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US-Aktien in Fahrt: Turbulente Reise mit hohem Risiko

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(c)bilderbox.com (Wodicka; A-4062 Thening)

Hauptgrund für die aktuell steilen Kursanstiege sind überraschend positive Quartalsergebnisse der Unternehmen. Die Ergebnisse sehen allerdings besser aus, als sie sind - die Risken für Anleger sind nach wie vor hoch.

Positive Nachrichten aus der Wirtschaftswelt sind seit Ausbruch der Finanzkrise eher Mangelware. Umso größer war diese Woche der Jubel an der New Yorker Wall Street, als der Dow-Jones-Index erstmals seit Anfang Jänner die Marke von 9000 Punkten durchbrach. Der wichtigste Aktienindex der Welt hat nun innerhalb von knapp fünf Monaten 38,5 Prozent zugelegt. Einen derartigen Zugewinn hatte es zuletzt 1975 gegeben, als sich an den Börsen wegen der unstabilen wirtschaftlichen Lage eine regelrechte Berg-und-Tal-Fahrt abspielte.

Den Hauptgrund für die aktuell steilen Kursanstiege liefern die Unternehmen in Form von überraschend positiven Quartalsergebnissen. Auch wenn der Softwaregigant Microsoft mit einem Gewinneinbruch von 29 Prozent die Einschätzungen der Analysten bei Weitem verfehlte: Insgesamt lagen drei Viertel der bisher präsentierten Quartalszahlen über den Erwartungen der Experten. Das war zuletzt im ersten Jahresviertel 1994 der Fall.

Instabile Trendwende. Während also die Realwirtschaft nach wie vor mitten in der Rezession steckt, und die Arbeitslosigkeit im Steigen begriffen ist, scheint an den Aktienmärkten eine Trendwende eingesetzt zu haben. Im Normalfall geben die US-Börsen das Tempo für die anderen Handelsplätze vor. Deshalb fragen sich nun viele Investoren weltweit, ob es bereits wieder relativ sicher ist, sein Geld breit gestreut in die Aktienmärkte zu stecken.

„Nein“, sagt Andrew Seibert vom Investmentberater Nextier Wealth Management im US-Bundesstaat Pennsylvania. „Die Investoren haben den Markt bereits viel zu weit nach oben getrieben“, meint er. Deshalb müsse man gerade jetzt „besonders vorsichtig sein“. Denn kurzfristig mag ein Investment in US-Aktien aktuell vielleicht Erfolg bringen. „Es werden aber noch einige Kursstürze folgen“, glaubt Seibert. Erfolgversprechend sei es nur, gezielt auf Unternehmen zu setzen, die ihre Quartalszahlen nicht durch Sonderposten „schön gefärbt“ hätten.

Ein Blick auf die Ergebnisse zeigt, dass tatsächlich vor allem Banken von einmaligen Ereignissen beziehungsweise höheren eingegangenen Risken profitiert haben. Von einer Erholung der gesamten Branche kann also noch nicht wirklich die Rede sein.

Die Bank of America etwa verbuchte einen Gewinn von 3,2Mrd. Dollar (2,25Mrd. Euro). Darin seien allerdings mehrere Sonderposten beinhaltet, ohne die es einen deutlichen Verlust gesetzt hätte, analysierte das „Wall Street Journal“. So verkaufte das Institut beispielsweise seinen 5,3 Mrd. Dollar schweren Anteil an der China Construction Bank. Unternehmenschef Kenneth Lewis wollte bei der Präsentation der Zahlen zwar nicht bestätigen, dass es ohne den Sondereffekt ein Minus gegeben hätte, wies aber darauf hin, dass es im zweiten Halbjahr „deutlich schwerer“ sein werde, positiv zu bilanzieren.

Besonders leidet die Bank unter den Verlusten im Kreditkartengeschäft. Im zweiten Quartal stand ein Minus von 1,6 Mrd. Dollar in diesem Bereich zu Buche. Diese Verluste dürften in der zweiten Jahreshälfte noch größer werden, weil die weitersteigende Arbeitslosigkeit die Zahlungsunfähigkeit vieler Kunden der Bank bedeuten könnte, warnen Experten.

Schlechte Daten gut darstellen. „Die Banken müssen ein schönes Antlitz präsentieren“, sagt Paul Miller, ein Analyst beim Investmenthaus FBR Capital Markets. „Deshalb versuchen sie verzweifelt, schlechte Daten so gut wie möglich darzustellen.“ Miller glaubt, dass der Quartalsgewinn der Bank of America der letzte „für eine ganze Weile“ sein wird. Er empfiehlt, die Aktien des Instituts zu verkaufen.

Ähnlich schlecht sei die Situation auch bei Citigroup, sagt Miller. Die einst größte Bank der Welt habe nur dank der einmaligen Ausgliederung des Brokers Smith Barney einen Gewinn bilanzieren können. Auf diese Art konnte Citigroup Verluste in der Höhe von 6,7 Mrd. Dollar verpacken, die andernfalls in der eigenen Bilanz sichtbar gewesen wären. Der offizielle Quartalsgewinn der Bank beläuft sich auf 4,3 Mrd. Dollar.

Von nun an werde Citigroup „Quartal für Quartal gegen hohe Verluste kämpfen“, meint Miller. Ein Ende dieses Kampfes sei frühestens in ein bis zwei Jahren zu erwarten. Viele Experten sind nach wie vor der Meinung, dass vor allem die Citigroup noch eine hohe Zahl von uneinbringlichen Krediten in ihren Bilanzen hat. Kommen diese zum Vorschein, könnte das eine erneute Verkaufswelle an den Börsen auslösen und die Kursgewinne der vergangenen Wochen auffressen.

Von den großen US-Banken konnten lediglich Goldman Sachs und JP Morgan hohe Gewinne ohne Sondereffekte verbuchen. Allerdings ist der Rekordgewinn von Goldman Sachs unter anderem auf eine Erhöhung des Risikos zurückzuführen. Der maximale Verlust eines Handelstages für die Aktienhändler wurde im Vergleich zu Mai des Vorjahrs von 184 Mio. auf 245 Mio. Dollar angehoben. „Jene Banken, die Gewinne erzielen, tun dies fast ausschließlich im Aktienhandel“, sagt Miller. „Und in dieser Disziplin zählt Goldman zu den Besten.“ Eine Kaufempfehlung für das Institut traut er sich aber nicht auszusprechen, weil „alle Banken unter dem schlechten Konsumentengeschäft“ leiden.

Coca-Cola als Kaufempfehlung. Genauso wie die meisten Experten empfiehlt Miller deshalb, die Finger von Bankaktien zu lassen. Im Gegensatz dazu rät im Moment die Mehrheit einer vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ befragten Analystenrunde zum Kauf der Aktie von Coca-Cola. Der Getränkehersteller konnte seinen Gewinn im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 43 Prozent auf 2,04 Mrd. Dollar steigern.

„Die meisten Firmen haben ihr Geld durch Kosteneinsparungen verdient. Davon kann man aber nur bis zu einem gewissen Grad profitieren“, sagt Howard Silverblatt von der Ratingagentur Standard&Poor's. Vielversprechender seien deshalb Aktien von Firmen, die hohes „Absatzpotenzial“ haben. Bei Coca-Cola sei dies vor allem in China und Indien der Fall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2009)