Beamtenmäßig und (un-)perfekt: Wie ein Schweizer scheitert

Marc Haller
Marc Haller(c) Jan Fankl
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Marc Haller über seine Figur Erwin, darüber, welche Art von Humor in Österreich ankommt – und warum man sich manchmal prostituieren muss.

Es sind seine eigenen Schwächen, die Marc Haller auf die Figur gebracht haben, mit der er seit drei Jahren sein Publikum zum Lachen bringt. „Das kannst du nicht“, habe ein Freund gesagt, als er bei einem offenen Abend im Burgtheater einen Monolog aus Schillers Drama „Die Räuber“ spielen wollte. „Dann habe ich mir gedacht: Ich zaubere“, erzählt der 28-jährige gebürtige Schweizer. Und gleich noch mit Schweizer Akzent, was auf der Bühne eigentlich ein totales No-go ist.

Das war die Geburtsstunde von Erwin aus der Schweiz, der tragenden Figur Hallers Comedyprogramms, mit dem er am Montag in der Kulisse auftritt (s. Info-Box). Erwin ist ein schräger, patscherter und liebenswerter Bursche in Hochwasserhosen, dem seine Zauberkunststücke während seiner Geschichten scheinbar einfach passieren. In ihnen erzählt er unter anderem über die Vergänglichkeit und, klar, über die Liebe. „Das beschäftigt mich, das versuche ich, auf der Bühne anzusprechen.“

Angefangen hat alles vor ziemlich langer Zeit. „Mit 14 habe ich einen Zauberkünstler gesehen. Das war ein Urknall“, sagt Haller. „Wow, es gibt einen Beruf, bei dem man die Leute zum Lachen bringen kann.“ Woraufhin er in Zürich neben der Schule Zauberkurse besucht, als Zauberer auftritt – und bald bemerkt: Zaubern reicht nicht. „Ich will eine Geschichte erzählen. Das muss ich lernen.“ Also besucht er Kurse am Lee Strasberg Institute in New York und studiert Schauspiel am Konservatorium in Wien. „Ich habe mich hier wahnsinnig wohlgefühlt“, sagt Haller, der in der Nähe von Zürich als einer von drei Drillingsbrüdern aufgewachsen ist.

„Ich bewundere Josef Hader“

In Wien lebt Marc Haller immer noch – wenn er nicht gerade in Zürich oder irgendwo auf Tour ist. Hier hat ihn auch ein Kabarettist maßgeblich geprägt: Josef Hader, in dessen Vorprogramm er ein Jahr lang spielte. „Ich habe dann immer sein Programm anschauen dürfen und viel mitgekriegt: seinen Rhythmus, wie er das Publikum leitet, wie er so Welten eröffnet, in die man eintauchen kann“, sagt er. Zusammengefasst: „Ich bewundere Josef Hader wirklich wahnsinnig.“

Sein Programm spielt er heute in der Schweiz genauso wie in Österreich. Der Akzent bringe in Österreich schon Sympathien, sagt Haller. „Die kleinen, süßen Schweizer, über die man lachen kann und die gleichzeitig zuverlässig sind: Diese Karte spiele ich ganz bewusst aus.“ Das Schweizer Publikum wiederum bekommt einen Spiegel vorgehalten. „Dieses Erwinhafte, ein bisschen beamtenmäßig, kleinkariert, mit Hang zum Perfektionismus: Das ist durchaus auch etwas Schweizerisches.“

Umso lustiger ist das, weil es Erwin eben überhaupt nicht gelingt, perfekt zu sein. Mit seiner unglaublichen Naivität, mit seinem fast kindlichen Optimismus scheitert er ständig. Das kommt irgendwie aus dem Clownesken, das in der Schweiz eine große Tradition hat. „Vor allem mache ich mich über mich selbst lustig. Das kommt überall gut an, weil man sich selbst darin wiederfinden kann.“ Einen Unterschied beim Publikum gibt es aber doch: „Der schwarze Humor kommt in Österreich viel besser an als in der Schweiz.“

„Jetzt bist du wieder der Erwin“

Wie viel von Haller selbst in seiner Figur steckt? Schon einiges. „Erwin ist ein bisschen ein Nerd. Und auf jeden Fall bin ich ein Nerd. Ich habe halt eine Passion, die ich durchzuziehen versuche. Ich bin auch nicht der Typ, der am Freitagabend ausgeht. Ich sitze lieber daheim und schreibe meine Sachen.“ Genervt ist er von Erwin auch nach drei Jahren noch nicht. „Meine Exfreundin hat manchmal gesagt: ,Jetzt bist du schon wieder der Erwin.‘ Sonst verfolgt er mich eigentlich nicht.“

Von seinem Job kann Haller anders als viele andere junge Künstler leben. „Im Moment lebe ich meinen Traum.“ Wohl auch, weil er sich nicht zu schade war, bei Castingshows aufzutreten – auch in „Die große Comedy-Chance“ im ORF, wo er ins Finale kam. „Man muss das Produkt unter die Leute bringen. Ich bin nicht nur Künstler, sondern ich muss auch davon leben können“, sagt er. „Viele würden mir jetzt widersprechen, aber ich denke, man muss sich ein bisschen prostituieren.“

ZUR PERSON

Marc Haller (28) ist bei Zürich als einer von drei Drillingsbrüdern aufgewachsen. Schon als 14-Jähriger trat er als Zauberer auf. Später belegte er Kurse am Lee Strasberg Institute in New York und studierte am Konservatorium in Wien Schauspiel. Mit seiner Figur „Erwin aus der Schweiz“ war er in „Die größten Schweizer Talente“ (SRF) und „Die große Comedy-Chance“ (ORF) erfolgreich. Haller spielt am Montag, 23.5., um 20 Uhr in der Kulisse Wien (15 Euro). Weitere Österreich-Termine (von Tirol bis Oberösterreich) im Juni. Mehr: marchaller.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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