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Das kleine Tao der Tiere

„Der Asphalt, auf den ich mich aus dem fünften Stock stürzte, war weich von der Sonne. Das Gift bescherte mir nichts als einen sieben Wochen dauern-den Rausch. Meine Pulsadern waren zu verkalkt, um mich verbluten zu lassen. Aber auf-geben?“ Fünf Kurzerzählungen.

Die Erbsünde
Ich betrete ein altmodisches Gemischtwarengeschäft. Der Verkäufer steht hinter seinem Tresen und „ist“ ein älterer Herr; freundlich runzelt er mich an, ehrerbietig bereit, meine Wünsche zu erfüllen, sofern dies in seiner Macht liegt. Ich sage: Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, bitte schön.

Der Alte starrt mich verdutzt an und öffnet seinen Mund, ohne etwas zu sagen. Dann besinnt er sich, legt seinen Kopf schief, lächelt wieder und sagt: Wie bitte?

Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, sage ich.

Er beginnt, langsam den Kopf zu schütteln.Ich verstehe nicht, sagt er, was wollen Sie?

Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, wiederhole ich, unerbittlich.

Das soll wohl ein Scherz sein, sagt der Verkäufer, schon leicht ärgerlich.

Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, sage ich. (Ich lasse mich nicht beirren.)

Was?

Bitte eine Handvoll Rosinen.

Ah, macht er, und sein Gesicht hellt sich dankbar auf, Rosinen wünschen der Herr also!

Nein, einen Mundvoll Hornissen möchte ich, bitte, danke, entgegne ich.

Der Alte schüttelt wieder den Kopf, diesmal heftiger, als wollte er eine Fliege verscheuchen, die sich ihm immer wieder ins Gesicht setzt.

Das ist nicht lustig, sagt er dann, sich verstohlen im Laden umsehend, ob er eine versteckte Kamera entdecken kann. (Natürlich befindet sich keine Kamera in diesem Laden, zumindest nicht, dass ich wüsste.)

Einen Mundvoll Hornissen, bitte sehr, sage ich.

Der alte Mann greift in seine Hosentasche und holt sein Telefon hervor. Auf seinen blassen Wangen sind rote Flecken erschienen. Bitte verlassen Sie mein Geschäft oder ich rufe die Polizei, murmelt er, betont gelassen.

Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, sageich, ohne Gnade.

Der Verkäufer richtet sein Telefon auf mich, alswäre es eine Waffe. Eine Zeit lang sehen wir uns schweigend und reglos in die Augen. Ich spüre, dass er spürt, dass mit mir nicht zu spaßen ist. Schließlich steckt er sein Telefon ein und beugt sich leise grummelnd unter den Tresen. Er legt eine kleine schwarze Plastikkiste vor mich hin, aus der ein fingerdicker, grüner Schlauch in bequemer Länge führt. Ich kann ein böses Summen hören.

Na eben, sage ich und lege das Ende des Schlauchs zwischen meine Lippen. Ich sauge kräftig an, und beinahe sogleich fühle ich das alte, alte, köstliche Gefühl lange entbehrter Geborgenheit sich in meinem ganzen Körper ausbreiten wie ein Spritzer Tinte in einem Glas Wasser. (Man muss sich durchsetzen können, heutzutage.)


Die Ausdauer
Ich bin schwanger, sagte sie. Schnell versuchte ich mich aufzuhängen, aber der Strick riss.

Neun Monate später drückte sie das Kind aus sich heraus wie Zahnpaste aus der Tube. Eswar ein kleines Ungeheuer mit Nägeln als Zähnen und lodernden Flammen als Augen. Als ich es zum ersten Mal im Arm hielt, versengte ich mir die Wimpern und die Nasenspitze.

Kurz nach der Geburt versuchte ich, mir eine Kugel in den Kopf zu schießen, aber sie blieb in meinem Gehirn stecken, und das einzige Ergebnis war, das ich die Worte für Alltagsgegenstände mit abstrakten Begriffen verwechselte. Kannst du mir einmal die Verzweiflung rüberreichen, sagte ich zum Beispiel beim Mittagessen. Oder: Die Vergangenheit leckt schon wieder, wir müssen den Installateur anrufen.

Das Kind gedieh wie Brunnenkresse in Styropor. Nach zwei Monaten war es erwachsen und verließ die Familie, um Grundnahrungmittelschmuggler in Afrika zu werden. Grundnahrungsmittel waren zu dieser Zeit in den armen Ländern der Welt schon von der Weltregierung bei Todesstrafe verboten, und es war ein nobler, wenn auch gefährlicher Beruf.

Ich war stolz auf mein Kind, das kein eindeutiges Geschlecht hatte, sondern ein zweites Gesicht zwischen den Beinen. Das Gesicht sah mir sehr ähnlich und war stumm und immer traurig.

In den Jahren danach versuchte ich einundzwanzigtausendmal, mich umzubringen, doch irgendetwas ging immer schief dabei. Der Asphalt, auf den ich mich aus dem fünften Stock stürzte, war weich von der Sonne, das Gift bescherte mir nichts als einen sieben Wochen dauernden Rausch, meine Pulsadern waren zu verkalkt, um mich verbluten zu lassen, und so weiter und so fort ...

Aber aufgeben?

Die Mutter meines Kindes hatte übrigens großes Glück und verstarb an Engstirnigkeit: Ihr Gehirn erlitt eine tödliche Quetschung durch den chronischen Platzmangel.

Von meinem Kind hörte ich nie wieder ein Wort, außer dass es mir manchmal im Traum erschien, als ganz gewöhnliches Baby, mit wie Diamanten funkelnden Augen und einem mich zu Tränen rührenden, zahnlosen Lächeln. Es war ein Mädchen, und ich nannte es: Apfelkompott, weil es süß und weich und nass war. Dann wachte ich unweigerlich auf in meinem trostlosen Körper.

Viele Fragen, keine Antworten.


Der Umweg

Also, stell dir vor, ich bin gerade kurz davor, das Lösungswort vom Kreuzworträtsel zu finden, es kitzelt mich sozusagen schon auf der Zunge, da kommt so ein dünner, unrasierter Mann in einem abgewetzten Ledermantel an meinen Schalter. Er hat zwei dunkle Flecken unter den Augen, Schatten oder Dreck oder Asche, kann ich nicht sagen. Ich schaue ihn an, ziemlich genervt, weil mir das Lösungswort, das mir ja sozusagen schon auf der Zunge gelegen ist, wieder weggerutscht ist, und als ich seine Augen sehe, kriecht mir gleich so ein kaltes, kribbelndes Gefühl die Wirbelsäule hoch in den Nacken, wie Angst, keine Ahnung, wieso.

Und er, er sagt doch glatt, ohne Begrüßung, er wäre ein achtjähriges Kind, das in diesem Erwachsenenkörper gefangen wäre, und dadurch in einem falschen Leben, und ich müsste ihm helfen.

Mir steht für eine Sekunde buchstäblich der Mund offen, ich habe hier ja schon einiges erlebt, aber auch mich kann man noch überraschen. In dieser einen Schrecksekunde, musst du dir vorstellen, sehe ich mich sozusagen selbst von außen, wie ich völlig überrumpelt dasitze, mit offenem Mund, einem glänzenden Speichelbläschenauf der Oberlippe und blödem Glotzen. Dann fange ich mich doch wieder ein und sage darauf: Mein Herr, das hier ist das Fundamt, vielleicht sollten sie zur psychiatrischen Klinik gehen, die ist gleich links um die Ecke, mit einem großen Park, kann man gar nicht verfehlen, auf Wiedersehen.

Dann sagt er doch glatt, ja, er wisse, dass das hier das Fundamt sei, und er wollte eben fragen, ob nicht ein leerer Kinderkörper abgegeben worden sei, acht Jahre alt, hellbraunes, fast blondes Haar, rundliches Gesicht, noch eine Zahnlücke vorne, braune Augen, eine ganz kleine, beinahe verheilte Schramme an der linken Schläfe.

Meine Handflächen schwitzen schon, wer weiß, was dem Irren einfällt, denke ich, der erwürgt mich mit bloßen Händen, wenn ich nicht mitspiele in seinem Wahnsinn, und ich lege schon vorsichtig, langsam eine Hand auf den Telefonhörer, unter der Ablage, so, dass er es ja nicht mitbekommt, und dann sage ich extra höflich und mitfühlend, um ihn nicht zu reizen: Tut mit leid, hier ist kein Kind abgegeben worden, leider nicht, bedaure sehr.

Sicher?, sagt er.

Ganz sicher, sage ich und hoffe, dass er das Zittern in meiner Stimme nicht bemerkt.

Sicher?, sagt er nochmal.

Ich: Sicher, sicher. Bedaure sehr. Vielleicht woanders. Abgegeben worden. Nicht bei uns. – Daraufhin dreht er sich um und geht zur Tür. Er legt eine Hand auf die Klinke, und dann dreht er nochmal den Kopf und schaut mich so über seine Schulter an und sagt: Ich will zu meinem Papa. Ganz ruhig sagt er das, mit einer tiefen, irgendwie summenden und rauen Stimme. Dann verschwindet er durch die Tür. Von draußen kommt ein heiseres Aufheulen wie von einem Wolf, und ein Poltern, als würde jemand mit schweren Stiefeln auf den Boden stampfen. Das dröhnende Zuschlagen des Eingangsportals. Und dann Stille.

Ich sitze noch eine Zeitlang so da, mit leerem Kopf, bis mein Herz wieder langsamer schlägt. Irgendwann nehme ich die Zeitung mit dem Kreuzworträtsel und knülle sie zu einem Papierball und werfe sie in den Mistkübel, auf einen braunen, halb gegessenen Apfel und zwei verbogene Büroklammern. Morgenist ja sicher auch noch ein Tag. Hoffentlich.


Die Trauer
Es ist ein ganz normaler Tag, und auf meinem Fensterbrett sitzt ein zitronengelber Schmetterling.

Das Kindermädchen liegt nackt im Bett und schläft noch, mit tiefen, leise rasselnden Atemzügen. Es ist früher Morgen. Ich schweige den Schmetterling auf dem Fensterbrett an und empfinde einen zitronengelben Frieden in meiner Brust. Meine Frau ist seit zwei Stunden tot. Sie liegt im Badezimmer, mit dunkelblauen Flecken an ihrem Hals und in ihrem Gesicht. Über ihr Kinn tröpfelt noch immer das Blut aus ihrem Mund, das noch warm ist. Das weiß ich, weil ich gerade eben einen Finger hineingetaucht habe. Ich habe ihr Abflussreiniger in die Cornflakes getan, und sie hat sie ganz aufgegessen, ohne etwas zu bemerken, so, wie sie nie etwas bemerkt hat, so, wie sie alles Unangenehme immer weggeschoben hat von sich, wie sie jeden schwarzen Gedanken versteckt hat vor sich in irgendeiner staubigen Kiste in der hintersten Gruft des Gedankenfriedhofs, der ihr Gehirn ist. Jetzt ist sie frei von allem Unheil.

Das Kindermädchen räkelt sich im Bett, und der zitronengelbe Schmetterling schlägteinmal kurz mit seinen Flügeln, ohne aufzufliegen. In Kürze werde ich das Kindermädchen erwürgen mit meinen bloßen Händen, weil ich Geschmack daran gefunden habe, Leben zu beenden. Zu dem gelben Falter gesellt sich jetzt ein zweiter, orangeroter. Wo kommt ihr her, mitten im Winter?, frage ich die Schmetterlinge. Sie winken mir mit ihren Fühlern. Ich werde so viele Menschen töten, wie ich nur kann, bevor sie mich einsperren. Es ist einfach an der Zeit, etwas Sinnvolles mit meinem Leben anzufangen, denke ich. Die Schmetterlinge sitzen auf meinem Fensterbrett und sind meine besten Freunde in dieser noch stillen, grauen Morgenwelt.

Ich lege meine Hände um den Hals des Kindermädchens und küsse sie sanft auf die Stirn. Dann drücke ich zu.

Und jetzt sitzt auch noch ein dritter Schmetterling auf dem Fensterbrett. Er ist grau. Es ist ein Nachtfalter, der noch wach ist, obwohl die Nacht schon vorüber ist. Guten Morgen, sage ich zu den Schmetterlingen. Sie sind mein Publikum, als ich das Kindermädchen erwürge. Nachdem sie ganz still geworden ist, sind es schon sechs oder sieben Schmetterlinge. Ich kann sie nicht mehr genau zählen, weil meine Augen in Glück schwimmen. Niemand weiß, wer ich bin.

Ich ziehe meinen Mantel an. Die Leichen, die ich geliebt habe, lasse ich so liegen, wie sie liegen. Ich ziehe meine Schuhe an und setze meine Haube auf. Ich werde meine Mutter besuchen. Sie freut sich sicher. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Es wird dunkel im Zimmer, weil schon beinahe die ganze Fensterscheibe voll von Schmetterlingen in allen Farben, Formen und Größen ist. Sie applaudieren mir lautlos mit ihren Flügeln. Ich lege meinen Schal um den Hals. Im Dunklen taste ich mich zur Wohnungstür. Dann gehe ich nochmal zurück und öffne das Fenster, um die Schmetterlinge einzulassen.

Was für ein Geflatter!


Die Freiheit
Sobald die ersten Menschen in die Freibäder aufbrechen, weil ihnen in ihren Wohnungen das Atmen schwerfällt, wenn also der Sommer angefangen hat zu beginnen, hole ich meine alten Eislaufschuhe aus dem Winterkasten und schnüre sie an meinen Füßen fest. Das früher weiße, jetzt gelbliche Leder ist schon etwas brüchig, schon ein bisschen rissig, aber sie passen mir noch gut und sind noch ganz in Ordnung. Das Kreischen der Metallkufen auf dem Asphalt ist eines der grässlichsten Geräusche, die ich kenne.

Die Leute auf der Straße pressen sich die Hände auf die Ohren und öffnen ihre Münder zu einem lautlosen Schrei.

Manche sinken auf die Knie, auf den heißen Gehsteig, als würden sie beten, die Handflächen auf die Schläfen gedrückt.

Natürlich stürze ich sehr oft, weil der Asphalt sich nicht zum Eislaufen eignet und den Kufen unerbittlichen Widerstand leistet.

Das Blut läuft aus meinem Mund über mein Kinn in meinen Hemdkragen und sammelt sich in meinem Hosenbund.

Heute habe ich schon zwei Zähne, oder vielleicht nur Teile davon, ausspucken müssen, sonst hätte ich sie verschluckt.

Die Tauben und Spatzen tauchen ihre Schnäbel in die hellrosa Kleckse, die ich auf den Gehsteig geprustet habe.

Ich bin ein freier Mensch mit meinem freien Willen, und es steht mir frei, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, sage ich zu den Polizisten, die mich davon abhalten wollen, auf dem Gehsteig eiszulaufen. Einer von ihnen schlägt mir mit einem Knüppel in die Magengrube. Das tut eigentlich gar nicht weh, aber mir wird ein bisschen übel.

Der Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit, denn Eislaufen ist mein Lieblingshobby. Ist es schon gewesen, als ich noch ein ganz, ganz kleines Kind war. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2009)