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Mit Fäusten gegen die Radikalisierung

Not in God's Name: Karim Mabrouk, Mairbek Taisumov, Alexander Karakas und Nachwuchskampfsportler Adrian Mirza (v. l.).
Not in God's Name: Karim Mabrouk, Mairbek Taisumov, Alexander Karakas und Nachwuchskampfsportler Adrian Mirza (v. l.)(c) Die Presse (Michele Pauty)
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Sportler, vor allem Kampfsportler – und vor allem Muslime – machen in einer Social-Media-Kampagne gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und gegen Gewalt im Namen der Religion mobil.

Das Stöhnen ist zu hören, bevor die Kämpfer zu sehen sind. Das dumpfe Geräusch von Lederhandschuhen, die auf nackte Haut schlagen, hallt die Stiegen hinunter. Im Kampfsportcenter Tosan schlagen vier Männer in neonfarbenen Hosen und Shirts aufeinander ein, weichen den Fäusten des anderen aus, fallen zu Boden und stehen wieder auf.

Mixed Martial Arts (MMA), Kick- und Thaiboxen, Jiu Jitsu. Vor einigen Jahren waren das einfach nur Sportarten, jetzt beschäftigen sich Staatsschützer und Sozialarbeiter zwangsweise mit der Szene. Denn auffällig oft gingen junge Männer in den Dschihad nach Syrien, die sich beim Kickboxen oder bei MMA kennengelernt hatten. Voriges Jahr dachte sich Alexander Karakas, damit lasse sich arbeiten – im positiven Sinn. Der Wiener ist Start-up-Gründer, gläubiger Christ und Österreicher mit türkischen Wurzeln. Als er in einem Kampftraining sieht, dass die Jugendlichen dem Trainer aufs Wort gehorchen, gründet er mit Hilfe von Karim Mabrouk, selbst ein bekannter Thaiboxer in Österreich, das Projekt Not in God's Name.

Sportler als Vorbilder. Auf einer Facebook-Seite versuchen sie (Kampf-)Sportler jeder Religion zu gewinnen, die sich gegen den Terror im Namen der Religion aussprechen. In erster Linie, damit sich Jugendliche nicht der Terrormiliz IS anschließen. Aber auch, damit Gewalt – ganz allgemein – nicht im Namen von Religion ausgeübt wird. Dafür lassen sich die Sportler mit der ausgestreckten Hand fotografieren: Keine Profifotos, keine Scheinwerfer, sondern Handyfotos in Trainingskleidung. Oder Selfies.

Da gibt es Foad Sadeghi (amtierender Thaibox-Weltmeister der International Karate Sport Association) und Inhaber des Kampfsportzentrums Tosan, das jetzt auch Vereinssitz ist, oder Adnan Sert, der in der internationalen Thaiboxing-Super-League antritt. Insgesamt 15 Kampfsportler unterstützen das Projekt. Zuletzt konnte Mairbek Taisumov gewonnen werden. Der Tschetschene, der als Kind nach Österreich kam, ist ein weltbekannter MMA-Superstar. Taisumov ist der einzige Kämpfer aus Österreich, der in der Ultimate Fighting Championship kämpft – der MMA-Königsklasse in den USA. Das imponiert auch anderen. Not in God's Name wurde vom belgischen Botschafter in Österreich nach Brüssel eingeladen, wo Karakas und Co. die Integrationsgemeinderäte von Brüssel und Gent kennenlernen und das Problemviertel Molenbeek besuchen werden – gemeinsam wollen sie überlegen, wie das Projekt zur Deradikalisierung vor Ort beitragen kann.

Die amerikanische Botschaft hat Not in God's Name wiederum für ein Anti-Radikalisierungsprojekt des U. S. Department of State gemeinsam mit Facebook vorgeschlagen. Die Botschaft hat auch eine Verbindung zur renommierten Deradikalisierungsexpertin Anne Speckhard hergestellt, die für ein Projekt fast 500 IS-Rückkehrer interviewt hat und nun Not in God's Name unterstützen will. Der Plan sei es, Videos zu drehen, in denen die Sportler sagen, warum der IS schlecht sei. In einem E-Mail, das der „Presse“ vorliegt, verspricht Speckhard, die Videos zu schneiden – und zu verteilen. Nur mit der Stadt Wien oder den österreichischen Behörden gibt es keine Kooperation. Das Projekt sei vorgestellt worden und müsse sich nun für eine Förderung bewerben, heißt es aus dem Integrationsministerium.

„Die Jungs hören auf mich“, sagt Mairbek Taisumov, der an diesem Tag mit Alexander Karakas, Karim Mabrouk und weiteren Kollegen im Tosan im zweiten Bezirk sitzt, während oben eine Gruppe Männer trainiert. Taisumov trägt den Bart, wie es manche strenggläubige Muslime tun, das Gespräch wird er einmal unterbrechen – er möchte beten. Taisumov ist gebürtiger Tschetschene. Viele Dschihadisten in Österreich kommen aus dieser Community. Auch er hat damit bereits Erfahrung gemacht: Ein Freund sympathisierte mit radikalen Gruppen – er hat ihn von diesem Weg weggebracht. Indem er ihn zum Kampftraining mitgenommen hat. Er kann sich vorstellen, in Trainingspausen in Parks zu gehen. „Viele Jugendliche befragen mich zu Religionsthemen, manche wollen auch mit mir beten“, sagt er. „Er ist ein Vorbild, und man macht zu 100 Prozent, was ein Vorbild sagt, sonst hätte man die Person nicht als Vorbild gewählt“, erklärt ein junger Mann im Tosan.

Jeder der Männer auf den Sitzbänken des Tosan erzählt eine Geschichte von Disziplin, von den Hürden des Lebens. Davon, wie es ist, sich von ganz unten nach oben zu arbeiten. „Wir kommen von der Straße. Und jetzt schauen die Jugendlichen zu uns auf. Ich versuche, auf meine Art ein Vorbild zu sein“, sagt Karim Mabrouk, Österreicher mit ägyptischen Wurzeln, der in seiner Freizeit jüdische, muslimische und Kinder christlichen Glaubens im Kampfsport unterrichtet. Auch er kennt Menschen, die in den Dschihad gezogen sind. Und er weiß, was es heißt, sich durchzukämpfen. Abseits seiner Karriere als Thaiboxer studiert er Sportwissenschaften an der Fachhochschule – um Studium und Kämpfe zu finanzieren, jobbt er nebenbei. Sportförderung vom Staat bekommt er nicht. Was er erreicht hat, hat er sich selbst erarbeitet.

Die Macht der Idole. Dass der Staat sie so wenig bei der Sportkarriere unterstützt, schmerzt die Kämpfer. Immer wieder kommt dies im Gespräch auf. Taisumov will seit Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft, bekommt sie aber nicht. Ständig forderten die Behörden neue Papiere an. Zuletzt einen Strafregisterauszug von Thailand, wo er einige Monate im Jahr trainiert. „Diese Menschen sind Idole, aber Österreich interessiert das nicht“, kritisiert Projektgründer Karakas. Dabei wären sie bereit, dem Land etwas zu geben.

Karim Mabrouks Traumjob: Sozialarbeiter. „Ich habe gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht. Ich würde gern mit Jugendlichen, die radikalisiert sind, trainieren“, sagt er. Im Kampfsport könne Energie abgebaut und in neue Bahnen gelenkt werden. Kämpfen im geschützten Rahmen nennt er das.

In einem nächsten Schritt versuchen die Sportler nun neue Testimonials zu gewinnen. Box-Weltmeister Tyson Fury, der 2015 Wladimir Klitschko vom Thron stieß, hat dem Projekt bereits eine wohlwollende Videobotschaft gesandt. Fury, gläubiger Christ, hat zuletzt mit antisemitischen Sagern in einem Video für Aufregung gesorgt – und sich zwei Tage später entschuldigt. „Für mich ist relevant, dass die Sportler die Jugendlichen davon abhalten, zum Islamischen Staat zu gehen“, sagt Karakas. Bei der Auswahl der Testimonials verlässt er sich auf das Wissen seiner Kampfsportler. Derzeit planen Karakas und Co., ein Booklet herausgeben mit den Sportlern und ihren Botschaften. Es könnten auch Sammelkarten werden, die man dann tauschen kann. So wie das unter Sportfans üblich ist.

Fakten

Not in God's Name heißt das Social-Media-Projekt, bei dem sich Kampfsportler gegen Gewalt im Namen der Religion aussprechen. 15 Sportler gibt es derzeit als Testimonials, laufend kommen neue hinzu.

Im Ausland findet das Projekt bereits Anklang. Auf Einladung des belgischen Botschafters werden die Projektteilnehmer nach Brüssel eingeladen.

Facebook: Not in God's Name

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2016)