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Heß' Flug nach Großbritannien: "Brauner Wellensittich entflogen"

Rudolf Heß
Rudolf Heß(c) imago stock&people (imago stock&people)

Vor 75 Jahren sprang Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß über Schottland mit dem Fallschirm ab, um mit den Briten zu verhandeln.

Der Tag sei günstig für eine „Auslandsreise“, hatten gleich mehrere Horoskope versichert. Also wählte Rudolf Heß den 10. Mai 1941 für seine nach Eigendefinition „Mission im Dienste der Menschheit“. Vor 75 Jahren flog Adolf Hitlers enger Vertrauter nach Großbritannien, um Friedensverhandlungen aufzunehmen. Was genau ihn dazu bewog, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

Heß lernt Hitler 1920 kennen und tritt als Mitglied Nummer 16 der NSDAP bei. Gemeinsam mit ihm kommt er nach dem Münchner Putsch 1923 in Haft, assistiert dort beim Schreiben von „Mein Kampf“. Nach Hitlers Machtergreifung verliert Heß jedoch an Bedeutung. Zwar ist er offiziell „Stellvertreter des Führers“, de facto dient er aber nur noch als Repräsentationsfigur. Heß gilt innerhalb des NS-Führungszirkels als Sonderling, zunehmend verschreibt er sich Okkultismus und Esoterik. Von der Realität immer weiter entfernt, reift in ihm der Plan, seinem „Führer“ durch eine Beendigung des Krieges mit Großbritannien zu helfen, damit die Kräfte ganz auf den geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion konzentriert werden können.

Hitler und Heß, September 1939uehrer Nazi leader ADOLF HITLER and his deputy RUDOLF HESS si
Hitler und Heß, September 1939(c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)

Die meisten Historiker gehen heute davon aus, dass Hitler davon nichts wusste, geschweige denn Heß selbst nach Großbritannien schickte. Umstrittener ist die Rolle des britischen Geheimdienstes in dieser Geschichte. Der Historiker Rainer F. Schmidt vermutet, dass er Heß mit gefälschten Briefen des schottischen Adeligen Douglas Douglas-Hamilton (den Heß bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 kennenlernte) ins Land lockte. Heß-Biograf Manfred Görtemaker glaubt hingegen nicht an eine gezielte Aktion. Allerdings habe der Geheimdienst sehr wohl versucht, „Informationen über eine mögliche Friedenspartei in Großbritannien“ zu streuen.

Jedenfalls besteigt Heß am späten Nachmittag des 10. Mai 1941 in Augsburg eine Messerschmidt Bf 110, das Fliegen hat er im Ersten Weltkrieg gelernt. Er passiert die britische Küstenlinie in Bodennähe, um nicht geortet zu werden. Gegen 23 Uhr springt er südlich von Glasgow mit einem Fallschirm ab. Ein Landwirt findet ihn mit verstauchtem Knöchel noch in seinem Fallschirmgeschirr. Heß gibt sich als Hauptmann Alfred Horn aus und verlangt, Hamilton zu sprechen.

Am Tag darauf steht die wahre Identität des „Besuchers“ fest und er sitzt in seinem Gewahrsam in einer Glasgower Kaserne tatsächlich Hamilton gegenüber, um ihm seinen „Friedensplan“ zu unterbreiten: „Wie der Führer“, sagt Heß, sähe auch er „den Krieg zwischen unseren Ländern als ein Unglück für alle Beteiligten“ an. Deutschland solle den europäischen Kontinent beherrschen, Großbritannien sein Empire in anderen Teilen der Welt behalten. Ehemalige deutsche Kolonien wolle das „Reich“ allerdings zurück. Das alles hat Hitler selbst bereits im Juli 1940 öffentlich vorgeschlagen.

"Um Gottes Willen! Der ist rübergeflogen"

Der soll zur selben Zeit toben. „Um Gottes Willen! Der ist rübergeflogen“, ruft er laut dem Augenzeugen General Karl Bodenschatz, als er am Tag nach Heß' Abflug dessen Erklärungsbrief erhält. „So ein Narr war der nächste Mann nach dem Führer“, notiert Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch. Das Regime lässt via Radio verbreiten, Heß sei wohl „Opfer von Wahnvorstellungen“ geworden. „Brauner Wellensittich entflogen. Abzugeben Reichskanzlei“, witzelt man in der Bevölkerung hinter vorgehaltener Hand. Aber nicht nur das Image der NS-Führung ist gefährdet, Hitler befürchtet auch, Heß könnte die Angriffspläne gegen die Sowjetunion preisgeben, auch wenn er im Detail nicht eingeweiht ist.

(c) imago stock&people (imago stock&people)

Heß bestreitet gegenüber den Briten jegliche Angriffsabsichten gegen die Sowjetunion. Der britische Geheimdienst ist sich ab Anfang Juni aber ohnehin sicher, dass es dazu kommen wird. Den Plan, Heß eine „Wahrheitsdroge“ zu verabreichen, lässt man fallen, da man an seinem Geisteszustand und damit an der Verwertbarkeit möglicher Aussagen zweifelt. Churchill will den Flug des Deutschen ausnutzen, um in der Öffentlichkeit ein Bild der Schwäche Deutschlands zu zeichnen. Das Außenministerium verspricht sich hingegen einen größeren außenpolitischen Nutzen: Man solle die Sowjetunion aufrütteln und in das westliche Lager ziehen, indem man sie befürchten lasse, dass es ernsthafte Friedensverhandlungen gebe. Lordkanzler John Simon nimmt Scheinverhandlungen mit Heß auf und die britischen Botschaften werden angewiesen, durchsickern zu lassen, dass Hitler bald gegen die Sowjetunion losschlagen werde und Großbritannien einem Friedensschluss zugeneigt sei.

Als Heß merkt, dass seine „Mission“ erfolglos bleiben wird, unternimmt er einen Selbstmordversuch, bei dem er sich aber nur ein Bein bricht. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946 will ihn die Sowjetunion an den Galgen bringen, der US-Ankläger plädiert auf 20 Jahre Haft. Das Kompromiss-Urteil lautet lebenslänglich. „Ich bereue nichts“, sagt Heß in seinem Schlusswort. Am 17. August 1987 stranguliert sich der dann 93-Jährige in seiner Zelle in Berlin-Spandau.

Heß im Juli 1983
Heß im Juli 1983(c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)