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Gefangen und gefoltert im Iran

Potsdamer Platz in Berlin
(c) ASSOCIATED PRESS (Franka Bruns)
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Inhaftierte Demonstranten wurden zu Geständnissen gezwungen. Eine Reihe österreichischer Künstler, von Elfriede Jelinek bis Josef Haslinger und Robert Menasse, unterstützten eine weltweite Solidaritätsaktion.

Viel drastischer hätte der Vergleich – aus Sicht des iranischen Regimes – wohl nicht ausfallen können. „Das Verhalten der iranischen Sicherheitsagenten ist schlimmer als das der Zionisten im besetzten Palästina.“ Diesen Satz schrieb Mehdi Karroubi, einer der liberaleren Kandidaten bei der letzten Präsidentenwahl, an Irans Geheimdienstminister und dokumentierte das am Samstag auf seiner Homepage.

Und er hatte noch einen anderen Vergleich parat. In einem offenen Brief zog er gemeinsam mit Expräsident Mohammed Khatami und Ahmadinejad-Herausforderer Mir Hussein Moussavi Parallelen zur Repression des Schah-Regimes. Die Reformer verlangten die Freilassung aller Demonstranten. Tausende sollen nach Angaben von Oppositionsaktivisten seit den Protesten gegen den Wahlbetrug verhaftet worden sein, von über 700 Personen sammelten sie jetzt die Namen, Zeit und Ort des Verschwindens.

Folter im Evin-Gefängnis. Viele der Verhafteten dürften ins berüchtigte Evin-Gefängnis geworfen worden sein. Ein ehemaliger politischer Häftling, der jetzt in Deutschland lebt, erinnert sich an die Zeit, in der er selbst den Folterern des Regimes ausgeliefert war. Er sieht das Evin-Gefängnis, in dem er mehrere Jahre verbrachte, noch vor sich, er sieht die Zelle, die Bäume im Hof des weitläufigen Geländes im Herzen Teherans. Er spürt noch die Schläge auf die Fußsohlen. „Das ist ein Schmerz, der Wellen durch deinen ganzen Körper schickt, bis in dein Gehirn.“ Auch ihn wollten die Schergen mit Folter zu einem falschen Geständnis zwingen. Er blieb hart.

Besonders gefürchtet ist die Sektion 240 im Evin-Gefängnisses. Dort, im zweiten, dritten und vierten Stock dieses grauen Gebäudes, befinden sich die Einzelzellen. 300 sind es insgesamt, 100 auf jedem Stock. Es wird vermutet, dass viele der verhafteten Demonstranten dort festgehalten werden. Sie, aber auch ihre Familienangehörigen dürften einem enormen Druck ausgesetzt sein. „Human Rights Watch“ berichtet von erzwungenen Geständnissen, in denen Führer der Oppositionsbewegung belastet werden sollen.

„Ich kann nur annehmen, dass einzelne Gefangene schwer misshandelt werden“, sagt der ehemalige politische Gefangene. Von Deutschland aus versucht er, sich für seine inhaftierten Landsleute einzusetzen. Er war am Samstag bei einer Protestaktion, einer der unzähligen Kundgebungen, die an diesem Aktionstag für Menschenrechte im Iran in insgesamt 105 Städten weltweit abgehalten wurden. So auch am Heldenplatz in Wien.

Hungerstreik in Österreich. Eine Reihe österreichischer Künstler, von Elfriede Jelinek bis Josef Haslinger und Robert Menasse, unterstützten den Aktionstag. Auch Doktor Hassan Nayeb Hashem kam auf den Heldenplatz. Er ist Anfang der Achtzigerjahre aus dem Iran nach Österreich geflüchtet und hat Erfahrung mit Protesten und mit Hungerstreiks. „Man muss täglich 20 Stück Würfelzucker zu sich nehmen und ausreichend trinken“, berichtet der praktische Arzt. Als einer von 40 Iranern in Österreich trat er aus Protest gegen die Lage in seiner Heimat drei Tage lang in einen Hungerstreik. Die Aktion war Teil eines Sitzstreiks vor der UNO-City in Wien, der seit 26 Tagen läuft. Vor dem Eingang zur Wiener UNO-City haben die Aktivisten zwei weiße Zelte aufgestellt. „Freies Land durch freie Wahlen“, prangt auf einem Transparent und „Ahmadinejad is not our president“. Zeitgleich findet auch ein Hungerstreik und Sitzstreik von Exiliranern vor dem UN-Hauptquartier in New York statt.

Es gebe keine gemeinsame Dachorganisation, aber man stehe mit den Gruppen in den anderen Ländern in Kontakt, berichtet Nayeb Hashem. Der Arzt fordert, dass der UN-Menschenrechtsrat die Lage im Iran in einer Sondersitzung behandeln soll. Und auch der UN-Sicherheitsrat, in dem derzeit ebenfalls Österreich vertreten ist, solle sich des Themas annehmen.

Auch der Schriftsteller Hamid Sadr hat den Iran schon vor langer Zeit verlassen. Zuerst stand er in Opposition zum Schah-Regime und dann zu den Mullahs. Sadr lebt in Österreich. Und doch kann man ihn einmal in der Woche, immer am Montag, in seiner früheren Heimat hören. In einem Programm von Persian Radio, das von Los Angeles aus sendet, spricht er zu seinen einstigen Landsleuten, nennt Dinge ungeschminkt beim Namen. „Langsam beneide ich die Zeiten, in denen man nur über Literatur sprechen konnte“, meint der Schriftsteller.

Hoffnung gibt der Opposition der Riss, der durch den Klerus geht und durch die Rede von Ayatollah Rafsanjani beim Freitagsgebet vor zwei Wochen vertieft wurde. Darin rief der Chef des Expertenrats kaum verhohlen zum Ende der Unterdrückung auf. Der ehemalige politische Gefangene, der jetzt in Deutschland lebt, ist zuversichtlich. „Die Proteste werden weitergehen. Besonders die Frauen sind engagiert und zornig wie nie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2009)