Van der Bellen gewinnt Stichwahl

Auf die Frage nach dem Umgang mit Schülerfragen zum Lehrerkreuzerl auf dem Wahlzettel folgt in der Klasse eine Stichwahl der verbleibenden Kandidaten. Van der Bellen gewinnt. Der Grund dafür? Enttäuschend.

Letztes Mal ließ ich Sie mit einer Frage zurück: Was würden Sie tun, wenn Sie von Ihrer Klasse gefragt würden, wen Sie bei der letzten Wahl gewählt haben? Die Antworten darauf lassen sich nun – ähnlich wie die zwei verbliebenen Präsidentschaftskandidaten – in zwei Ecken aufstellen:

Die eine Seite pocht auf das Wahlgeheimnis und meint, dass es die Aufgabe des Lehrers sei, den Jugendlichen beizubringen, was es mit der geheimen Wahl auf sich hätte und inwiefern sie ein demokratisches Steckenpferd sei. Die andere Seite findet hingegen, dass sich hier eine gute Chance böte, die mangelhafte politische Bildung in der Schule ein wenig aufzumotzen, indem man den Nachwuchswähler Argumente für und gegen Kandidaten präsentieren ließe. Dies führe dann auch fast logisch zu einer Besprechung der Wahlmotive des Lehrers; sie wäre man den Schülern nämlich im Sinne von gegenseitigem Respekt und Transparenz und so schuldig.

Was wurde aus der Frage?

Eigenes Kreuzerl hin und her, ich entschloss mich also, ein paar Tage nach der Wahl noch einmal Hofburgluft ins Klassenzimmer zu lassen: Wir argumentierten also. Für und gegen jeden der Kandidaten. Dabei kamen interessante wie lustige Beobachtungen ans Tageslicht:

Für Lugner spräche, dass er billig sei und dass Putin ein Bild seiner Frau im Kleiderschrank hängen hätte. Gegen ihn spräche allerdings er selbst. Nun ja, Khol wirke sehr sympathisch und erfahren, sei aber halt schon ziemlich alt. Vor Hundstorfer hätten meine Schüler bei einem Staatsbesuch Angst. Sonst nichts. Mhm. Griss würde punkten, da sie eine Frau sei. Das sei aber auch ihr größtes Manko. Van der Bellen wäre ein sympathischer Kuschelbär aber halt ein speckiger Kettenraucher, mit dem man dann doch nicht kuscheln wolle. Und Hofer? Nun ja, der hätte zumindest eine Linie und sei jung (auch fesch, schau schau!), würde Österreich aber wieder zu einem Naziland machen – zumindest in den Augen der Nachbarn, allen voran der Piefke...

So viel zu den wirklich gewichtigen Argumenten der (teilweise schon wahlberechtigten) Jugendlichen für und gegen unsere Hofburgkandidaten. Mein Versuch, ihre Aufmerksamkeit in Richtung Asyl-, Familien-, Bildungs-, Wirtschafts-, Außenpolitik etc. zu lenken, scheiterte aufgrund zweierlei Phänomene: Nichtwissen und Desinteresse – es ginge ja schließlich nur um den Präsidenten, der ohnedies nichts machen dürfe (oder wolle?).

Warum jetzt?

Die letzte pädagogisch wertvolle Initiative, die mir nach dem eher enttäuschenden Herumdümpeln in trüben Regenwasserpfützen einfiel, war der Urnengang selbst. Gut, dann machen wir halt eine Stichwahl; einen vorgezogenen Showdown zwischen Hofer und Van der Bellen sozusagen.

Vorher wurde noch - in weiser Voraussicht - schnell der Unterschied und die unterschiedliche Signalwirkung zwischen einer ungültigen Stimme und dem Verzicht, eine Stimme erst abzugeben, thematisiert und dann durften die improvisierten Wahlkarten ausgefüllt werden.

Van der Bellen siegte mit 68,8% aller gültigen Stimmen (also mit einer 2/3-Mehrheit, bei einer 100%igen Wahlbeteiligung, mit 20% ungültigen Stimmen blah blah... Auch das Prozentrechnen und die notarielle Beglaubigung wurde noch spontan in die Lernerfahrung eingebaut – was für ein Jackpot, diese Stunde!).

Die abschließende Frage, warum Van der Bellen schließlich gewonnen hätte, konnte plötzlich keiner mehr beantworten. Man habe ihn halt gewählt. Einfach so. Gespenster wie „Nazi“, „eh Wurscht“, „weiß nicht“, „Bauchgefühl“, „schlechtes Gewissen“ und „geringeres Übel“ waren bemüht, den Argumentationsnotstand zu vertuschen. Für Van der Bellens Wahlsieg gab es also keine wirklichen Gründe...

Ob das auch in zwei Wochen so sein wird? Das konnten wir an jenem Wahlmittwoch in unserer Klasse nicht beantworten. Was meine Schüler jedoch zumindest gelernt haben, ist ungültig zu wählen. Ein Gewinn? Vielleicht.

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