Schweizer Finanzplatz in Schieflage

(c) AP (Mark Lennihan)
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Früher hieß es: „Es reicht nicht, nur Vermögen zu haben. Es muss auch in der Schweiz liegen.“ Heute ist das anders. Das Schweizer Bankgeheimnis ist durchlöchert, der UBS gehen die vermögenden US-Kunden verloren.

wien.Die Pleite der nationalen Fluggesellschaft Swissair im Jahr 2002 war ein Stich ins Herz der stolzen Schweiz. Sie wurde sogar in „Grounding – die letzten Tage der Swissair“ verfilmt. Nach Meinung vieler Experten war ausgerechnet die UBS, die damals größte Gläubigerbank von Swissair, schuld am Bankrott. Dieser Tage wird nicht nur der Schweizer Nationalstolz, sondern die ganze Wirtschaft gebeutelt.

Im Mittelpunkt steht abermals die UBS. Sie ist die größte Bank des Landes, das Aushängeschild des „altehrwürdigen“ schweizerischen Finanzplatzes. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist das Flaggschiff aber stark ins Wanken geraten.

Bank ist viermal größer als BIP

Die Schweiz steht und fällt mit ihrem Finanzsektor. Dort sind 195.000Menschen beschäftigt. Diese haben zuletzt elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Die Bankeinlagen belaufen sich nach Schätzungen auf vier Billionen Franken. Ein Großteil davon fällt auf reiche Ausländer, die das (noch) strenge Bankgeheimnis schätzen.

Das Problem: Den Kuchen teilen sich zwei Häuser, die UBS und Credit Suisse. Diese kommen zusammen auf einen Marktanteil von weit mehr als 50Prozent. Die UBS allein hat eine Bilanzsumme von 2000 Mrd. Franken (1316 Mrd. Euro) und ist somit viermal so groß wie das BIP der Schweiz.

„Wenn eine Bank größer als das BIP ihres Landes ist, hat sie die wirtschaftliche Realität verloren“, sagt der Schweizer Wirtschaftsexperte und Autor Artur P. Schmidt zur „Presse“.

In der Tat. Die UBS-Chefs strebten zur Jahrtausendwende nach immer mehr. Um das Institut zur größten Investmentbank der Welt zu machen, schluckten sie einen Rivalen nach dem anderen. In den USA kauften sie strukturierte Wertpapiere und verbriefte Wohnbauhypotheken in atemberaubendem Tempo auf. Schmidt: „Die UBS war zuletzt mehr ein Hedgefonds als eine Bank.“

Ein Systemrisiko für die Schweiz

Von den US-Wertpapieren blieb 2008 ein astronomischer Verlust von 20Mrd. Franken (13Mrd. Euro) zurück. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) war gezwungen, der Bank faule Papiere in Milliardenhöhe abzunehmen. Vom Staat bekam sie eine Finanzspritze von sechs Mrd. Franken. Die UBS ist einfach „too big to fail“.

Im aktuellsten Bericht betont die SNB, dass USB und Credit Suisse ein Systemrisiko für die Schweiz sind. Die beiden Institute werden daher schrumpfen müssen. Die UBS muss über 450Mrd. Franken an Vermögenswerten abstoßen – oder ihr Kapital um 23 Mrd. Franken erhöhen. Letzteres ist unwahrscheinlich. Die SNB fordert zudem, dass beide Geldhäuser ihr Eigenkapital auf fünf Prozent aufstocken. „Damit will man verhindern, dass die beiden schrumpfen“, so Schmidt.

Derart aufgebläht wird die UBS ohnehin bald nicht mehr sein. Im Jahr 2008 zogen ihre Kunden 226 Mrd. Franken ab, im ersten Quartal 2009 waren es laut dem Magazin „Economist“ 23Mrd. Franken. Die Vermögensverwaltung, bisher eine hochprofitable Sparte der Bank, ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Dazu beigetragen haben auch die US-Behörden. Sie beschuldigen die UBS, das strenge Bankgeheimnis zur Steuerhinterziehung vermögender Amerikaner genutzt zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die UBS kündigte daher an, keine Offshore-Geschäfte mehr für US-Kunden zu machen. Mit dem Quasiwegfall des Bankgeheimnisses geht eine riesige Ertragsquelle verloren. Die Vermögenden vertrauen ihr Geld nun lieber kleineren Vermögensverwaltern an, andere Kunden wiederum stecken ihr Erspartes in Kantonal- und Regionalbanken. Schmidt: „Keiner will sein Geld zu den Geldvernichtern UBS oder Credit Suisse legen. Die Kapitalabflüsse der Großbanken sind daher so gewaltig.“

„UBS sollte pleitegehen“

Die Bankenlandschaft in der Schweiz bekommt eine neue Struktur. Die Großen werden kleiner, die Kleinen etwas größer. „Der Finanzplatz Schweiz wird von seinem hohen Ansehen auf ein europäisches Normalmaß zurückgestutzt werden“, sagt der Hamburger Wirtschaftsexperte Thomas Straubhaar.

Schmidt fügt hinzu: „Da viele Ausländer der Schweiz nicht mehr trauen, wird auch der Finanzsektor schrumpfen.“ An der Geschäftspolitik der Banken würde sich aber nichts ändern. Denn „fast alle Banken haben nur gezockt – und fangen jetzt wieder damit an. Es sitzen noch immer die gleichen Leute in den Chefetagen. Die werden nicht umdenken.“ Eine fundamentale Veränderung könne man, so Schmidt, nur herbeiführen, „wenn man eine ,Große‘ wie die UBS pleitegehen und normale Banken entstehen lässt.“ UBS insolvent? Das ist wie Schweiz und bankrott.

AUF EINEN BLICK

Den früheren Siegeszug der Schweizer Banken verdeutlicht die kumulierte Bilanzsumme aller Institute: Von 1950 bis 2000 wuchssie von 26 auf 2000 Mrd. Franken an, bis 2007 stieg sie auf astronomische 4000 Mrd. Franken.

Seit der Finanzkrise ist es damit vorbei: Die großen Bankhäuser, vor allem UBS und Credit Suisse, müssen deutlich schrumpfen. Sie sind ein Systemrisiko für die Schweiz geworden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2009)

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