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Maos Kulturrevolution: Der letzte grausame Coup eines Despoten

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Rote Garden marschieren mit Mao Zedongs „roter Bibel“ in die Höhe gestreckt.APA/AFP/JEAN VINCENT

Vor 50 Jahren, im Mai 1966, rief Mao Zedong zur Großen Proletarischen Kulturrevolution auf. Zehn Jahre dauerte die brutale Kampagne, mit der Chinas Diktator sein Volk gegeneinander aufhetzte.

Stundenlang warteten sie in der Dunkelheit, dicht an dicht gedrängt, im Herzen der chinesischen Hauptstadt. Um ein Uhr nachts schon hatten sie sich in den Weiten des Tian'anmen-Platzes versammelt. Gehüllt in provisorische graue und grüne Uniformen, herausgewühlt aus den Kleiderkisten der Eltern. Rote Garde prangte in großen goldenen Zeichen auf den roten Armbinden. Und dann im Morgengrauen des 18. August 1966 trat Mao Zedong auf das Podium über dem Tor des Himmlischen Friedens. „Lang lebe Mao!“, kreischten die mehr als eine Million fanatischen Schüler und Studenten, bis ihre Stimmen versagten. Maos „kleine Generäle“ waren die ersten radikalen Vollstrecker seines letzten grausamen Coups, der Großen Proletarischen Kulturrevolution.

Zehn Jahre, von Mai 1966 bis Oktober 1976, dauerte die Kampagne, die eine ganze Nation gegeneinander aufhetzte, ins Chaos stürzte und deren Wunden selbst heute, 50 Jahre danach, noch immer nicht verheilt sind. Die brutale Bilanz: eineinhalb bis zwei Millionen Tote, 30 Millionen politisch Verfolgte und 100 Millionen Menschen, die indirekt von den Exzessen betroffen waren. Dahinter steckte Maos politisches Kalkül – „die Vision einer sozialistischen Welt frei von Revisionismus und das schäbige, rachsüchtige Intrigieren gegen wahre und eingebildete Feinde“, schreibt der Historiker Frank Dikötter in seinem Buch „The Cultural Revolution. A People's History“. Mit der Kulturrevolution habe er versucht, sich als historischer Angelpunkt eines sozialistischen Universums zu positionieren.

Der alternde Despot reagierte auf innen- und außenpolitische Entwicklungen. Mao sah sich durch die „revisionistischen“ Tendenzen des großen Bruders, Russland, bedroht: 1958 hatte Sowjetführer Nikita Chruschtschow Führungsstil und Persönlichkeitskult seines Vorgängers, Josef Stalin, infrage gestellt und eine „friedliche Koexistenz“ mit dem Westen propagiert. Mao fürchtete, dass ihm das gleiche Schicksal wie dem einstigen unumstrittenen Mann an der Spitze der kommunistischen Welt blühen könnte. Er sah sein politisches Erbe in Gefahr. Nicht zuletzt, weil ihn seine Gegner für den „Großen Sprung nach vorn“ von 1958 bis 1962 verantwortlich machten. Das Industrialisierungsexperiment forderte 45 Millionen Todesopfer. Perfide plante Mao nun, „die Chruschtschows“ in den eigenen Reihen zu beseitigen.


Roter Terror. Der offizielle Startschuss der Kulturrevolution fiel 1966 mit einer Erklärung des KP-Politbüros, der „Mitteilung des 16. Mai“. Die Direktive warnte vor „konterrevolutionären Revisionisten“, die Partei, Regierung und Armee infiltriert hatten und die Diktatur des Proletariats in eine Diktatur der Bourgeoisie verwandeln wollten. Den Sturm angezettelt hatte eine radikale Gruppe unter Maos Ehefrau, Jiang Qing. In verschiedenen Konstellationen sollten die Vertrauten des Diktators die Revolution maßgeblich mitlenken, zuletzt in Form der ultralinken Viererbande. Selbst Parteigranden, wie Präsident Liu Shaoqi und Chinas späterer Staatschef Deng Xiaoping, ahnten anfangs nicht, dass sie selbst als Kapitalisten denunziert werden würden.

Diese Willkür ist wie der blutrote Faden, der sich über das folgende Jahrzehnt ziehen wird: Die Konterrevolutionäre von heute wurden morgen als Märtyrer verehrt. Niemand außer Mao konnte sich seiner Position sicher sein. Zunächst erkor der Gründer der Volksrepublik Schüler und Studenten zu seinen größten Verbündeten, um parteiinterne Widersacher auszuschalten. Sie waren leicht zu manipulieren und bereit, für ihn zu kämpfen – bis zum Tod.

Das erste Kommando, „Monster und Dämonen hinwegzufegen“, erhielten die Massen mit einem Leitartikel der Volkszeitung am 1. Juni. Zwei Monate später, im Roten August, war die Bewegung voll im Gange, als die Partei die Jugendlichen aufrief, die Vier Alten– Denkweisen, Bräuche, Gewohnheiten und Kultur – zu zerstören. In ihrer Mission, Klassenfeinde zu entlarven, wüteten die Roten Garden im ganzen Land. Sie zertrümmerten Tempel und Kirchen, verbrannten Bücher und antike Kunstschätze, sie erniedrigten, folterten und mordeten. Ende August wurden allein in Peking jeden Tag an die hundert Menschen massakriert – und Mao sah zu. Die Legitimation für die Gewalt fanden die Jugendlichen etwa in Maos Grundsatzwerk, der „roten Bibel“: „Revolution ist keine Dinnerparty“, hieß es. „Sie kann nicht elegant und sanft durchgeführt werden.“

Der gewaltsame Sturm auf Chinas feudalistische und imperialistische Vergangenheit hatte eine eintönige Uniformität zur Folge – gefragt waren schlichte Kleidung, proletarische Haarschnitte, einfache Mahlzeiten. Zugleich entflammte ein fanatischer Mao-Kult. Der Große Steuermann war überall: auf Postern, als Statue, in immer tönenden Lautsprecherdurchsagen. Ein wahrer Hype aber brach um Plaketten mit seinem Porträt aus. Bis zu fünf Milliarden Anstecker sollen produziert worden sein.


Armee an der Macht. Nach der Explosion des studentischen Roten Terrors stiegen 1967 auch Arbeiter in die Kämpfe ein, die Volksbefreiungsarmee rückte zur Unterstützung der „revolutionären Massen“ aus. Rivalisierende Fraktionen massakrierten sich gegenseitig, gespalten in Befürworter und Gegner der Armee. Jede Gruppe war überzeugt, sie zähle zu den wahren Mao-Getreuen. Als im Sommer 1968 die Gewalt zu eskalieren drohte, zog Mao einen Schlussstrich: De facto übernahm die Armee das Kommando, die Volksrepublik glich mehr und mehr einer Militärdiktatur. Die in Ungnade gefallenen Roten Garden schickte der Vorsitzende zur „Umerziehung“ auf das Land. Zwischen 1968 und 1980 wurden 17 Millionen junge Chinesen aus den Städten verbannt. Perspektivlos fristeten sie ihr Dasein in den Dörfern, in denen 200 Millionen Menschen chronisch unterernährt waren.

Nach der Wende fanden Maos Schergen neue Feinde in der Partei: Verräter, Abtrünnige und Spione des Westens. Suspekt war jeder mit Verbindungen zum Ausland. Kader in ganz China nutzten die Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, bezichtigten die Verfolgten erfundener Verbrechen – auch, um Quoten zu erfüllen. Bis Herbst 1969 wurden rund 170.000 Chinesen drangsaliert. 5400 Menschen begingen aus Verzweiflung Selbstmord, wurden zu Tode geprügelt oder exekutiert. Wenig später hatte es die Partei 1971 in einer Antikorruptionskampagne auf die einfache Bevölkerung abgesehen. Sie aber sollte nicht getötet, sondern gefügig gemacht werden. Einer von 50 Bürgern war von dieser letzten großen Säuberungskampagne der Kulturrevolution betroffen.


Stille Revolution. Im selben Jahr läutete der mysteriöse Flugzeugabsturz von Chinas offizieller Nummer zwei, Lin Biao, den Anfang vom Ende ein. Als Mao Zedong am 9. September 1976 starb, hatte sich ein Großteil der Bevölkerung bereits von den ideologischen Ketten der maoistischen Dekaden losgelöst. Zehn Jahre hatte der Vorsitzende versucht, in das Innerste der Bürger einzudringen, Misstrauen zu sähen und Gemeinschaften zu zerstören, um sich absolute Loyalität zu sichern. Doch während Mao weiter seine Machtspiele trieb, leisteten viele heimlichen Widerstand: Bücherzirkel und Religionsgruppen entstanden, Familien wuchsen noch näher zusammen.

Auch die Landbevölkerung, weit entfernt von den Eskapaden in den Städten, löste sich vom Griff der Partei. Es war „eine stille Revolution“, schreibt Dikötter, als Chinas Bauern die Planwirtschaft aufgaben. Lokale Kader waren hilflos angesichts der Millionen, die begannen, den Schwarzmarkt zu beleben, kollektives Land aufzuteilen und Untergrundfabriken zu betreiben. „Keine Kulturrevolution, keine wirtschaftliche Reform“, urteilen die China-Forscher Roderick MacFarquhar und Michael Schoenhals in ihrem Buch „Mao's Last Revolution“. „Die Kulturrevolution war ein so großes Desaster, dass sie eine noch größere kulturelle Revolution hervorrief. Die, die Mao versuchte, zu verhindern.“

Mit dem Fall der Viererbande, deren Mitglieder für den Wahnsinn verantwortlich gemacht wurden, war der Spuk vorbei. Als die Parteiführung die Verhaftungen der Bevölkerung am 14. Oktober1976 offiziell verkündete, war der Himmel über China bis spät in die Nacht vom bunten Licht der Feuerwerkskörper erfüllt. Die Kulturrevolution endete so, wie sie begonnen hatte: mit Jubelrufen und Denunziationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2016)

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