Napoli-Präsident De Laurentiis ist davon überzeugt, mit Erwin Hoffer einen vielseitigen Stürmer engagiert zu haben. Fünf Millionen Euro Ablöse bedeuten, dass der 22-Jährige Österreichs teuerster Fußballer ist.
WIEN. Es war Liebe auf den ersten Blick. Aurelio De Laurentiis, Präsident des SSC Napoli, hatte Erwin Hoffer spielen gesehen und war sofort überzeugt: Dieser Stürmer muss engagiert werden. Sportdirektor Pierpaolo Marino organisierte ein Video, Trainer Roberto Donadoni soll ebenfalls angetan gewesen sein. Also wurde der Transfer binnen einer Woche – still und leise – unter Dach und Fach gebracht. Hoffer (22) erhielt einen Fünfjahresvertrag, Rapid fünf Millionen Ablöse, und Neapel feiert seinen neuen Angriffswirbel.
Für Hoffer geht damit ein Traum in Erfüllung, schließlich wollte er unbedingt im Ausland spielen. Es klingt wie in einem Märchen, doch sein Weg führte ihn tatsächlich über Haidhof, Baden, Admira und Rapid nach Neapel in die Seria A. Und jetzt ist Hoffer mit fünf Millionen Ablöse der teuerste ÖFB-Spieler aller Zeiten.
Diese „Auszeichnung“ könnte aber nur von kurzer Dauer sein. Kommt der Transfer von Marko Arnautovic doch zustande, knackt er Österreichs Transferjackpot. Inter Mailand soll gewillt sein, neun Millionen Euro an Twente Enschede zu überweisen. Noch diese Woche soll es so weit sein, die Gespräche wurden zuletzt wieder intensiviert.
Marino sind diese Summen egal, für ihn hat Hoffer „etwas von Milan-Star Filippo Inzaghi“. De Laurentiis geht sogar noch einen Schritt weiter. Hoffer sei ein junger, agiler Stürmer. Von ihm erwarte er sich enorm viel, auch abseits des Platzes. „Er hat ein fotogenes Profil, wie Kirk Douglas.“ Als Filmproduzent muss er eigentlich wissen, wovon er spricht.
Wehmut beim Abschied
Hoffer stieß bereits Mittwochnachmittag zum zweifachen italienischen Champion, der bis Freitag in Lindabrunn sein Trainingscamp aufgeschlagen hat. So leicht ihm die Unterschrift unter den Fünfjahresvertrag heute fallen dürfte, so schwer fiel ihm der Abschied von seinen Rapid-Kollegen und Hütteldorf. Stolz, aber von Wehmut begleitet, verließ er am Morgen das Areal des Hanappi-Stadions. Er gab Autogramme, lächelte für Erinnerungsfotos, und als „Time to Say Goodbye“ aus dem Kabinengang hallte, soll die eine oder andere Träne geflossen sein. „Ich kann mich bei Rapid nur bedanken. Die Verhandlungen waren professionell, man hat mir keine Steine in den Weg gelegt. Ich will bei Napoli spielen – und so erfolgreich sein wie bei Rapid. In meinem Herzen aber bleibe ich für immer Rapidler.“
Am Donnerstagabend war Hoffer aber dann erstmals für seinen neuen Klub SSC Napoli im Einsatz. Der Ex-Rapidler stürmte beim 5:1-Erfolg gegen den niederösterreichischen Landesligisten 1. SC Sollenau in der zweiten Hälfte neben German Gustavo Denis. Die Treffer für den italienischen Serie-A-Klub erzielten Ezequiel Lavezzi (2), Marek Hamsik (2) und Denis.
In Neapel wartet ein anderer, ein noch härterer Alltag. Hoffer bekommt am Vesuv eine Wohnung und sofort einen Italienischlehrer zur Verfügung gestellt. „Es ist wichtig, dass ich die Sprache schnell lerne“, weiß der werdende Vater, der erst am Freitag vom Interesse Napolis erfahren und sich am Dienstag endgültig zum Wechsel zum ehemaligen Klub von Diego Maradona entschlossen hatte.
Heikler Millionentransfer
Die Drähte hinter den Kulissen zogen Manager Rupert Marko und Max Hagmayr als Berater. Weil Napoli darauf bedacht war, keine Aufmerksamkeit zu erregen und Konkurrenten wie Feyenoord oder Genua auf den Plan zu rufen, wurde „Stillschweigen“ vereinbart, erklärt Hagmayr die Entstehung des überraschenden Rekordtransfers. Es gehe in dieser Branche um Vertrauen, „nicht den schnellen Euro“. Rapid weiß das zu schätzen, hatte Hagmayr doch schon bei Garics (auch zu Napoli), Korkmaz (Frankfurt) und fast bei Kavlak (Hertha) seine Finger im millionenschweren Transferspiel.
Mit Napoli habe es von Anfang an gepasst, „wir waren mit dem Verein schnell im Klaren“, berichtet Hagmayr. Und Donadoni, der vor seinem Engagement in Neapel Italiens Squadra Azzurra betreut hatte, „wollte Jimmy unbedingt“.
Neapel hat neben Hoffer sieben weitere Spieler für die nächste Saison engagiert und dafür 50 Millionen Euro investiert. Seitdem De Laurentiis dem Klub vorsteht, sind Finanzprobleme beim SSC ein Fremdwort und Konkurse (2004), Zwangsabstiege oder leere Ränge im San-Paolo-Stadion Vergangenheit. Mit Trainer Donadoni soll die Rückkehr an die Spitze gelingen. Für die nötigen Tore soll ab sofort Erwin Hoffer sorgen.
Während sich Hoffer auf Neapel freut, muss Rapid künftig ohne Jimmy bestehen. In heillose Panik verfalle Sportdirektor Ali Hörtnagl deshalb nicht, immerhin verfüge der Klub ja mit Maierhofer und Jelavic über Alternativen. Daher wird auch an eine schnelle Nachbesetzung „nicht gedacht. Wir holen kurzfristig keinen neuen Stürmer. Ich freu mich für Hoffer. Wir haben immer gesagt, wenn alles passt, werden wir einem Transfer zustimmen.“
Aus menschlicher Sicht klaffe beim Klub nun eine „Riesenlücke“, sagt Hörtnagl. Angesichts des negativen Eigenkapitals (3,5 Mio. €) war es aber „das Geschäft“ schlechthin.
DER SPIELER
■Erwin Hoffer
wurde am 14.April 1987 in Baden geboren. Der Stürmer (1,76m) ist ledig und absolvierte elf Länderspiele (2 Tore).
■Karrierestationen: Haidhof, Tribuswinkel, Baden, Admira (2002–2006), Rapid (2006–2009), SSC Napoli (2009–2014).
■Größte Erfolge: U19-EM-Dritter (2006), Meister mit Rapid (2008).
DER VEREIN
■Der SSC Napoli
wurde 1904 gegründet. Der Uefa-Cupsieger (1989) und zweifache italienische Meister (1987, 1990; jeweils mit Diego Maradona) spielt seit 2007 wieder in der Serie A.
■Trainer ist Roberto Donadoni, die Topspieler sind Fabio Quagliarella und Paolo Cannavaro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2009)