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Cannes: Endlich ein Film, bei dem es was zu lachen gibt

Winfried (Peter Simonischek) verkleidet sich als Coach Toni Erdmann und bringt seiner erfolgreichen Business-Tochter bei, wie das Leben wirklich ist.
Winfried (Peter Simonischek) verkleidet sich als Coach Toni Erdmann und bringt seiner erfolgreichen Business-Tochter bei, wie das Leben wirklich ist.(c) Filmfestival Cannes
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„Toni Erdmann“ von Maren Ade ist der erste deutsche Anwärter auf die Goldene Palme seit 2008. Zu Recht, die kraftvoll-witzige Vater-Tochter-Geschichte mit Burg-Star Peter Simonischek begeisterte nahezu universell.

Dass einem in Cannes nach Lachen zumute ist, kommt nicht allzu oft vor. Kinokoller, Schlange-Stehen, Schlafmangel – meist ist man zu müde. Überdies gibt sich der Wettbewerb eher humorresistent: Thematische Bedeutsamkeit und stilistische Souveränität stehen dort an erster Stelle. Wenn also das gesamte Pressekorps im Zuge einer Vorführung mehrfach in schallendes, kathartisches Gelächter ausbricht, dann weiß man, dass hier jemand einen Nerv getroffen hat. Dieser Jemand ist die Regisseurin Maren Ade, deren neuer Film, „Toni Erdmann“, am Samstag bei den Filmfestspielen an der Côte d'Azur Premiere hatte – als erster deutscher Goldpalmenanwärter seit 2008 – und zu Recht auf nahezu universelle Begeisterung stieß.

Ade hat bereits mit ihrem Debüt, „Der Wald vor lauter Bäumen“, und der 2009 in Berlin mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Beziehungskiste „Alle anderen“ ihr Talent bewiesen, prekäre Manöver unausgeglichener Figuren auf dem rutschigen Parkett der Zwischenmenschlichkeit in kraftvolle Erzählungen zu verpacken, doch mit ihrem knapp dreistündigen (und dabei keinesfalls überlangen) Neuling hat sie sich selbst übertroffen. Kern des Films bildet ein angeknackstes Vater-Tochter-Verhältnis: Winfried (Burgtheater-Star Peter Simonischek) ist ein abgehalfterter Altachtundsechziger und Musiklehrer mit Hang zu halblustigen Scherzen.

 

Emotionale Ambivalenz

Ines (Sandra Hüller) hingegen bewegt sich als erfolgreiche Unternehmensberaterin resolut durch die moderne Businesswelt. Beim Familienfest täuscht sie Telefonate vor, um nicht reden zu müssen, zu weit hat sie sich schon von ihrer Herkunft wegentwickelt. Als Winfrieds Hund stirbt, besucht er seine Tochter spontan in Bukarest, wo sie kurz vor einem wichtigen Deal steht. Papas Ankunft kommt nicht sehr gelegen, seine Annäherungsversuche prallen ab – mit einer Käsereibe als Geschenk gewinnt man keine Herzen. Beim Abschied warten die beiden schweigend auf den Fahrstuhl, dann folgt eine forcierte Umarmung. Doch Winfried ist verletzt, will sich nicht abschütteln lassen und macht seinen Spieltrieb zur Waffe: Mit schlecht sitzender Perücke und falschen Zähnen platzt er in Meetings und Empfänge und präsentiert sich in gebrochenem Englisch als Lebenscoach Toni Erdmann, um Ines aus ihrer Komfortzone zu locken. Diese ist frappiert, nimmt aber die Herausforderung an – auch weil sie spürt, dass ihr Vater recht haben könnte mit seiner Behauptung, die Professionalität habe ihr die Menschlichkeit ausgetrieben. Im Rollenspiel-Gefecht kommen die zwei einander wieder näher.

Auf dem Papier klingt dieses Szenario wie übler Hollywood-Kitsch. Aber die Kraft von Ades Film liegt darin, dass er stets glaubhaft wirkt: Jede noch so schrullige, peinliche Situation entwickelt sich organisch, verkommt nie zur Farce, bleibt emotional ambivalent. Hinter Tonis Mätzchen steckt eine tiefe Traurigkeit und unbändige Sehnsucht, seine Tochter wieder für sich zu gewinnen, ein spürbarer Schmerz, der jeden Augenblick tragisch unterfüttert ist. Das Schauspiel ist famos und absolut preisverdächtig: Sowohl Simonischek als auch Hüller legen eine naturalistische Nuanciertheit an den Tag, wie man sie im deutschsprachigen Kino selten zu sehen bekommt (am schwierigsten war es laut Ade, den Theaterprofi Simonischek dazu zu bringen, die Erdmann-Maskerade nicht zu überzeugend anzulegen).

 

Improvisierte Nacktparty mit Krampus

Zwei Schlüsselszenen kommen spät im Film: Bei einem rumänischen Osterfest bringt Winfried seine Tochter dazu, Whitney Houstons Schmachtfetzen „Greatest Love of All“ zu singen, wobei sich Ines selbst mit der Inbrunst ihrer Performance überrascht – dafür gab es gleich doppelten Szenenapplaus. Gegen Ende mutiert eine Geburtstagsfeier zu einer improvisierten Nacktparty, bei der Winfried im Kuschelkrampuskostüm aufkreuzt: Eine irrwitzige Sequenz, die wunderbar zwischen Skurrilität und Sentiment balanciert und den Trommelwirbel für ein gerade in seiner Einfachheit bewegendes Finale liefert. Die Palme-Chancen stehen nicht schlecht für „Toni Erdmann“, eine deutsch-österreichische Koproduktion: Im Kritikerspiegel des Branchenblatts „Screen Daily“ liegt er mit einer Rekordwertung vorn.

Ades Film steht mit seiner Komik nicht allein da im heurigen Wettbewerb: Bruno Dumonts „Ma Loute“ schraubt die absurden Untertöne im Schaffen des Kino-Existenzialisten ins Extrem. Stars wie Juliette Binoche und Fabrice Luchini outrieren darin völlig überzeichnete Karikaturen eines degenerierten Bürgertums, die an der nordfranzösischen Küste in eine Krimigroteske um lokale Kannibalen verwickelt werden: Helge Schneider wäre stolz. Es gibt also doch etwas zu lachen in Cannes – zum Glück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2016)