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Das kranke Spiel des gedopten Sports

Moscow laboratory WADA Russian Anti Doping laboratory
(c) imago/Golovanov + Kivrin (imago sportfotodienst)

Doping ist ein Geschäft für Industrie und Händler, nur 20 Prozent der EPO-Produktion landen bei Patienten, Rechtslücken verhindern abschreckende Sanktionen. „Österreich lebt mit einer Tablettenmentalität“, klagt Hardliner Wilhelm Lilge.

Spitzensport ist das Treffen von Asthmapatienten und Herzkranken. Von Männern, deren Gesichter Pickel schmücken, deren sie schon als Teenager nicht Herr wurden. Sie tragen Zahnspangen, die plötzliche Kieferkorrektur war den meisten ein lebenslanger Wunsch und keineswegs nötig wegen überhöhter Hormonzufuhr. Man betrügt, lügt, aber nicht alle, gewiss nicht alle dopen. Auch im Breitensport gibt es Auffälligkeiten sonder Zahl. In Russland, weltweit – und in Österreich.

Russlands Dopingskandal sorgt für Aufsehen, systematisch soll der Staat mitgeholfen haben, Urinproben in Sotschi zu manipulieren. Über 100Tests sollen getauscht worden sein, überwacht vom Geheimdienst FSB. Auch der Meldonium-Missbrauch – zig Sportler aus dem ehemaligen „Ostblock“ wurden positiv auf das seit 1. Jänner im Sport verbotene Herzmittel getestet – schlägt Wellen. Aber nicht nur die Schar unbekannter Sportler – Maria Scharapowa ist der einzige Star, und ihr Urteil ist offen – irritiert, auch das Vorgehen der Welt-Antidoping-Agentur (Wada). Sie kann offenbar nicht zu 100 Prozent beweisen, wie lang das Mittel in welchem Ausmaß nachweisbar ist. Mancher „Betrüger“ dürfte nicht bestraft werden.

 

Brauchen fitte Sportler Medikamente?

„Die fittesten Menschen der Welt müssen Herz- und Diabetesmedikamente nehmen, weil sie krank sind? Diese Mär glaubt doch keiner mehr“, sagt Leichtathletiktrainer Wilhelm Lilge, der in Österreichs Szene als Hardliner im Antidopingkampf gilt. Seit vergangenem November sind russische Leichtathleten von internationalen Bewerben ausgeschlossen, und wenn erste Stimmen recht behalten, werden sie es auch bei der Olympia in Rio de Janeiro (ab 5. August) sein. Die Entscheidung darüber fällt am 17. Juni in Wien.

EPO, Dyn-EPO, HgH, Steroide, Hormone, Spritzen, Nadeln und Blutauffrischungen – sie bestimmen zu oft über Sieger und Verlierer. Geht es nach Lilge, haben sich die Grenzen sowohl im Spitzen- als auch im Hobbysport verschoben. Die Suche nach neuen, nicht nachweisbaren Mitteln kennt kein Ende. Sie wird nie enden, beteuert der Lauftrainer. En vogue seien nicht nur EPO oder der seit den 1970er-Jahren (Idee der DDR, in Finnland professionalisiert) bekannte Bluttransfer, sondern Wachstumshormone und „Cocktails mit allen Zutaten“.

Doping ist ein Milliardengeschäft, gedeiht zwischen der untersten Wiener Fußballklasse und Olympia, ermöglicht durch die Gier nach Spektakel, dem Verlangen nach Rekorden, dem Kommerz. Lilge nennt Medien, Zuschauer, Politiker, Funktionäre, Förderer und Verbände im gleichen Ton – jeder trage Anteil daran, dass dieses System funktioniere. Die Pharmaindustrie verdient, sie hilft auch kranken Menschen mit ihren Produkten. Studien in Italien durch Sandro Donati aber ergaben, dass nur 20 Prozent der weltweiten EPO-Produktion bei Patienten landen. Und die anderen 80 Prozent? 11,9 Milliarden Dollar werden mit diesem Hormon pro Jahr umgesetzt . . .

Wer sich EPO zuführt, muss u. a. mit einer Blutverdickung rechnen. Thrombosen, wenn er sich körperlicher Belastung aussetzt, also Sport betreibt – aber dieses Paradoxon wird überhört. „Es macht Leistungssport lebensgefährlich“, sagt Lilge. Es führt zu Herzversagen, und sollten die unlängst verstorbenen, sehr jungen Radfahrer nicht alle am gleichen Herzfehler gelitten haben, hat diese Sparte noch immer ein großes Problem.

 

„Ein Fall für den Psychologen!“

In Österreich ist Doping allgegenwärtig, es ist traurige Realität. Bei Hobbykickern sind Tabletten unterwegs, bei Radrennen wird gespritzt, egal, ob Familienmensch, Polizist oder Anwalt. Da es keine Leistungssportler sind, also Profis, die von Sponsorgeldern leben und sich womöglich des Betruges (§147 StGB) schuldig machen, gilt im Breitensport der Begriff des Medikamentenmissbrauchs. „Es gibt viele solcher Fälle, aber sie gehören eher zum Psychologen“, sagt Lilge. Narzissmus, übertriebener bis krampfhafter Zwang, Erwartung – Gründe, warum manch einer zu „Hilfsmitteln“ greife, gebe es genug. Selbst dann, wenn es nichts zu verdienen gibt. „Und es werden mehr“, warnt Lilge. „Denn auch bei Wettkämpfen für leistungsorientierte Hobbysportler gibt es keine Kontrollen, wenn diese nicht vom Veranstalter angefordert – und bezahlt werden.“

Die Nationale Antidopingagentur (Nada) beschränkt sich auf die Spitze, auf Aufträge, Studien, im Hobbysektor orten Beobachter gehörigen Aufholbedarf. Stichprobenartige Kontrollen wären essenziell, als Generalprävention. Würden daraufhin nicht bei zig Events die Starterfelder schrumpfen?

Das Verschieben von Schmerzgrenzen durch Doping kann fatal enden. Was von Helden erwartet wird, ist in den eigenen vier Wänden mitunter schädlich. Körperliche Überbelastung, unterstützt von Chemie, kann Reizschwellen verändern, häusliche Gewalt forcieren. „Österreich lebt mit dieser Tablettenmentalität“, wirft Lilge forsch ein. Ein Aspirin da, ein Schmerzmittel dort, Kopfwehpulver, Schmerz- und Entzündungshemmer und Nahrungsergänzungsmittel, die keiner braucht. Wer keinen Magnesiumangel habe, brauche keine Tablette, sie nütze folglich ohnehin nichts.

 

Österreich nur in der zweiten Liga

Oft werden Skandale publik, aber Namen und Strafen bleiben aus. Immer nur heiße Luft, oder gibt es Probleme rechtlicher Natur? Der Blick nach Österreich legt den Verdacht schnell nahe. Es ist strafrechtlich keineswegs relevant, sofern man Doping nur im/für den Eigengebrauch anwendet. In anderen Ländern ist es ähnlich, es fehlt die Handhabe. „Man muss es klar sagen: Österreich spielt im Antidopingkampf nur noch in der zweiten Liga in Europa. Im Gegensatz zu Deutschland, Italien, Frankreich gilt Eigendoping nicht als Strafrechtsbestand. Schade, denn das wäre sinnvoll, dann gäbe es faire Verfahren mit Be- und Entlastungszeugen, und man käme mit zulässigen Ermittlungsmethoden auch an Hintermänner heran.“

Puristen beklagen, Sportler würden kriminalisiert. Es gibt saubere Athleten, ja. Dass viele aber als Vorbilder versagen, schlechte Werbung betreiben oder ihr Leben gefährden, wird verschwiegen. Wer erwischt wird, hat zumeist längst alle Ebenen der Leistungsförderung bemüht, in der naiven Hoffnung auf Antrieb. An Stammtischen werden Hintermänner nur vorgestellt, aber bei Anhörungen nie genannt. Es mangelt an Courage, Selbsterkenntnis, Einsicht, die Kombination aus Aufklärung, Bewusstseinsbildung und abschreckenden Sanktionen als Präventionsmaßnahmen ist eine Illusion. Doping wird es immer geben. Einer will immer der Beste sein, und dafür ist ihm wirklich jedes Mittel recht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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