Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Konjunktur: Der Konsum will nicht anspringen

Die Steuerreform soll den Konsum anregen – messbar ist ein solcher Effekt aber bisher nicht.
Die Steuerreform soll den Konsum anregen – messbar ist ein solcher Effekt aber bisher nicht.(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Österreich und die Eurozone überraschen plötzlich durch rascheres Wachstum. Der private Konsum bleibt aber deutlich schwächer als erhofft – und zwar trotz Steuerreform.

Wien/Brüssel. Wir bewegen uns im Bereich von Zehntel-Prozentpunkten, aber immerhin. Österreich und die Eurozone können positiv überraschen – in einem „schwierigen internationalen Umfeld“, wie die Nationalbank es diplomatisch formuliert. Soll heißen: Man will nichts verschreien, aber zum ersten Mal seit Jahren steht ausgerechnet Europa relativ gut da – und Österreich dank seiner Exportwirtschaft mittendrin. Im Zehntelprozent-Bereich zumindest. So erwartet die OeNB im zweiten Quartal 0,5 Prozent Wachstum und im dritten 0,4 Prozent.

Auch im ersten Quartal dieses Jahres ist die heimische Wirtschaft um 0,4 Prozent gewachsen. Das ist kein Boom – aber immerhin das Vierfache des zuletzt in den USA verbuchten Wachstums. „Amerika ist unter den Erwartungen. Aber mit dem Euroraum geht es aufwärts“, sagt OeNB-Chefökonomin Doris Ritzberger-Grünwald. In der Eurozone lag der BIP-Zuwachs zuletzt sogar bei 0,6 Prozent.

 

„Es wundert uns“

Es scheint, als würde der Cocktail aus niedriger Inflation, niedrigen Ölpreisen und niedrigen Zinsen letztlich doch greifen. Aber man soll den Aufschwung nicht vor dem Abend loben. Wie wackelig er noch ist, zeigt ein Blick nach Österreich. So bleibt der private Konsum bisher sehr verhalten. Zwar erwarten sich die Wirtschaftsforscher weiterhin einen kräftigen Impuls von der Steuerreform, aber bisher ist davon wenig zu sehen. So ist der Konsum Anfang 2016 im Vergleich zum Vorquartal nur schwach gewachsen: um 0,2 Prozent.

Und dieses Miniwachstum beinhaltet nicht nur die positiven Effekte der Steuerreform, sondern auch einen großen Teil der staatlichen Ausgaben für Flüchtlinge. „Wenn der Staat Sprachlehrer anstellt, dann ist das öffentlicher Konsum. Aber das Geld für die Hilfsorganisationen sowie die Mindestsicherung für die Flüchtlinge geht in den privaten Konsum – wenn es von Helfern oder Flüchtlingen wieder ausgegeben wird“, so Ökonom Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS).

Die positiven Effekte der Steuerreform will er aber noch nicht abschreiben: „Es kann schon noch ein bisschen dauern, bis wir das merken. Auch der niedrige Ölpreis sollte helfen. Beim Tanken merken die Leute diesen Effekt jetzt bereits. Die Arbeitslosigkeit stagniert zumindest – allerdings auf hohem Niveau.“

Kollege Marcus Scheiblecker vom Wifo wartet ebenfalls noch auf die Wirkung der Steuerreform: „Noch haben wir zu wenig Indizien, um zu sagen, das wirkt sich schon schön aus. Wir sind nicht besorgt – aber es wundert uns, dass man noch nicht mehr sieht.“ Für 2016 hat das Wifo ein Konsumplus von 1,8 Prozent vorhergesagt. „Das erreichen wir mit diesem Tempo aber nicht“, so Scheiblecker.

Was machen die Österreicherinnen und Österreicher mit dem durch die Steuerreform bedingten Nettoplus auf dem Konto? Eine mögliche Erklärung ist, dass wichtige Anschaffungen in Erwartung des Geldsegens bereits vorgezogen wurden. Aber 2015 ist der private Konsum noch schwächer gewachsen als zuletzt.

 

Firmen sind zuversichtlich

Eine zweite Möglichkeit ist, dass die Menschen das Geld lieber sparen. „Das haben wir auch bei früheren Steuerreformen beobachten können“, so Helmut Hofer. Aber angesichts der Nullzinspolitik der EZB habe das wenig Sinn – außer es handelt sich um Angstsparen. Und ausschließen kann man das nicht: „Die Menschen sind vorsichtig, die Zeiten werden nach wie vor als schwierig wahrgenommen“, sagt OeNB-Chefökonomin Ritzberger-Grünwald: „Die Steuerreform ist oft noch nicht angekommen. Weder in der Geldbörse noch in den Köpfen der Leute. Das braucht Zeit.“

Aber zumindest die Unternehmer scheinen wieder zuversichtlich: „Die Unternehmen investieren wieder deutlich mehr in Maschinen, Ausrüstungen und Fahrzeuge. Lediglich die Wohnbauinvestitionen entwickeln sich nach wie vor schwach“, so die Nationalbank in ihrer aktuellen Schnellschätzung. Aber auch hier weise die steigende Zahl der Baubewilligungen auf eine positive Trendwende hin.
Das sind gute Zeichen, aber kein Grund zur Euphorie für die Ökonomen. Zu oft mussten sie ihre Prognosen in den vergangenen Jahren wieder korrigieren. Immerhin: Heuer könnten die prognostizierten 1,5 Prozent Wachstum tatsächlich eintreffen. (jil)

Auf einen Blick

Die heimische Wirtschaft soll im zweiten Quartal um 0,5 und im dritten um 0,4 Prozent wachsen. Auch im ersten Quartal ist die Konjunktur bereits um 0,4 Prozent gewachsen – im Vergleich zum Vorquartal. Damit liegt Österreich plötzlich vor den USA, wo die Wirtschaft nur um 0,1 Prozent gewachsen ist. Aber die positiven Effekte der Steuerreform lassen auf sich warten, die Menschen stecken das Geld bisher nicht, wie erwartet, in den privaten Konsum – der wächst um nur 0,2 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2016)