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Große Vision auch für die Kleinen

Industrie 4.0. Die digitale Revolution in der Industrie betrifft nicht nur große Unternehmen, entscheidend sind die Komplexität der Produktion und die Innovationskraft. Entsprechend ist das Potenzial auch für den Mittelstand groß.

Die Vision einer volldigitalisierten Fabrik, in der vom Design über Fertigung bis zu Supply Chain und Auslieferung der gesamte Produktionsablauf alles nahtlos integriert ist, ist der Kern des Begriffs Industrie 4.0. Dieses Bild der neuen Produktionswelt wird meist im Rahmen großer Unternehmen gesehen – was laut Experten aber so nicht richtig ist. „Industrie 4.0 ist ein Thema für die gesamte produzierende Wirtschaft, und damit auch für kleine und mittlere Betriebe (KMU)“, sagt Lothar Roitner, Geschäftsführer Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) und Vorstandsmitglied der Plattform Industrie 4.0. „Das Thema betrifft nicht unbedingt einen Zweimannbetrieb, aber für den klassischen Mittelstand ist es unheimlich wichtig“, ist auch Fritz Hödl, Senior Vice President von Atos, überzeugt. Die Atos IT Solutions and Services GmBH ist Integrationspartner der Industrie-4.0-Pilotfabrik, die von der TU Wien in Aspern errichtet wird.

 

Nutzen in drei Bereichen

Basis von Industrie 4.0 ist die IT-Integration, darauf werden dann die jeweiligen Business-Cases aufgesetzt“, erklärt Hödl. Diese sind der eigentliche Nutzen von Industrie 4.0 und gliedern sich laut dem Experten in drei Bereiche: Neben Verbesserungen am Produkt selbst ist die Prozessoptimierung mit den beiden Segmenten Produktion und Supply Chain die klassische Anwendung für Industrie 4.0. Dritter Bereich ist das Erschließen neuer Geschäftsmodelle, wobei hier laut Hödl die Möglichkeiten bislang am wenigsten genutzt werden. Insgesamt sieht Hödl in Industrie 4.0 aber ein Potenzial, das weit über die ohnehin stetig erfolgende Produktionsoptimierung hinausgeht.

Ein wenig nüchterner betrachtet Friedrich Bleicher, Vorstand des Instituts für Fertigungstechnik an der TU Wien, das Thema. Disruptive Neuerungen sieht er primär in Pilotanlagen bei großen Unternehmen in der Automobilindustrie. „Im KMU-Sektor verläuft die Entwicklung eher evolutionär“, so Bleicher. Der Experte plädiert für eine schrittweise Einführung einzelner Komponenten, allerdings immer mit Blick auf ein zentrales Ziel. „Das Unternehmen braucht eine klare Vision.“ Wie diese aussehen könnte, zeigt etwa die Pilotfabrik der TU in der Seestadt Aspern. Interessierte Unternehmen können dort nicht nur Industrie 4.0 in der Praxis studieren, sondern auch gemeinsam mit den dortigen Experten Umsetzungsmöglichkeiten im eigenen Unternehmen erarbeiten. Ein ähnliches Angebot besteht auch an der FH Technikum Wien. Das BMVIT plant die Finanzierung weiterer Pilotfabriken in Österreich.

Einig sind sich die Experten darin, dass die Unternehmensgröße nicht der wichtigste Faktor für das Potenzial ist, das Industrie 4.0 bietet. Wichtige Indikatoren seien Innovationskraft und der Grad der Komplexität. Ein Portfolio standardisierter Produkte, die in stark veränderlichen, kleinen Losgrößen produziert werden, sind laut Bleicher der prototypische Anwendungsfall. Trotz seiner vergleichsweise zurückhaltenden Sichtweise betont er das Potenzial, das Industrie 4.0 auch für KMU hat. Als Beispiel nennt er die Effizienzsteigerung durch Entkopplung des Maschinentakts von menschlicher Aktivität. In dieser Effizienzsteigerung sieht auch Roitner eine große Chance für die heimische exportorientierte KMU-Landschaft. „Bei Industrie 4.0 steht Know-how im Vordergrund, und die Standortkosten rücken in den Hintergrund, das hilft uns im internationalen Wettbewerb.“ Auch erlaube es die durch Industrie 4.0 vorangetriebene Standardisierung von Schnittstellen kleineren Unternehmen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam um Aufträge zu bewerben. Last, but not least weist Roitner darauf hin, dass KMU nicht nur Anwender, sondern auch Anbieter von Industrie-4.0-Lösungen sein können. Nicht zuletzt deswegen kann Industrie 4.0 – entgegen der Ansicht, dass Automatisierung Jobbabau bedeutet – bezüglich Beschäftigung positive Impulse liefern. Allein in der Elektroindustrie könnten 13.000 neue Arbeitsplätze – ein Plus von 20 Prozent – geschaffen werden, berichtet der Fachverbands-Geschäftsführer.

 

Aus- und Weiterbildung nötig

Allerdings brauchte es dafür weitere Anstrengungen, alle Befragten fordern auch Maßnahmen in der Bildung. Hier seien sowohl entsprechende Ausbildungen – etwa nach deutschem Vorbild ein Lehrberuf – als auch Weiterbildung im Betrieb gefragt.

Im Betrieb selbst ist neben der heterogenen Datenbasis und für Data Analytics nicht ausreichender Hardware auch die IT-Sicherheit ein Knackpunkt. „Je mehr und wichtiger die Daten, desto wichtiger die Security“, so Hödl. Als grundsätzliche Problematik sieht Roitner zudem, dass es aufgrund der sehr unterschiedlichen Ausgangslagen keine Patentrezepte und Standardlösungen gibt, sondern je nach Unternehmen eine individuelle Industrie-4.0-Strategie erarbeitet werden muss.

EVENTS

• Business Lounge Industrie 4.0Smart Production & Design. Die Unternehmen Spirit Design, Tagnology und M&R Automatin präsentieren am 7. Juni in Grambach bei Graz Wege zu mehr Wettwerbsfähigkeit. www.acstyria.com

• IDC Industrie 4.0 und Retail-Trends

Das Beratungs-und Marktforschungsunternehmen IDC erörtert am 28. Juni in Wien gemeinsam mit Software-Partnern Industrie-4.0-Strategien und -Projekte.

http://idc-austria.at/rmi2016

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2016)