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Selbst-Diskriminierung ist das Haupthindernis für Integration

Die Verantwortung für die Integration wird stets der Mehrheitsgesellschaft gegeben. Viel entscheidender aber ist der Wille der Migranten selbst.

Wir haben das Argument schon tausendfach gehört: Integration gelingt dann, wenn die Mehrheitsgesellschaft möglichst tolerant ist, nicht diskriminiert und viel Geld und Mühe in die Integration und in entsprechende Maßnahmen investiert. Trotz vieler Anstrengungen läuft der Trend in Europa allerdings in die gegenteilige Richtung: Desintegration und Radikalisierung nehmen zu. Nun, heißt es, man habe sich eben zu wenig bemüht, müsse sich noch mehr anstrengen, Zuwanderern noch mehr Chancen geben.

Vor diesem Hintergrund kommt den Vertretern des Mainstreams eine neue Studie des renommierten Berliner Soziologen Ruud Koopmans sehr ungelegen. In Österreich wurde sie medial überhaupt nicht aufgegriffen. Dabei ist sie hochinteressant und könnte wichtige Impulse für eine wirksame Integrationspolitik liefern,

Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass es zwar sehr wohl Diskriminierung gebe, diese aber im Hinblick auf Bildung und Aufstiegschancen sowie die zunehmende Radikalisierung von Migranten keine entscheidende Rolle spiele. Entscheidend sei vielmehr die Selbst-Diskriminierung: Bildung hat dabei einen niedrigen Stellenwert, die Schule wird überdurchschnittlich oft abgebrochen, deshalb ist es schwer, einen Job zu finden. Somit fällt die Arbeit als integrativer Faktor weg. Noch entscheidender ist laut der Studie die soziale Selbst-Diskriminierung: Der Kontakt zur angestammten Bevölkerung wird weitgehend vermieden, Freundschaften oder gar Ehen mit Einheimischen sind tabu. Man fürchtet den schädlichen Einfluss der Mehrheitsgesellschaft, lehnt diese ab oder bleibt auf Distanz.

Koopmans legte den Fokus auf die muslimischen Zuwanderer. Die 2013 durchgeführte Befragung unter 7000 Muslimen in ganz Europa brachte ein aufrüttelndes Ergebnis: 40 Prozent von ihnen zeigten fundamentalistische Haltungen, etwa den Vorrang religiöser Vorschriften vor staatlichen Gesetzen, Antisemitismus oder die ungleiche Stellung der Frau. Koopmans ist politisch völlig unverdächtig, Stimmung gegen Migranten machen zu wollen: Er war bei den niederländischen Grünen aktiv und sieht sich selbst als Linken.

In Deutschland und in den USA wird seine Studie heftig diskutiert. Koopmans fordert von Migranten „Assimilation“, ein hierzulande tabuisierter Begriff. Allerdings versteht er diese nicht als völlige Verleugnung von Kultur und Herkunft, sondern als Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft ohne Aufgabe der religiösen Überzeugung und kulturellen Identität. Wichtig seien möglichst viele Kontakte zu Einheimischen, Freundschaften, Anpassung der Umgangsformen, Nutzen der Bildungschancen und der Medien des neuen Heimatlands sowie der rasche Spracherwerb.

Treffe all dies zu, hätten Migranten annähernd die gleichen Chancen wie andere. Die Mehrheitsgesellschaft ist natürlich ebenso gefordert, Bemühungen in diese Richtung zu unterstützen, Chancen zu bieten und positive Role Models zu fördern. Die Lehren, die aus dieser Studie gezogen werden können, sind dabei vielfältig.

Arbeit als integrierender Faktor kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, es ist daher eine Katastrophe, dass Migranten bei den Arbeitslosen einen hohen Anteil ausmachen. Das Füllhorn des Wohlfahrtsstaats und die Mindestsicherung als Alternative zur Erwerbsarbeit sind so gesehen fatal, weil sie eine Parallelgesellschaft begünstigen. Die Einrichtung islamischer Kindergärten und Schulen ist ebenfalls kontraproduktiv, weil Kontakte und Freundschaften dadurch noch schwieriger sind.

Wenn Migranten ausschließlich in ihrer eigenen Community verkehren, keinen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft wünschen, wird die Ablehnung der Gesellschaft die Folge sein. Die deutsche Regierung dürfte, betrachtet man ihren jüngsten Kurswechsel in der Integrationspolitik, die Studie jedenfalls gelesen haben.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2016)