Ein Mafiaboss mit Verbindungen nach Wien wurde in Moskau angeschossen. Iwankow sei ins Land gekommen, um einen Streit zwischen zwei kriminellen Gruppierungen aus dem Glücksspielbusiness zu schlichten.
Moskau. „Thailändischer Elefant“ heißt das Restaurant in der Choroschewskij Chaussee. Dort hatte Wjatscheslaw Iwankow am Dienstagabend Tee getrunken. Um ca. 19.50 Uhr Ortszeit trat er auf die Straße. Wenige Sekunden später brach er blutend zusammen. Zwei Mal hatte ihm der Auftragsmörder in den Bauch geschossen. Dilettantisch oder in seinem Vorhaben gestört, wie Sicherheitskräfte in Moskau meinen. Gewöhnlich nämlich würde man in die Brust schießen. Iwankow schwebte trotzdem in Lebensgefahr. Über den Zustand des 69-Jährigen geben sich die Ärzte bedeckt. Iwankow selbst schoss zeitlebens professionell. Etwa in einem türkischen Restaurant in Moskau 1992. Weil drei Türken damals vom Garderobiere zuerst bedient worden waren, tötete er aus Zorn zwei von ihnen.
Der mächtigste russische Mafiaboss fackelte nie lange. Heißsporn vom Naturell, hatte er sich schon zu Sowjetzeiten Respekt in der Unterwelt verschafft. 1982 ging er wegen Erpressung und Drogenhandels für über zehn Jahre hinter Gitter, kam aber 1991 frühzeitig frei. Und wurde, wie Insider vermuten, vom KGB als eine jener kriminellen „Autoritäten“ geduldet, die Verbrechergruppen in ganzen Landstrichen kontrollieren sollten. „Japontschik“ („Japaner“) nannte ihn die Unterwelt wegen seiner Augenform und verlieh ihm den Titel „Dieb im Gesetz“, der nur den Ranghöchsten in der Untergrundhierarchie zukommt.
Diese trafen einander Anfang der 90er-Jahre wiederholt, um Reviere aufzuteilen. Wie der deutsche Mafiaexperte Jürgen Roth im Buch „Die Gangster aus dem Osten“ schreibt, hat Iwankow zu einem solchen Treffen 1994 auch in ein Wiener Luxushotel geladen. Dort hätten 30 Paten die Vertreibung kaukasischer Banden aus russischen Städten diskutiert und damit „den Osten wie den Westen endgültig untereinander aufgeteilt“. Laut FBI war der georgische Mafiaboss David Sandikidze, der 1996 in Wien spektakulär ermordet wurde, Intimus von Iwankow.
Iwankow selbst war zu dieser Zeit bereits in den USA inhaftiert. Dagegen half auch der Staranwalt nicht, den er sich drei Millionen Dollar kosten ließ. Betrug, Steuerhinterziehung, Drogenhandel und Geldwäsche wurden ihm vorgeworfen. „Wir sind hier, und ihr arbeitet besser mit uns zusammen, denn ihr wisst, wer wir in Russland sind“, hatte Iwankow laut Ermittlungsbericht russischen Unterweltgruppierungen in den USA gesagt.
2004 wurde er aus der US-Haft nach Moskau überstellt. Der Prozess wegen der Ermordung der türkischen Restaurantbesucher endete mit einem Freispruch. Seither lebte Iwankow angeblich im Ausland.
Verhängnis Glücksspiel
Von dorther soll er wenige Tage vor dem Mordanschlag auf ihn am Dienstag inkognito nach Russland eingereist sein, berichtet die Agentur „Ria Novosti“ unter Verweis auf Sicherheitskräfte. Iwankow sei ins Land gekommen, um einen Streit zwischen zwei kriminellen Gruppierungen aus dem Glücksspielbusiness zu schlichten. Laut der bei „Ria“ zitierten Quelle habe „eine der Gruppierungen allem Anschein nach beschlossen, Japontschik nach erfolglosen Verhandlungen zu beseitigen“.
ZUR PERSON
■Wjatscheslaw Iwankow hatte sich schon zu Sowjetzeiten zum Unterweltboss hochgearbeitet. In den 90er-Jahren lud er zum Treffen nach Wien, wo sich die Mafiabosse die Reviere aufteilten. Er saß mehrmals im Gefängnis und lebte zuletzt im Ausland.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2009)