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Skandal: „Doping ist kein russisches Phänomen“

Bis über das Stadiondach: Mit jedem Rekord wachsen Zweifel, ob die Leistung auch „sauber“ erzielt worden ist.
Bis über das Stadiondach: Mit jedem Rekord wachsen Zweifel, ob die Leistung auch „sauber“ erzielt worden ist.(c) APA/AFP/YASUYOSHI CHIBA
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Intrigen, Lügen, Krieg – die Reaktionen nach massiven Vorwürfen zeigen in Moskau nur in eine Richtung: Nichts davon stimme. Ein Besuch im Olympiazentrum von 1980.

Wenn man einmal mit Doping angefangen hat, ist es schwierig, wieder aufzuhören“, sagt Wladislaw Schurawlow. Der Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma ist Mitglied im exklusiven Fitnessstudio World Class in der Moskauer Olympiahalle. Es ist ein sandgrauer Betonpalast und Andenken an die Olympischen Spiele in der Sowjetunion 1980. Nicht nur Profis sind hier heute auf dem weitläufigen Areal mit Schwimmhalle, Turnsälen und Fitnessstudios aktiv, sondern auch Amateure wie dieser stämmige Mann: Schurawlow boxt in seiner Freizeit.

Die Abhaltung der Olympischen Spiele zu Sowjetzeiten war ein (Boykott-)Politikum, die Winterspiele von Sotschi 2014 waren ein milliardenschweres politisches Schauspiel. Die Enthüllungen rund um den mutmaßlichen Austausch von Urinproben durch den Inlandsgeheimdienst FSB 2014 und den nächsten großen, russischen Dopingskandal wirbeln nun viel Staub auf.

 

Russland hat viele Feinde

Nicht, dass Schurawlow die bisherigen russischen Dopingfälle verteidigen möchte. „Doping ist schlecht“, sagt er. Aber die neuesten Vorwürfe des früheren Chefs des Antidopinglabors Grigori Rodschenkow wirkten weit hergeholt. Wenn es zumindest ein belastendes Dokument gebe oder ein Schuldeingeständnis, aber so? „Da scheinen mir politische Hintergründe im Spiel zu sein“, sagt der Boxer. „Irgendjemandem gefällt nicht, dass Russland ein starkes Land ist.“

Mit seiner Skepsis steht Schurawlow nicht allein da. Eine Managerin im Olympia-Komplex spricht von politischen Spielen, die Vorwürfe Rodschenkows von Fälschungen in diesem Maßstab scheinen ihr „ausgedacht“. Und auch der 34-jährige Fitnesstrainer Jewgenij glaubt eher an eine Verschwörung von Medien und Politik, als dass die Vorwürfe wahr sein könnten.

Meldonium, wird zumindest hier behauptet, sei eigentlich kein richtiges Dopingpräparat. Es helfe doch nur bei der Regeneration, daran sei doch folglich nichts schlimm. Und außerdem, so Jewgenij: „Doping ist doch kein russisches, sondern ein internationales Phänomen.“

 

Alles nur „Anti-Russland-Kampagne“

Biegt man sich in Moskau die Fakten zurecht? Ist das die viel beschworene Kultur der Manipulation, die in Russlands Sportstätten angeblich herrscht? Erst eine genaue Untersuchung der Vorwürfe Rodschenkows wird Klarheit bringen. Faktum ist aber auch, dass es seit einiger Zeit handfeste Beweise dafür gibt, dass im russischen Sport manipuliert wird. Da war der positive Dopingtest der Tennisspielerin Maria Scharapowa zu Beginn des Jahres, im März ihr öffentliches Bekenntnis, Meldonium eingenommen zu haben. Für Mittwoch wird ihre Anhörung in London erwartet. Für den Star könnte die Affäre glimpflich ausgehen, ob das auch für alle derzeit von internationalen Bewerben ausgesperrten Leichtathleten gilt, über deren Schicksal am 17. Juni in Wien entschieden wird, ist fraglich. 2014 war Russland das Land mit den weltweit meisten Dopingfällen, laut Statistik der Weltantidopingagentur Wada mit 148 Fällen.

Die Behörden zeigten sich in einer ersten Reaktion höchst angriffig: „Verleumdungen eines Überläufers“ nannte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitrij Peskow, alle Vorwürfe. Peskow erklärte, es gebe auch keine Entscheidung, ob Wladimir Putin zur Eröffnung der Sommerspiele am 5. August nach Rio de Janeiro reisen würde. Auch Sportminister Witali Mutko tat die Enthüllungen als „absurd“ ab, Igor Ananaskich, Mitglied des Sportkomitees der Duma, sprach von „einem Informationskrieg“. Kurzum: Im Land selbst wird das Thema als antirussische Intrige behandelt, und in der Öffentlichkeit scheint diese Strategie aufzugehen.

Ungelöst ist die Frage, wie in Russland eine wirksame Antidopingkontrolle etabliert werden kann. Sollte die Beeinflussung staatlich gelenkt sein, dann ist auch für Amateurboxer Schurawlow Handlungsbedarf gegeben. „Wenn sich die Politik in die Kontrolle der Sportler einmischt, muss man diesen Einfluss ausschalten.“ Ein frommer Wunsch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2016)