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Kanzler Christian Kern? SPÖ versucht nochmals das Modell Vranitzky

Christian Kern, ÖBB-Generaldirektor, hat gute Chancen, Werner Faymann zu folgen.
Christian Kern, ÖBB-Generaldirektor, hat gute Chancen, Werner Faymann zu folgen.(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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In einer Woche soll die Nachfolge von Werner Faymann feststehen. Favorit für den Posten ist kein Politiker, sondern der Generaldirektor der ÖBB.

Wien. Auf Michael Häupl als Interimsparteichef hat sich die SPÖ relativ rasch festgelegt. Aber wer wird Bundeskanzler und in der Folge Parteichef? Da wollte sich die SPÖ am Montag nach dem überraschenden Rücktritt von Werner Faymann noch etwas Zeit lassen. In rund einer Woche soll diese zentrale Personalfrage geklärt sein, dann müssten die Parteigremien nochmals zusammenkommen.

Die Tendenz geht aber schon in eine klare Richtung: ÖBB-Generaldirektor Christian Kern gilt als der Topfavorit für das Amt des Regierungschefs. Die Landesparteichefs von Salzburg und Vorarlberg, Walter Steidl und Michael Ritsch, sprechen sich dezidiert für Kern aus. Und auch der steirische Parteichef, Michael Schickhofer, und Kärntens Landeshauptmann, Peter Kaiser machen klar, dass sie ihn für eine gute Wahl halten. Von den Spitzengewerkschaftern hat sich Josef Muchitsch schon im Vorfeld für Kern ausgesprochen.

Christian Kern als SPÖ-Chef – das wäre die Wiederholung eines Erfolgskonzepts: Schon einmal haben die Sozialdemokraten mit Franz Vranitzky einen Manager an die Spitze geholt und sind damit gut gefahren. Vranitzky hatte allerdings vorher bereits in der Regierung Erfahrungen gesammelt. Der Lebenslauf von Kern liest sich sonst ähnlich wie jener des Altbundeskanzlers: Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater war Elektroinstallateur in Simmering. In jungen Jahren dockte er bei der Partei an und wurde Sekretär und Pressesprecher von SPÖ-Klubchef Peter Kostelka. 1997 wechselte er in die staatsnahe Wirtschaft in den Verbundkonzern, wo er zehn Jahre später in den Vorstand aufstieg. Seit 2010 ist er ÖBB-Generaldirektor.

 

Pragmatischer Managertyp

Schicke Anzüge, gepflegte Sprache, souveränes Auftreten: Das sind die Attribute, mit denen sich Kern schon sehr früh geschmückt hat. Er ist nicht der hemdsärmelige Politikertyp, keiner, dem man die Verbrüderung mit der Basis abnehmen würde. Und er ist auch keiner, der die Sprache der Parteilinken spricht. Aber: Christian Kern ist einer, dem zugetraut wird, die SPÖ mit seinen Managementfähigkeiten wieder auf die Überholspur zu bringen. Und er gilt als Pragmatiker, der mit allen Parteiflügeln eine brauchbare Basis herstellen kann.

Dass er intensiv auf den Job des Bundeskanzlers hingearbeitet hätte, kann man nicht behaupten. Sicher: Kern hat sein politisches Netzwerk gepflegt. Aber das muss ein ÖBB-Generaldirektor, der andauernd mit der Politik in Verhandlungen steht, ohnedies tun. Hilfreich ist beispielsweise die Mitgliedschaft im Kuratorium des Fußballklubs Austria Wien: Dort sitzen auch der Wiener Bürgermeister, Michael Häupl, und dessen burgenländischer Amtskollege, Hans Niessl – somit also die beiden aktuellen Königsmacher in der SPÖ.

Schon in den vergangenen Jahren ist Kern immer wieder als Personalreserve genannt worden, obwohl er einer breiten Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt ist. Ausschlaggebend dafür war wohl, dass er es geschafft hat, als Quereinsteiger in der Bahnbranche den ÖBB wieder ein positives Image zu geben. Nationalratspräsidentin und Faymann-Vertraute Doris Bures unternahm Ende 2014 den etwas ungeschickten Versuch, Kerns Einstieg in die Politik zu verhindern. Kern sei ein hervorragender Bahnmanager, Politik sei aber nicht seine Stärke, sagte die ehemalige Verkehrsministerin und heizte damit erst recht die Faymann-Nachfolgedebatten an.

Abermals ins Blickfeld brachte sich Kern im Vorjahr, als die Bahn die einzige staatliche Institution war, die es schaffte, den Flüchtlingsstrom professionell abzuwickeln. Dass Kern damals humanitäres Engagement zeigte und Flüchtlinge zeitweise auch ohne Fahrkarten durch Österreich kutschierte, brachte ihm auch bei der Parteilinken etliche Pluspunkte.

 

Alternativen zu Kern

Christian Kern ist nicht der einzige Kandidat für die Nachfolge von Werner Faymann als Bundeskanzler. Ebenfalls eine realistische Option ist der Medienmanager Gerhard Zeiler. Der frühere ORF-Generaldirektor und RTL-Chef hat mehrmals anklingen lassen, dass er an dem Job des österreichischen Regierungschefs interessiert wäre. Auch Zeiler kennt die politische Szene und die Partei bestens: Er war einst Pressesprecher der Bundeskanzler Fred Sinowatz und Franz Vranitzky, ehe er in den ORF wechselte. Was für Zeiler spricht: Ihm werden beste Kontakte zum Königsmacher in der SPÖ, zum Wiener Bürgermeister, Michael Häupl, nachgesagt. Was gegen ihn spricht: In der Partei ist er weit weniger verankert als sein Konkurrent Kern.

Geht es nach den Parteilinken, sollen aber weder Kern noch Zeiler zum Zug kommen. Vertreter der Sozialistischen Jugend forderten am Montag, dass kein „Manager“ die Partei übernehmen dürfe. Damit wäre auch die oft genannte ehemalige Siemens-Managerin Brigitte Ederer kein Thema. Als Kandidaten blieben dann allerdings nur noch Klubchef Andreas Schieder und der Kärntner Landeshauptmann, Peter Kaiser, übrig – wobei Kaiser lieber in Kärnten bleiben will. Dass ein Vertreter der beiden konkurrierenden Parteiflügel – etwa Sonja Wehsely von den Parteilinken oder Hans Peter Doskozil von den Rechten – zum Parteichef gekürt wird, kann ausgeschlossen werden. Denn das würde wohl die Partei endgültig spalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2016)