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VW ist ein „quicklebendiges Unternehmen“

Volkswagen Werk Wolfsburg
Volkswagen Werk Wolfsburg(c) APA/dpa/Julian Stratenschulte (Julian Stratenschulte)
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Vorstandschef Müller zog in Wolfsburg Bilanz über die Krise und verspricht für 2016 „ein neues und besseres Volkswagen“. Die Organisation wird vereinfacht, Elektroautos sollen zum Markenzeichen werden.

Wolfsburg. Es war bisher eine schöne Tradition. Jedes Jahr flog Volkswagen Journalisten und Investoren aus aller Welt nach Wolfsburg, um dort eine stets erfreuliche Jahresbilanz zu präsentieren: neue Rekordumsätze, neue Rekordgewinne. Auch 2015 konnte man den Umsatz wieder steigern, diesmal um 5,4 Prozent (auf 213 Milliarden Euro, etwa zehn Mio. Fahrzeuge wurden verkauft).

Doch das interessiert heuer niemanden. Alles dreht sich um die Abgasthematik, die Dieselthematik, wie es die Vorstandsmitglieder des Konzerns bei der gestrigen Jahrespressekonferenz in Wolfsburg genannt haben. Und es geht auch um die „Sondereinflüsse“: die Rückstellungen in Höhe von 16,2 Milliarden Euro, die aufgrund der Abgasmanipulationen notwendig sind und die dem Konzern mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust seiner Geschichte bescheren.

 

Ein solides Auto für solide Bürger

Man hatte ein schönes Umfeld für die unschöne Thematik gewählt: die Autostadt in Wolfsburg, in der sich jährlich 160.000 Kunden ihren Neuwagen aus gestylten Glastürmen persönlich abholen. Manche bringen die ganze Familie mit, um das Auto gebührend in Empfang zu nehmen: einen Passat oder Tiguan, ein solides Auto für solide Bürger.

Mit dem Abgasskandal hat sich Volkswagen dieses Image zerstört. Ausgerechnet im Land der Ingenieure musste man zu Manipulationen greifen, um Abgasvorschriften erfüllen zu können. Die Konsequenzen kennt Vorstandsvorsitzender Matthias Müller: „Wir wissen, dass wir dadurch viele Menschen enttäuscht haben. Mit den Software-Manipulationen bei Dieselmotoren wurden bei Volkswagen Regeln gebrochen und ethische Grenzen überschritten. Das schmerzt uns – und das tut uns aufrichtig leid.“

Wie leid, das zeigt man nicht nur mit Milliardenzahlungen an US-Kunden – in Europa gibt es wegen „anderer Rahmenbedingungen“ (Müller) keine ähnlichen Schadenersatzzahlungen oder Rückkäufe –, sondern auch mit Milliardeninvestitionen in die Umwelt. Etwa 1,8 Milliarden Euro hat man für grüne Projekte in den USA veranschlagt.

Bei VW selbst wird 2016 alles besser. Dies werde das Jahr sein, „in dem wir das Fundament für ein neues, ein besseres Volkswagen legen“, meint Müller, der im September 2015 dem im Zuge von „Dieselgate“ zurückgetretenen Martin Winterkorn an der Konzernspitze nachgefolgt ist. Übersetzt in sechs Sprachen, darunter Chinesisch, verbreitet er zweieinhalb Stunden lang Optimismus. „Volkswagen ist viel mehr als Krise“, meint er. Gerüchte, man werde eine der zwölf Marken zur Finanzierung des Skandals verkaufen, weist er zurück. VW ist ein „quicklebendiges Unternehmen“.

Ein Teil der Neuausrichtung ist ein Abgehen von der Führungsstruktur von Vorgänger Winterkorn. Er hatte bis auf Markenebene hineinregiert, die Letztentscheidung lag stets bei ihm. Künftig wird man die Verantwortlichkeit in die Baureihen verlagern, so, wie das Müller schon in seiner Zeit als Porsche-Chef getan hat. Das soll mehr Flexibilität und schnellere Reaktionen bringen.

Doch all das wird Zeit brauchen, und deshalb stimmt man die Investoren schon auf schlechtere Ergebnisse für 2016 ein. Man hoffe zwar, wieder etwa zehn Millionen Fahrzeuge verkaufen zu können. Allerdings mit Abschlägen: Der Umsatz werde aus heutiger Sicht bis zu fünf Prozent unter 2015 liegen.

Die Neuorganisation wird natürlich auch von einer Wertediskussion begleitet. Man werde „unsere mehr als zehn Jahre alten Konzernwerte“ auffrischen. Integrität solle „tief im gesamten Unternehmen“ verankert werden. Und da es beim Skandal um die Umwelt gegangen ist, will man auch mehr Augenmerk auf Nachhaltigkeit legen. Helfen soll dabei ein externer Beirat.

Zum neuen Volkswagen gehört zudem, dass man stärker als bisher auf Elektromobilität setzen wird. Das E-Auto soll „zum neuen Markenzeichen“ werden. Allerdings ohne Hilfe aus Silicon Valley: „Wir unterhalten uns nicht mit Apple und Google“, stellt der Konzernchef auf eine entsprechende Frage klar.

Alles wird anders bei VW, auch die Entlohnung der Vorstände. Sie müssen auf 30Prozent ihrer Boni verzichten. Exchef Winterkorn fiel gar von 16 Millionen Euro, die er noch 2014 erhalten hatte, auf 7,3 Mio. Euro Gehalt für vergangenes Jahr. Je nach Sichtweise – relativ viel oder relativ wenig.

Nur etwas ist in der Konzernzentrale in all dem Chaos gleich geblieben: der Erfolg der legendären VW-Currywurst. Von ihr verkaufte man im vergangenen Jahr 7,2 Millionen Stück. Auch ein Rekord. (rie)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2016)