach Gotteslästerung.

Die Ultraorthodoxen zahlen in der Regel keine Steuern, sind vom Militärdienst befreit und leben mit ihrer ständig wachsenden Kinderschar vor allem von Sozialleistungen. In den Augen der meisten säkularen Israelis nehmen sie viel und geben nichts. Insbesondere in Jerusalem findet ein Kulturkampf statt. Der Staat versucht dennoch, einen Burgfrieden zu wahren, denn trotz aller Ablehnung des Staates nehmen sie an den Wahlen teil und haben eine starke politische Lobby.

 

Radikale Minderheit

„Die große Mehrheit nimmt den jüdischen Staat inzwischen hin, auch wenn sie ihm misstrauen und ihn nicht mögen“, sagt der israelische Politologe Gilad Malach, der über politische Haltungen gegenüber den Haredim forscht. Es hat eine gewisse Israelisierung stattgefunden. „Doch eine kleine extremistische Minderheit von etwa 30.000 Ultraorthodoxen lehnt den Staat Israel radikal ab.“ Sie zahlen aus Prinzip keine Steuern und nehmen auch kein Geld vom Staat. Sie wählen nicht und sprechen Jiddisch statt Hebräisch. Aus dieser Gruppe, der „Eida Haridit“, stammt die Frau, die in den israelischen Medien den Spitznamen „die Hungermutter“ erhalten hat.

Auch wenn die Eida Haridit nur etwa fünf Prozent der Ultraorthodoxen stellt, so haben ihre Mitglieder doch großen Einfluss auf die gesamte Gemeinde der Haredim. „Sie gelten als rein. Man bringt ihnen Achtung und Anerkennung entgegen.“ Keiner der Rabbiner oder lokalen politischen Vertreter hat es gewagt, sich gegen die gewalttätigen Unruhen auszusprechen.

„Hinzu kommt, dass der Vorwurf der Kindesmisshandlung für die kinderreichen Frommen die schlimmste Beleidigung ist“, so Yehuda Goodman von der Hebräischen Universität Jerusalem, der auf den Umgang der Haredim mit psychischen Krankheiten spezialisiert ist: „Es ist ein sehr sensibles Thema.“

Sie fühlen sich von den Nichtreligiösen an den Pranger gestellt. Eine psychische Krankheit in der ultraorthodoxen Gemeinschaft hat zudem weitaus schlimmere Folgen als in der säkularen Welt: „Die ganze Familie ist stigmatisiert, und wegen ,schlechter Gene‘ verringern sich ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt.“ Aus diesem Grund würden psychische Krankheiten oft verheimlicht.

 

Auf Kaution frei

Dass die „Hungermutter“ in aller Öffentlichkeit verhaftet wurde, sei eine schockierende und traumatische Erfahrung für die Ultraorthodoxen, sagt Goodman: „Das Misstrauen ist ohnehin schon da. Da hat es nur einen Funken gebraucht, um eine Explosion herbeizuführen.“ Die „Hungermutter“ ist vorerst auf Kaution frei. Doch der Prozess wird kommen. Und mit ihm wahrscheinlich eine neue Runde gewaltsamer Proteste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2009)

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