Metallindustrie: Ein Abschluss mit Signalcharakter

Die Beschäftigten in der Stahlindustrie kämpfen auch um ihre Jobs
Die Beschäftigten in der Stahlindustrie kämpfen auch um ihre Jobs(c) REUTERS (WOLFGANG RATTAY)
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Mit der Einigung in Nordrhein-Westfalen auf ein Lohnplus von 4,8 Prozent wurde ein langer Arbeitskampf vermieden. Ökonomen hoffen auf Impulse für den Konsum.

Frankfurt. Schon der vorjährige Abschluss hatte es in sich: Die mächtige deutsche Metallergewerkschaft IG Metall hatte für den größten deutschen Industriezweig mit seinen 3,8 Millionen Beschäftigten eine Tariferhöhung um 3,4 Prozent ausgehandelt. Ursprünglich hatte die Gewerkschaft 5,5 Prozent gefordert.

Heuer lag mit fünf Prozent (auf ein Jahr) nicht viel weniger auf dem Tisch der Arbeitgeber, deren Gegenoffert sich auf 2,1 Prozent summierte – bei einer Laufzeit von 24 Monaten und einer zusätzlichen Einmalzahlung von 0,3 Prozent.

Der in der Nacht auf Freitag nach einem 14-stündigen Verhandlungsmarathon in Nordrhein-Westfalen erzielte Tarifabschluss kann sich für die Metaller sehen lassen: Sie erhalten 4,8 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 21 Monaten. Für April bis Juni gibt es eine Einmalzahlung von 150 Euro, dann werden die Löhne ab 1. Juli in einer ersten Stufe um 2,8 Prozent erhöht. Die zweite Stufe folgt ab April 2017 mit einer Erhöhung um zwei Prozent.

Billig ist das für die Branche nicht, zumal beide Seiten in den vergangenen Tagen klargemacht haben, dass eine Einigung Signalcharakter für die gesamte deutsche Metall- und Elektroindustrie habe. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Rainer Dulger, sagte, der Abschluss bedeute eine Mehrbelastung für die Unternehmen von rund zehn Mrd. Euro im Jahr.

Dennoch gab es auf beiden Seiten zufriedene Gesichter – auch im Hinblick darauf, dass der Abschluss den für die Wirtschaft so wichtigen Konsum ankurbeln soll. Die Übereinkunft beteilige die Beschäftigten am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen, sagte der Verhandlungsleiter der IG Metall, Knut Giesler. Und der Verhandlungsleiter der Arbeitgeber, Arndt Kirchhoff, sprach von einer „guten Lösung für unsere Unternehmen und unsere Mitarbeiter“.

Experten des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts begrüßten die Kaufkraftgewinne für die Beschäftigten. „Das ist verglichen mit dem, was wir bisher in der Tarifrunde gesehen haben, deutlich an der Spitze“, sagte WSI-Tariffachmann Reinhard Bispinck. Er erwartet auch eine Vorbildwirkung für andere Branchen, etwa die Chemie.

Generell beurteilten Ökonomen den Abschluss eher positiv. Der Europa-Chefvolkswirt der Nordea-Bank, Holger Sandte, sprach von einer Stützung der deutschen Binnenkonjunktur und des Konsums. Weniger erfolgreiche Unternehmen in der Branche dürften aber unter Druck kommen. Für Michael Holstein von der DZ Bank ist vor allem erfreulich, dass dem Metallgewerbe längere Streiks erspart bleiben.

„Der Tarifabschluss passt in unsere Erwartungen von deutlichen Lohnerhöhungen, die aber nicht durch die Decke gehen“, sagte Commerzbank-Experte Eckart Tuchtfeld. Er findet es auch sehr positiv, dass es für ertragsschwache Betriebe, die aus ihrer Sicht eine Lohnerhöhung nicht voll stemmen können, Sonderregelungen geben soll. Bei Firmen, die eine unterdurchschnittliche Ertragslage aufweisen, können die Tarifvertragsparteien nun die Einmalzahlung in der Höhe abweichen lassen oder die zweite Stufe der Tariferhöhung verschieben. „Da ist jetzt ein bisschen Spielraum eingebaut – das nimmt der Mehrbelastung die Spitze“, betonte Tuchtfeld.

Die Arbeitgeber verfolgten mit dieser Zusatzvereinbarung noch ein anderes Ziel. Sie fürchteten, dass ohne solche Regelungen weitere Betriebe aus dem Flächentarifvertrag ausscheren könnten.

Druck durch Streiks

Was aber auch zählt ist, dass mit der Einigung ein langwieriger und teurer Arbeitskampf vermieden werden konnte. Die IG Metall hat nämlich die Unternehmen seit Ablauf der Friedenspflicht am 29. April mit zahlreichen Warnstreiks überzogen. Insgesamt hätten sich bundesweit rund 760.000 Menschen an den Aktionen beteiligt, teilte die Gewerkschaft mit. Für den Fall eines Scheiterns der Gespräche waren für die Woche nach Pfingsten neue Streiks angedroht. Erst im Vorjahr hatte sich die IG Metall per Satzungsänderung dazu ein neues scharfes Tarifschwert geschmiedet: Ohne Urabstimmung können Betriebe ganze Tage lahmgelegt werden. (eid/Reuters)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2016)

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