Wer schaut sich denn so was an?

(c) AP (Jörg Sarbach)
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Kurz überlegte ich, ihn anzusprechen: „Sind Sie nicht der aus der Gelddusche?“

Neulich, in einem dieser überfüllten Bäder an der Alten Donau. (So in etwa würde Rainer Nowak, der hier sonst des Samstags schreibt, diese Kolumne beginnen, nicht?) Während das kleine Kind auf dem Nebenhandtuch gegen die Wespen anfuchtelte, überlegte ich, warum man sich an Urlaubstagen, die man in Wien verbringt, stets so fühlt wie damals beim Schuleschwänzen. Als täte man etwas Verbotenes. Die Angst, auf dem Weg ins Bad vom Chefredakteur erwischt zu werden, als ständiger Begleiter.

Dann riss mich das kleine Kind nach erfolgtem Wespenstich mit seinem Geheul aus meinen Gedanken. Der dazugehörende Vater kam mir bekannt vor. Plötzlich die Erkenntnis: Das ist der aus „Moneymaker“. Also nicht der Moderator im paillettenübersäten Sakko (der heuer übrigens unbemerkt gegen ein fast identisch aussehendes Lookalike ausgetauscht wurde). Sondern einer der Kandidaten, die im Windkanal versuchen, möglichst schnell möglichst viel Geld zu scheffeln. Eine der entwürdigendsten Möglichkeiten, sich im öffentlich-rechtlichen TV bloßzustellen. Kurz überlegte ich, ihn anzusprechen („Sind Sie nicht der aus der Gelddusche?“), was ihn wohl – wir wollen alle unsere 15„minutes of fame“ – gefreut hätte, ließ es aber bleiben, weil das Kind so penetrant weiterschrie. Und weil es mir peinlich war. Ich. hatte. tatsächlich. einen. „Moneymaker“-Teilnehmer. wiedererkannt. Ganz ohne den unvorteilhaften Ganzkörperanzug aus der Show, nur in Badehose. Vertan war die seltene Chance, einen jener Menschen zu befragen, die unter Geldduschen stehen, an Brieflosrädern unter Peter Rapps Anleitung drehen, sich dem bedauerlichen Bingo-Quiz stellen. Ist das gewonnene Geld wirklich diese Blöße wert? Warum tut man das? Und vor allem: Wer schaut sich so was eigentlich an?


mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2009)

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