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Die brüchige Demokratie-Utopie der syrischen Kurden

Syrian Kurds Battle ISIS
(c) Cengiz Yar Jr. / Zuma / pictured (Cengiz Yar Jr.)
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In Rojava haben syrische Kurden ein Demokratieprojekt initiiert, das wegweisend für die Region sein soll. Aber gerade sie müssen noch einiges dazulernen.

Um elf Uhr nachts stürmten bewaffnete Männer die Radiostation Arta FM in Amude. Sie brachten den Sendeleiter zum Friedhof der nordsyrischen Kleinstadt, setzten ihm dort eine Pistole an den Kopf und drohten ihm mit Exekution. Danach plünderten sie die Redaktionsräume und legten Feuer. „Wenn ihr jemals wieder auf Sendung geht, töten wir euch!“, rief einer der Bewaffneten, bevor sie davonfuhren.

„Ich war völlig schockiert“, sagt Siruan Hossein, der deutsch-syrische Manager des Radios, das seit dem verhängnisvollen Tag Ende April verstummt ist. „Wir befinden uns zwar in einer Krisenregion, aber so etwas hätten wir nie für möglich gehalten.“ Dieser Vorfall sei ein herber Schlag für die Demokratie und Pressefreiheit in Rojava. In diesem Landstrich, der sich rund 400 Kilometer entlang der türkischen Grenze zieht, wurde vor zwei Jahren eine neue Basisdemokratie eingeführt. Obwohl hier Kurden die Bevölkerungsmehrheit stellen, sollten alle anderen ethnisch-religiösen Gruppen – Christen, Araber, Turkmenen und Armenier – gleichberechtigt Politik gestalten. Rojava galt als einzigartiges Projekt für Syrien und die gesamte Region. Und nun kam dieser Überfall auf Arta FM.

 

Im Schatten der YPG-Miliz

Von den Tätern fehlt noch jede Spur. Aber Ortsansässige glauben zu wissen, wer dahintersteckt. „In Amude gibt es Tag und Nacht Straßensperren und Kontrollpunkte der kurdischen Miliz YPG“, meinte einer der Anwohner, der unerkannt bleiben wollte. „Eine Gruppe von Bewaffneten kann sich nur frei bewegen, wenn sie dazugehört.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass ausgerechnet die YPG, die am erfolgreichsten die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) bekämpft, die Justiz in die eigene Hand genommen hat. Vier Mitglieder der kurdischen Einheit lockten letztes Jahr einen christlichen Kommandanten unter dem Vorwand einer wichtigen Besprechung aus dem Haus. Zuvor hatten sie mit ihrem Opfer, das sie für einen Verräter hielten, noch Tee getrunken. Auf dem Weg zum fingierten Treffen erschossen sie dann David Dschindo. Sein Begleiter, Elias Naser, überlebte schwer verletzt, weil man ihn für tot gehalten hatte. Dank seiner Aussage wurden die YPG-Soldaten verhaftet und zwei von ihnen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Im Fall von Arta FM muss sich noch zeigen, ob der Gerechtigkeit ebenfalls Genüge getan wird. Der Überfall ist politisch gesehen von weitaus größerer Bedeutung als ein Racheakt unter Militärs mitten im Bürgerkrieg. Im Vergleich zum Rest von Syrien, in dem blutige Willkür und Chaos an der Tagesordnung sind, mag das eine Lappalie sein. Aber in Rojava wird eine Demokratie aufgebaut, und deren Fundament sollte eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit sein. Arta FM ist ein liberaler, multikultureller Sender, der in kurdischer, arabischer, assyrischer und armenischer Sprache seine Programme ausgestrahlt hat. Das Radio ist dabei jedoch nicht der Parteilinie der kurdischen Partei der PYD gefolgt, zu der die YPG-Miliz gehört. „Das ist manchen Funktionären ein Dorn im Auge“, sagte ein kurdischer Journalist der Stadt Qamishli. „Es hat schon mehrfach Querelen gegeben, da kann es gut möglich sein, dass jetzt einer den Befehl zum Angriff gegeben hat.“

 

Als Öcalan ein Buch entdeckte

Die PYD ist ein Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK aus der Türkei. Die von Abdullah Öcalan hierarchisch geführte Organisation war bekannt für ihre marxistische Orientierung und verstand sich als Speerspitze des internationalen Freiheitskampfs gegen jede Form der Unterdrückung. Erst vor wenigen Jahren entdeckte Öcalan den amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin und schien von dessen Schriften begeistert zu sein. Jedenfalls verordnete der in türkischer Haft sitzende PKK-Führer seiner Partei plötzlich einen Kurswechsel: Vom rigiden Marxismus zu einem libertären System mit direkter Demokratie. Natürlich kann so etwas von heute auf morgen nicht funktionieren.

Die PYD und ihre verbündeten Parteien befinden sich in einem Umbruch. „Das neue demokratische System und der angestrebte Föderalismus machen den kurdischen Nationalismus letztlich obselet“, behauptet Saleh (Name geändert), ein politischer Analyst aus Rojava. „Jetzt machen alle Bevölkerungsgruppen gemeinsam Politik, die Zeit der Alleingänge ist vorbei.“ Nur einige altgediente Funktionär wollen das nicht wahrhaben, die oft zehn und mehr Jahre in den Bergen im Irak, Iran und in der Türkei für das kurdische Volk gekämpft haben. „Sie versuchen die Kontrolle zu behalten und anderen ihre Ideologie aufzuzwingen“, erklärt der 46-jährige Kurde weiter.

(c) Die Presse

Malek Hanna spricht von „radikalen Betonköpfen, die das Leben unnötig schwer machen.“ Als einer von drei Beratern im Erziehungskomitee der Kantonsregierung in Amude hat der Christ mit ihnen ständig zu tun. „Wir können keine unabhängige Entscheidungen treffen, da der Vorsitzende ohne einen Vertreter der Partei nicht abstimmen lässt.“ Mit Partei meint er die PYD. „Als Außenstehende haben sie eigentlich kein Mitspracherecht“, erklärt Hanna mit einem süffisanten Grinsen. „Das ist gegen die Regeln der Demokratie.“

 

Großkurdistan im Schulbuch

Der 27-Jährige scheint alles mit viel Humor zu nehmen. Dabei führt er einen Sisyphuskampf, wie er offen zugibt. Aber zum Glück gebe es nicht überall diese „Betonköpfe“. Andere Kurdenvertreter, so beteuert Hanna, hätten längst erkannt, dass man auch Nichtkurden auf gleicher Ebene begegnen müsse. Dann schaut der junge Mann wieder belustigt und erzählt von seltsamen Kapriolen, die der kurdische Nationalismus manchmal schlage. „Sehen Sie sich die neuen Schulbücher der Grundstufe an“, erklärt er. Darin sei ihre offizielle Landkarte abgebildet, in der die Türkei, zugunsten eines Großkurdistans, völlig zusammengeschrumpft sei.

„Keine Frage, die Kurden verändern historische und geografische Fakten“, bestätigt Jacob Lahmo, Lehrer am Orhoy-Sprachinstitut für modernes Aramäisch in Kamischli. Sie würden Orten neue kurdische Namen geben. Sogar der legendäre assyrische König Nebukadnezar von Babylon bekomme neuerdings eine kurdische Frau verpasst. „Stellen Sie sich das einmal vor“, sagt der 45-Jährige aufgebracht. Der Experte für assyrische Geschichte kann sich dabei ein lautes, höhnisches Lachen nicht verkneifen. „Ob es einem aus ideologischen Gründen gefällt oder nicht“, sagt er nach einer Weile, „man muss bei den Fakten bleiben.“

 

Keine Spur von Assad-Nostalgie

Kurdische Kulturinstitute hatten bereits 2011 mit der Neuentwicklung von Curricula begonnen. Nun sind diese fertig und sollten als Blaupause für Christen und Araber gelten. „Die Geschichtsfälschungen haben wir nicht übernommen“, versichert Lahmo resolut. Er glaube kaum, dass die arabischen Kollegen sich damit abfinden und dies eins zu eins übersetzen werden. „Unsere Bücher für die Grundschule sind fertig,“ sagt Lahmo. „Wir sind bei der letzten Korrektur.“ Trotzdem bleibe ein fader Beigeschmack. „Es ist sehr problematisch, wenn Kinder unterschiedliche historische Wahrheiten lernen. Wir müssen versuchen, das zu ändern, und werden das auch.“

Bei aller Kritik – unter keinen Umständen wünscht sich Lahmo die Zeit des Assad-Regimes zurück. Von dieser Nostalgie, die den Christen oft unterstellt wird, will der Schullehrer nichts wissen. „Wir bauen hier alles neu auf, von der Regierung bis zur Erziehung. Das ist eine einmalige Gelegenheit und ein tolles Projekt.“ Natürlich komme es dabei zu Problemen, die manchmal sehr schwierig seien. Aber man werde immer eine Lösung finden, wenn alle weiter zusammenarbeiteten. „Und sehen Sie sich doch einmal im Rest von Syrien um. Dagegen leben wir in einer Oase des Friedens und der Freiheit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2016)