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USA mischen EU-Gasmarkt auf

PORTUGAL-USA-ENERGY-ENVIROMENT
(c) APA/AFP/FRANCISCO LEONG
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Soeben haben die USA erstmals Gas nach Europa geliefert. Den bisherigen Lieferanten werden sie nicht so schnell gefährlich werden. Aber gemeinsam mit anderen verengen sie den Spielraum.

Wien. Wirklich große Notiz hat man in Europa davon bislang nicht genommen. Und dennoch ist das Ereignis, das sich vorige Woche im südportugiesischen Hafen Sines zugetragen hat, zumindest epochal. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde auf europäischem Gebiet Erdgas aus den USA in Empfang genommen. Auf einem Tanker war es gekommen, abgekühlt auf 161 Grad minus und daher in der verflüssigten Form, dem so genannten LNG.

Das Ereignis ist nicht nur für Europa einschneidend. Für die USA selbst ist die Tatsache, dass sie – dank der ökologisch umstrittenen Förderung von Gas aus Schieferstein – vom einstigen Gasimporteur zum -nettoexporteur wurden, ein gänzlich junges Phänomen. Erst im Februar verließ der erste LNG-Tanker das Terminal Sabine Pass im Süden der USA – und zwar nach Brasilien. Der Tanker, der nun in Südeuropa ankam, war der sechste in der US-Exportgeschichte.

 

Überzogene Panik

Dass die USA überhaupt schneller als erwartet ihre Schiffe nach Europa lenken, liegt nicht nur in einem Langfristvertrag mit Portugal begründet. Es liegt auch am politischen Zusatzmotiv, im Anschluss an die Ukraine-Krise Russland, Europas größten Gaslieferanten, zu bedrängen.

Schon im Vorfeld hatte der US-Vorstoß daher Diskussionen in der Fachwelt ausgelöst, ob US-Gas den europäischen Markt aufmischen und zu einem Game-Changer für Europas bisherige Lieferanten (neben Russland Norwegen oder Algerien) werden könne.

Allein von der Menge her ist die Annahme völlig überzogen. Selbst wenn die USA ihre Exportmöglichkeiten maximal nützten und keine anderen Kontinente belieferten, würde das Exportvolumen für Europa in absehbarer Zeit gerade einmal 24 Mrd. Kubikmeter betragen. Das ist zwar zweieinhalbmal so viel, wie Österreich im Jahr verbraucht. Aber vom gesamteuropäischen Vorjahreskonsum (426 Mrd. Kubikmeter) wären es weniger als fünf Prozent. Demgegenüber hat die russische Gazprom 2015 abzüglich der Türkei 131,6 Mrd. Kubikmeter nach Europa geliefert, was einem Marktanteil von 31 Prozent entspricht. Norwegen lieferte 108,6 Mrd. Kubikmeter.

Gewiss, die USA wollen ihre potenziellen Exportvolumina bis 2020 mehr als verdreifachen. Und auch die EU-Strategie sieht vor, dass Europa seine Gasbezugsquellen diversifiziert und mehr zu LNG greift. LNG-Terminals wären in Europa ausreichend vorhanden – ihre derzeitigen Kapazitäten von über 200 Mrd. Kubikmeter sind lediglich zu einem Viertel genützt.

 

Ausweitung der Konkurrenz

Die USA werden in den nächsten Jahren keine großen Mengen nach Europa liefern, meint der russische Rohstoffanalyst Vitali Krjukow: Der Export nach Asien sei rentabler. Das sieht auch Walter Boltz, Ex-Chef von E-Control Austria, so, wie er im Gespräch sagt: „Weil aber die USA vermehrt ins preislich attraktive Asien liefern, werden LNG-Exportkapazitäten in Westafrika frei und nach Europa umgelenkt.“

Unterm Strich kommt es also zu Verschiebungen bei den Exportrouten, zumal Australien bald zum großen LNG-Exporteur wird und auch in Kanada und Ostafrika große Exportkapazitäten entstehen. Das hat zumindest indirekte Auswirkungen auf Europa. „In Summe wird es für alle enger“, so Boltz.

Gazprom weiß um den Druck und hat zwischen 2009 und 2015 ganze 65-mal Lieferverträge mit 30 Abnehmern in Europa revidiert. Heuer ist man etwa der deutschen EON entgegengekommen, um einen Gerichtsstreit zu vermeiden.

Aktuell ist das über Pipelines gelieferte russische Gas teils sogar billiger als LNG-Gas. Der Preis an den europäischen Hubs ist zuletzt auf bis zu 17 Euro je Megawattstunde gefallen. Ab 18 bis 20 Euro werde ein Verkauf von US-LNG in Europa lukrativ, so Boltz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2016)