Schnellauswahl

Essl schließt mit Esel

AUSTELLUNG 'SAMMLUNG ESEL': SEIDLER
AUSTELLUNG 'SAMMLUNG ESEL': SEIDLERAPA/HERBERT PFARRHOFER

Letzte Eröffnung im Essl-Museum. Zeit, um sentimental zu werden: Die „Sammlung Esel“ blickt auf 15 Jahre Wiener Kunstbetrieb zurück. Damisch wurde spontan ein Raum gewidmet.

Es sei nicht als letzte Ausstellung geplant gewesen, als man sich erstmals traf, betonte Karlheinz Essl bei der allerletzten Pressekonferenz in seinem Museum in Klosterneuburg. Jetzt aber sei er sehr froh, dass gerade der 1974 geborene Wiener Künstler und Kommunikator Lorenz Seidler mit seiner „Sammlung Esel“ diese Ära beschließe.

Seit 17 Jahren ist Seidler, dessen Künstlername „Esel“ sich total logisch aus seinen Initialen ergab, eine Art manische Betriebsnudel der österreichischen, vor allem Wiener Kunstszene. Erst tauchte der Kunsthistoriker und Philosoph sogar tatsächlich mit Eselsohren bei Vernissagen etc. auf, sozusagen als eigenes Maskottchen seines Mottos „Kunst kommt von Kommunizieren!“ – mittlerweile ist sein „Esel“-Newsletter der vollständigste Kunst-Event-Kalender, den wir haben. Und Seidler der besessenste Kunst-Event-Dokumentarist. Keine wichtige, aber auch keine weniger wichtige Eröffnung oder Pressekonferenz, bei der er nicht fotografiert.

Darunter finden sich wahre fotografische Perlen, die sich vor allem durch eine teilweise absurde Kommunikation (natürlich) von Mensch und Kunst auszeichnen. Eine Frau in Schwarz etwa, die sich analog zu einem abstrakten schwarz-weißen Bild zu ebendiesem Bild beugt. Oder Mumok-Direktorin Karola Kraus, wie sie beinahe von einer Franz-West-Schlaufe verschlungen wird, den Kopf sieht man jedenfalls nicht mehr (dafür die Schuhe, eindeutig!). Esels Fotoperlen kann man von einer kurzen Ausstellung in der Galerie König voriges Jahr schon kennen. Was man nicht kennen kann, ist sein Archiv, das er hier im Essl-Museum erstmals öffnet.

 

100.000 Kunst-Flyer in 30 Kisten

Es ist die unglaubliche Masse an Ausstellungseinladungen und Kunst-Flyern aus 17 Jahren aktiver Teilnahme am Wiener Kunstgeschehen. Wie viele, weiß er selbst nicht, über 100.000 werden es wohl sein, wenn Seidler bereits seit 2006 95.000 Termineinträge auf seiner Homepage zählt. Durch die Verlagerung der Einladungspolitik auf Facebook oder E-Mails ist der Flyer allerdings eine aussterbende Gattung, was dem Familienglück der „Esels“ durchaus entgegenkommen wird – betrachtet man die Aneinanderreihung der 30 großen Plastik-Storage-Kisten, in denen die Flyer-Sammlung bisher aufbewahrt wurde. Jetzt, im Zuge der Ausstellung, wurde sie erstmals geordnet. Seidler entschied sich bei der Präsentation für eine tolle thematische Lösung, die auch gleich einen Kommentar zur Szene und ihrer Entwicklung darstellt. „Bussi Bussi“ etwa heißt eine Untergruppe, „Ausweitung der Kunstzone“, „Rollenbilder“, „Anpreisung“ heißen andere. Es macht Spaß, die feinen, assoziativen Dynamiken zu suchen und nachzuvollziehen, die Seidler zur Auswahl der jede Gruppe betitelnden Fotografie und der diversen historischen Flyer darunter führten. Es wäre aber nicht Esel, wenn er uns unsere Gedanken bei dieser Rückschau nicht entlocken wollte – auf Fragebögen darf jeder ausfüllen, was sich in der Kunst der letzten 17 Jahre geändert hat, ob das gut war – und was sich noch ändern sollte.

Diese Bögen werden dann an eine Wand geklebt, Seidler behält sich vor, die spannendsten von hier herunterzuholen und mit diesen eine neue Flyer-Gruppe zu begründen und zu „kuratieren“. Also strengen Sie sich ruhig an!

Wie wird Karlheinz Essl wohl den Bogen ausfüllen? Seine Sammlung dokumentiert durch Kunst, nicht durch Grafik, ebenfalls die österreichische Kunstszene, sogar der vergangenen 50, 60 Jahre. Das Ende des 1999 eröffneten Museums fällt jetzt auch mit dem Ende eines prägenden Malers zusammen, von dem Essl ebenfalls wundervolle Bilder besitzt: Gunter Damisch. Das Essl-Museum ist das einzige, das auf seinen Tod am Samstag spontan reagiert hat. Mit sieben großen Bildern wurde gleich am Beginn des Ausstellungsgeschoßes ein großer Raum im Gedenken an Damisch eingerichtet. Man hat hier zurzeit also alle Gründe, sentimental zu werden.

Bis zur Schließung des Museums am 30. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2016)