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Nissan rettet Rivalen Mitsubishi

Wir schaffen das: Carlos Ghosn, Chef von Nissan-Renault, scheint dem Mitsubishi-Präsidenten Masuko Mut zuzusprechen.
Wir schaffen das: Carlos Ghosn, Chef von Nissan-Renault, scheint dem Mitsubishi-Präsidenten Masuko Mut zuzusprechen.(c) REUTERS (TORU HANAI)
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Nissan übernimmt die Kontrolle von Mitsubishi. Dahinter steht Renault – und damit der französische Staat, der sich in Japan breitmacht.

Wien/Tokio. Es ist Hilfe in höchster Not: Der Stern von Mitsubishi in ist den vergangenen Wochen tief gesunken. Erst musste der japanische Autobauer zugeben, dass er für vier Kleinwagenmodelle bei den Verbrauchswerten gelogen hat. Dann hieß es: Wir machen das schon seit 25 Jahren. Und schließlich: Noch sehr viel mehr Modelle sind betroffen. Die Umsätze bleiben aus, es drohen Schadenersatzklagen und Strafen, der Aktienkurs stürzt ins Bodenlose. Anders als bei einer früheren Krise springt keine Schwester aus dem mächtigen Mitsubishi-Konglomerat ein. Da bleibt nur noch Carlos Ghosn, Herr über Renault und Nissan, der bewährte Großmeister der großen Deals.

Nissan bringt umgerechnet 1,6 Mrd. Euro ein, erhält dafür (über neue Aktien) einen Anteil von 34 Prozent und wird so größter Aktionär. Auch den Vorsitz des Verwaltungsrats dürfen die Konkurrenten stellen. Damit übernimmt Nissan de facto die Kontrolle. Aber Ghosn ist kein barmherziger Samariter. Der Brasilianer mit der französischen Staatsbürgerschaft erwartet sich, neben den wie üblich beschworenen Synergien, dass sich die Lücken im Nissan-Angebot schließen. Bei Kleinwagen und SUVs hat Mitsubishi mehr Kompetenz, in den südostasiatischen Tigerstaaten wie Vietnam und den Philippinen konnte der Rivale besser Fuß fassen. Zudem packt Ghosn durch die Mitsprache in der Krise ein Problem an, das auch sein eigenes Unternehmen stark betrifft: Zwei der Modelle mit den falschen Verbrauchsangaben produziert Mitsubishi seit sieben Jahren für Nissan. Auch ihr Absatz ist massiv eingebrochen.

 

Trio rückt an Spitze heran

Das Rettungsmanöver wirkt wie ein Déjà-vu. Im Jahr 1999 griff Renault dem schwer angeschlagenen japanischen Konkurrenten Nissan unter die Arme. Die Konzerne verschränkten sich: Die Franzosen übernahmen 44 Prozent der Japaner, Nissan bekam im Gegenzug 15 Prozent von Renault. Für die heikle Aufgabe, einen in seiner Existenz bedrohten Konkurrenten zu sanieren und zwei Firmen in ganz unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzuführen, holte sich Renault den Michelin-Manager Ghosn. Es gelang ihm so gut, dass er 2005 den Renault-Thron besteigen durfte.

Mit viel diplomatischem Geschick erweiterte er den Einflussbereich von Renault um die Kontrolle des russischen Lada-Bauers Avtogaz und eine technische Allianz mit Daimler. Eine harsche Niederlage musste er aber vor einem Jahr gegen einen ungeliebten Großaktionär einstecken: Die Regierung in Paris erhöhte überraschend den Anteil der öffentlichen Hand auf 20 Prozent. Zugleich sicherte sie sich damit ein doppeltes Stimmrecht, für das sie ein Gesetz gebastelt hatte, und verfügt nun über eine Sperrminorität.

Die Hierarchie ist also wie folgt: Nissan kontrolliert Mitsubishi, ist selbst in der Hand von Renault – und hinter dem französischen Konzern steht der französische Staat, der nun seinen Einfluss auf die japanische Autoindustrie indirekt deutlich ausweitet.
Zusammen kommen die drei Verbündeten jährlich auf 9,5 Millionen Fahrzeuge – nicht mehr weit entfernt von den globalen Anführern Toyota und VW mit jeweils rund zehn Millionen. Sollten sich die lockeren Bande mit Daimler künftig verfestigen, könnte sich ein solcher Viererbund dann sogar an die Spitze des Automarktes stellen.

Vorerst hat Ghosn, hinter dem ungewollt die Trikolore flattert, aber noch harte japanische Nüsse zu knacken. Als er Nissan übernahm, lag der Autobauer so am Boden, dass er durchregieren konnte. Anders bei Mitsubishi: Hier haben drei Großaktionäre aus der gleichnamigen Firmenfamilie auch nach dem Deal noch stattliche Anteile, in Summe 30 Prozent, also kaum weniger als Nissan. Was aber jedenfalls für das Manöver spricht: Nissan sitzt auf einem Cash-Berg von umgerechnet über elf Mrd. Euro. Angesichts der Nullzinsen in Japan wäre es höchst unvernünftig, nicht gute Teile davon in reale Werte zu investieren. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2016)