Am 2. August 1959 sorgte der Brasilianer Pelé mit einem Traumtor für die Sensation. Zum Jubiläum erstellt „Die Presse am Sonntag“ die Top zehn der spektakulärsten Tore der Fußballgeschichte.
Flanke von rechts, der 18-jährige Santos-Spieler Pelé nimmt den Ball an. Er schupft sich den Ball weiter, der erste Abwehrspieler ist umkurvt, die Menge im Estádio Rua Javari tobt. Gastgeber Clube Atlético Juventus zittert, zu Recht. Noch zwei Verteidiger steigen ins Leere, der Teenager trickst sie mit Gaberln aus. Der Ball fällt nicht zu Boden, Pelé setzt sein Knie ein, spielt sich den Ball auf, wieder folgt ein Gaberl. Diesmal hechtet der Torhüter daneben. Pelé gefällt es, das Tor ist frei, aber schießen will er nicht. Der Ball senkt sich, der Spieler steigt hoch und köpfelt ihn wuchtig ins Netz.
Pelé jubelt, er lässt sich feiern. Santos gewinnt das Spiel im Rahmen der Campeonato Paulista, eines Turniers in São Paulo, mit 4:0. Er schoss an diesem Abend gleich drei Tore – doch dieses Jahrhunderttor, das er am 2. August 1959 erzielte, sollte ihm bis heute in Erinnerung bleiben. Von all seinen insgesamt 1281 Toren sei dieses das Schönste gewesen, schwärmt Edson Arantes do Nascimento noch immer von diesem Geniestreich. Weil die Szene weder gefilmt noch fotografiert wurde, ließ sie der dreifache Weltmeister 2001 mit modernster Computertechnik rekonstruieren. Der Clip ist auf youtube.com noch immer der „Renner“.
Spektakuläre Tore faszinieren, sowohl Spieler als auch Fans vergessen sie nie. Ob es ein Weitschuss, ein Fallrückzieher, Volley oder Kopfball ist – es sind jene Momente, weshalb Fußball weltweit so beliebt ist und Stars so verehrt werden. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Pelé-Tores erstellt „Die Presse am Sonntag“ ihre Top zehn der spektakulärsten Treffer.
Als Kriterien wurden Form, Flugkurve und Härte des Schusses herangezogen. Ebenso ausgezeichnet wurden Situationen, die technische Finessen, atemberaubende Solovorstellungen, Beweglichkeit oder das nötige Quantum Glück verlangten. Auch galten Frechheit, Mut oder die umstrittensten Pfiffe als Ansätze. Jedoch: Es mussten entscheidende Augenblicke wichtiger internationaler Spiele (WM, EM, Champions League, Uefa-Cup) oder Partien, die von so einer extravaganten Einzelvorstellung (z. B. Ronaldinho, Tor Nummer sechs) geprägt wurden, sodass auch ein Ligaspiel der spanischen Primera División in die Auswahl rutschen konnte, sein. Es sind Tore, die die Welt bewegten und, so sehr Österreichs Fußballseele darunter leiden mag, auch weit über die argentinische Stadt Córdoba hinausreichen.
Namen allein zählten nicht, dennoch sind vorwiegend bekannte Größen des Weltfußballs wie Diego Maradona, Marco van Basten, Geoff Hurst oder Dejan Savi?evi? in den Top zehn zu finden. Doch die unumstrittene Nummer eins ist und bleibt Pelé. Der Brasilianer prägte den Fußball mit seinen Toren und seiner von Titeln und Triumphen begleiteten Lebensgeschichte wie kaum ein anderer.
Haben andere Stars während und nach ihrer Karriere mit Exzessen oder Skandalen geglänzt, so steht der Brasilianer trotz seiner zahlreichen Versuche, aus seinem Namen Kapital zu schlagen, letztlich für Sport pur. Er verkörpert Fußball in seiner Reinkultur. Er ist Fußball, sei es als Werbefigur oder als Vorbild. „Pelé ist eine Garantie“, lautet eine seiner PR-Botschaften, die er im Rahmen der Kampagnen für die WM 2014 in Brasilien oder Olympia 2016 in Rio de Janeiro um die Welt schickte.
Dass dieses Tor vom 2. August 1959 niemals in Vergessenheit geraten wird, dafür sorgte der damals bis auf die Knochen blamierte Klub. Atlético Juventus ehrte Pelé 2006 mit einer Statue. Tausende Fans waren dabei, um dem Torschützen zu huldigen, obwohl er ihrem Klub einst eine Lehrstunde erteilt hatte. Ein Traumtor aber lässt über vieles hinwegschauen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2009)