Die erlebnisorientierte Gerlinde Kaltenbrunner und der geschwindigkeitsfanatische Christian Stangl. Auf dem K2, dem zweithöchsten Berg der Erde, treffen die beiden erstmals aufeinander.
Das historische Ereignis hätte eigentlich schon 1992 stattfinden sollen – eine Frau auf dem Gipfel aller 14 Achttausender. Wanda Rutkiewicz, die in Litauen geborene Polin mit österreichischem Pass, wollte nach dem Südtiroler Reinhold Messner und dem Polen Jerzy Kukuczka der dritte Mensch sein, der alle Achttausender bewältigt.
Sechs Achttausender hatte sie 1991 bereits bestiegen, den Mount Everest (1978) und den K2 (1986) jeweils als erste Frau, die restlichen acht wollte sie in einem Marsch besteigen. „Karawane der Träume“ nannte Rutkiewicz dieses Abenteuer. Zwei Gipfel erreichte sie, knapp unterhalb jenes des Kangchendzönga wurde sie noch gesehen, seither gilt sie als vermisst. Der Run auf den Rekord war jäh gestoppt. Für Jahre.
Erst nach der Jahrtausendwende standen sich plötzlich drei Frauen gegenüber, die Achttausendergipfel zu sammeln schienen wie andere Wanderabzeichen in den Hohen Tauern: Die Oberösterreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, die Italienerin Nives Meroi und die Spanierin Edurne Pasaban.
Kaltenbrunner könnte nun in „Führung“ gehen. Die Wetterbedingungen im Karakorum sind optimal, heute, Sonntag, will sie die Spitze des K2, des zweithöchsten Berges der Erde, in 8611 Meter Höhe erreichen. Sie wäre damit die erste Frau, die 13 Achttausendergipfel erreicht – Weltrekord. Nur der Everest fehlt ihr noch.
Doch aus Kaltenbrunners Sicht geht es – so paradox das klingen mag – nicht um ein Wettrennen. „Wettkampf bedeutet mir nichts“, sagt die gelernte Diplomkrankenschwester aus Kirchdorf an der Krems, die im Jahr 2003 ihr Hobby Bergsteigen zum Beruf gemacht hat. Ihre Karriere als Nachwuchsskiläuferin hatte sie frühzeitig abgebrochen, weil ihr die Konkurrenz mit ihren Freundinnen zuwider war. Worte wie „Gipfelsieg“ oder die Phrase vom „Berge bezwingen“ hat sie aus ihrem Wortschatz gestrichen. Natürlich sei es das Allerschönste, sagt die 38-Jährige, ein Ziel, das man sich in den Kopf gesetzt hat, zu erreichen und ganz oben zu stehen: „Über einem nur Himmel, kaum Wolken und unendliche Fernsicht.“
Das klingt etwas entrückt, aber doch authentisch, wenn sie sagt: „Es sind diese wunderschönen Momente da oben. Es fällt mir schwer, mit Worten auszudrücken, was ich dort empfinde, spüre und erlebe. Trotz der Anstrengungen, die gehören dazu.“
Dass sie die erste Frau sein möchte, die alle 14 Achttausender besteigt, das habe ihr irgendjemand einmal in den Mund gelegt. Sie möchte bloß einmal auf allen Gipfeln stehen. Das sei ihr Traum. Diesen und eine große Leidenschaft teilt sie mit Meroi und Pasaban. Um dies zu dokumentieren, ging Kaltenbrunner vor zwei Jahren mit der Spanierin gemeinsam die letzten Meter zum Gipfel des Broad Peak hoch.
Darauf, die Erste zu sein, lege sie es nicht an. Auch wenn es die Vermarktung durch die Agentur amical.de ihres Mannes Ralf Dujmovits erleichtern würde. Der Deutsche aus dem Schwarzwaldstädtchen Bühl zählt seit Mai dieses Jahres als erst 16. zum elitären Kreis derer, die alle 14 Achttausender bestiegen haben. Würde sie Erste sein wollen, sagt Kaltenbrunner, „würde ich Fixseile und Hochträger einsetzen und nur Normalrouten gehen. Bei anspruchsvolleren Routen, die ich oft wähle, ist die Chance geringer, Erfolg zu haben.“ Sie lege Wert darauf, dass sie alle Gipfel im Alpinstil, also ohne Sauerstoffgeräte, erklommen habe.
Ganz im Gegensatz zur Koreanerin Oh Eun-sun, die bei ihren zwölf Erfolgen mehrfach künstlichen Sauerstoff verwendete. Eun-suns Gipfelsturm scheint eine Art nationales Anliegen zu sein, zahlreiche Sponsoren investieren in den Rekord. Und sie scheuen sich nicht, die Alpinistin per Hubschrauber von einem Berg zum nächsten zu fliegen.
Tempo, Tempo. Schnell rauf, schnell runter, das ist auch das Motto von Christian Stangl. „Der Alpinismus hat sich seit 50, 60 Jahren nicht verändert. Den Everest zu besteigen ist heute keine Höchstleistung mehr.“ Also beschloss er, etwas Neues zu machen, auf höchste Berge hinaufzulaufen. Er nannte es „Skyrunning“. Den Mount Everest erlief er in nur 16 Stunden und 42 Minuten, den 5895 Meter hohen Kilimandscharo in nur 5:38 Stunden.
Er rannte die „Seven Summits“ hinauf, die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente jeweils vom Basislager zum Gipfel, danach vier Sechstausender an einem Tag. Viele dieser Berge in Weltrekordzeit. Zu Hilfe kommt ihm sein für Höhenkrankheit kaum anfälliges Naturell, Akklimatisation ist für ihn ein Fremdwort. Bei den meisten beginne die Todeszone bei 7800 Metern, bei ihm wahrscheinlich erst bei 8200, meinte er einmal. Logisch, dass auch er auf Sauerstoff und Fixseile verzichtet, verfügt er doch über reiche alpinistische Erfahrung. Skyrunning ist für ihn nichts anderes als Spitzensport, wie ein Ironman in extremer Höhe. „Ich will frischen Wind in die Szene bringen“, sagt er, „noch bin ich Pionier, vielleicht ist mein Sport in 20 Jahren Standard.“ Bergsteigen mit einem gänzlich anderen Zugang als Kaltenbrunner.
Ihre aktuellen Projekte aber bringen die beiden ganz nahe aneinander. Sie wollen beide an diesem Wochenende auf dem Gipfel des K2 stehen. Beide sind auf dem „Berg der Berge“, wie ihn Reinhold Messner einst titulierte, bereits gescheitert. Im K2-Basislager gab es vor wenigen Tagen eine erste Begegnung. Auf 4000 Metern Höhe stieß sie mit dem Steirer auf dessen 43. Geburtstag an. Was die beiden miteinander geredet haben, ist nicht bekannt.
Im Vorfeld hatte man sich Kritisches ausgerichtet. Kaltenbrunner hatte über Stangl gemeint, sie glaube nicht, „dass er groß links oder rechts schaut und sich einmal hinsetzt, weil die Natur so großartig ist.“ Der hatte gekontert: „Auf einem Achttausender habe ich noch niemanden gesehen, der die Jause auspackt und die Natur genießt. Und Gämsen oder Blumen gibt's dort oben auch keine.“
Zahlen
298Menschen
erreichten bislang den Gipfel des K2, elf davon waren Frauen.
12000Dollar
kostet die Permit für den Aufstieg auf den K2 von der Südseite für eine siebenköpfige Mannschaft.
16Männer
standen bislang auf allen 14 Achttausendergipfeln, acht von ihnen ohne Sauerstoffmaske.
Der erste im „Klub“ war Reinhold Messner, der dafür 16 Jahre benötigte, der letzte Ralf Dujmovits, der Ehemann von Gerlinde Kaltenbrunner. Sie könnte die erste Frau sein, die alle 14 Gipfel erreicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2009)