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Heute vor... im Mai: Frankreich annektiert Madagascar

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Die Franzosen haben eine Provinz mehr - doch was wird England dazu sagen?

Neue Freie Presse am 31. Mai 1896


Frankreich hat eine Provinz mehr: Madagascar, welches nach dem siegreichen Feldzuge Duchesne's zuerst unter französisches Protectorat gestellt wurde, woraus dann ein verstärktes Protectorat ward, ist plötzlich zu einer französischen Besitzung gemacht worden. Die Radicalen hatten immer die Annexion der Insel gefordert,. Der Minister des Aeußeren, Hanotaux, konnte in das Ministerium Bourgeois nicht eintreten, weil er das von ihm statuierte Protectorat nicht in die Annexion umwandeln wollte; sein Nachfolger Berthelot schuf ein verschärftes Protectorat, aber nicht die Annexion; jetzt, wo er wieder Minister des Aeußeren ist, vollzieht er dieselbe, indem er an Stelle der bloßen „Besitzergreifung“, wie man das verstärkte Protectorat nannte, die Erklärung der Insel zur französischen Colonie setzte. In den Kammercouloirs war man ebenso wie in diplomatischen Kreisen von dieser Action überrascht. Heute brachte die Regierung in der Kammer die Annexions-Vorlage ein, die einen einzigen Artikel enthält, welcher lautet: Madagascar mit den dazugehörigen Inseln wird als französische Colonie erklärt.

(...) Die alle politischen Kreise beschäftigende Frage ist: Was wird England dazu sagen? Die Frage findet im Motivenbericht keine volle Beantwortung. Es ist erinnerlich, daß England seinerzeit gegen die Besitzergreifung Madagascars durch Frankreich seine aus den Handelsverträgen mit Madagascar fließenden Rechte geltend machte. (…) Die französische Regierung ist der Meinung, daß diese Bedenken Englands durch die formal vollzogene Annexion Madagascars hinfällig sind.

Anmerkung: Vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein lieferten sich britische und französische Imperialisten einen Wettlauf um Madagaskar. Im Jahr 1890 wurde die Insel schließlich eine französische Kolonie wurde. 1896 stimmte das französische Parlament für eine Annexion Madagaskars. Seine Unabhängigkeit von den Franzosen errang der zweitgrößte Inselstaat der Welt erst 1960.

 

Inferno in Ottakring! Sechs Leute hausen im selben Zimmer

Da waren Männer und Frauen und Kinder, die haben sich Tag und Nacht gesehen, gehört, physisch gespürt.

Neue Freie Presse am 30. Mai 1926

Sechs Menschen haben in einem und demselben Zimmer gehaust. Man tut nämlich besser daran, den hochstaplerischen Ausdruck „wohnen“ zu vermeiden. Da waren Männer und Frauen und Kinder, und die haben sich Tag und Nacht hindurch gesehen, gehört, physisch gespürt. Ein Inferno in Ottakring! Wie ein jeder von ihnen seinen Bereich abgegrenzt hat, das ist und unbekannt. Ob sie, wie der arme Spielmann in Grillparzers Erzählung, mit Kreidestrichen den einem jeden von ihnen gebührenden Raum gekennzeichnet haben, das wurde in der Gerichtsverhandlung nicht mitgeteilt. Denn diese unglücklichen Menschen haben um das Recht, sich in dem einzigen Zimmer aneinander drängen zu dürfen, prozessiert. Klage und Klagebeantwortung wurden gewechselt. Die Advokaten haben langatmige und gewiß scharfsinnige Plaidoyers gehalten. Die Richter zweier Instanzen haben sich den Kopf darüber zerbrochen, ob das Ehepaar X den Anspruch hat, samt seinen Kindern auch weiterhin in jenem Massenquartier zu verbleiben, oder ob die Wohnungsinhaberin, eine armselige Pfründnerin, die einiger Groschen wegen dieses Zimmer vermietet hatte, im Rechte war, als sie Vater und Mutter samt ihren zwei Kindern aufgekündigt hatte.

Als aber das Urteil gefällt worden war, als der Berufungssenat des Zivillandesgerichts zu Recht erkannte, daß jemand, der die Wohnungsinhaberin bedroht hätte, keinen Anspruch darauf erheben könne, weiterhin als Untermieter geduldet zu werden, da kam es zu einem Verzweiflungsausbruch der sachfälligen Partei. Da stürzte eine Mutter, eine vor Erregung schier sinnlose Frau, zum Gerichtstisch hin und aus ihr gellte der Jammerschrei: „Was soll jetzt aus uns werden? Wohin mit uns und unseren Kindern?“ Sie konnte sich darüber nicht fassen, daß sie und die Ihren auf die Straße gesetzt würden. Es gibt nämlich noch Grauenhafteres, als mit fünf anderen Menschen die Stickluft eines und desselben Zimmers atmen zu müssen, und das ist das Gespenst der Obdachlosigkeit, dessen dürre Finger jene unglückliche Mutter bereits um ihren Hals gekrallt fühlte.

(…) Wir rufen mit dem Brustton der Ueberzeugung aus, daß wir im Jahrhundert des Kindes leben. Unsere Juristen haben uns eben erst den Entwurf eines neuen Jugendstrafrechts beschert. Es gibt Jugendgerichte, freilich manchesmal mit Nachsicht wirklicher Jugendrichter. Es ist dafür vorgesorgt, daß diese Jugendgerichte nicht über Mangel an Beschäftigung zu klagen haben. Das Jugendstrafrecht wird sich praktisch betätigen können. Das ist gewährleistet, solange sechs Personen in einem Zimmer wohnen, solange eine Mutter das Ideal darin erblickt, nicht aus dieser „Wohnung“ exmittiert zu werden.

 

Ein Liebesdrama in Berlin

Das Mädchen lehnte den Antrag ihres heimlichen Verehrers ab, er zog den Revolver.

Neue Freie Presse am 29. Mai 1926

Aus Berlin wird uns gemeldet: Im Berliner Westen hat sich eine Liebestragödie abgespielt. Die Liebesraserei eines jungen Mannes hat ein blühendes Mädchenleben vernichtet und eine angesehene Berliner Familie ist in tiefe Trauer versetzt worden. Frau Schwarzlose, die Witwe des bekannten Berliner Parfümeriefabrikanten, dessen Niederlassungen sich in einigen der Hauptstraßen der Stadt befinden, nahm vor einiger Zeit in ihren Haushalt den mittellosen Studenten Reinicke kostenlos auf. (…) Der Student wurde von einer heimlichen Leidenschaft für die hübsche, lebensfrohe Tochter der Frau Schwarzlose ergriffen. Er sprach aber niemals von seiner Liebe. Selbst das Mädchen wusste nichts davon, bis er ihr vor einigen tagen ein Geständnis ablegte und um ihre Hand bat. Das Mädchen war auf das höchste überrascht und wies den Antrag zurück. In diesem Augenblick zog der junge Mann einen Revolver aus der Tasche und gab auf das Mädchen einen Schuß ab, der es in den Hals traf. Gleich darauf richtete er die Waffe gegen sich selbst und brachte sich einen Schuß in die Schläfe bei.

Hausangestellte eilten herbei und fanden beide blutüberströmt bewusstlos auf dem Boden liegen. Man brachte sie nach dem Krankenhaus, wo das Mädchen bald darauf starb. Reinicke ist ebenfalls schwer verletzt, doch glauben die Aerzte, daß sie ihn werden am leben erhalten können. Er wird nach seiner Genesung sich wegen Totschlages zu verantworten haben. Die schreckliche Tat hat großes Aufsehen erregt. Allgemein ist das Mitleid mit der Mutter, die bereits zwei Söhne im Krieg verloren hat.

 

Eine glückliche Gemeinde

Die Hernalser scheinen mit ihrem Geld gut haushalten zu können.

Neue Freie Presse am 28. Mai 1886

Wenn man aus einem von der Hernalser Gemeindevertretung gefaßten Beschlusse Consequenzen ziehen darf, so scheinen sich die Bewohner dieses Vorortes in der beneidenswerten Lage zu befinden, trotz der allgemein beklagten ungünstigen Erwerbsverhältnisse niemals in Geldcalamitäten zu sein. Die Gemeindevertretung hat sich nämlich soeben in Folge einer Aufforderung der niederösterreichischen Stadthalterei, ein Gutachten in Betreff der Verleihung einer Pfandleih-Gewerbe-Concession für die Gemeinde Hernals abzugeben, dahin ausgesprochen, daß die Erteilung einer derartigen Concession vorläufig nicht erfolgen möge, weil – in Hernals für ein solches Gewerbe kein Bedürfnis bestehe.

 

Buffalo Bill im Wiener Prater

Indianer, Cowboys, Kosaken und Japaner treten in Buffalo Bills Wild-West-Show auf. Die Indianer “fühlen sich im Prater besonders wohl; sie meinen, es sei hier wie in ihrer Heimat.”

Neue Freie Presse am 27. Mai 1906

Nach 16-jähriger Abwesenheit ist der amerikanische Oberst Cody, genannt Buffalo Bill, in Wien eingezogen. Sein buntes Lager erhebt sich im Prater, in der Nähe des Westtors der Rotunde. Hier stoßen Alte und Neue Welt feindlich zusammen; die neue bringt vor allem ihre historischen Altertümer, die Indianer, Sioux- und andere Stämme mit ihren Häuptlingen, die treuen Freunde unserer Jugend, die Nachkommen jener roten Männer, deren Heldentaten von Schiller, Seume, Chamisso und Lenau besungen wurden. Über Nacht hat Oberst Cody mit seinem Generalstabe, in dem sich auch Major John W. Burke befindet, Wigwams für die Indianer mit ihren Squaws und Kindern, Zelte für Cowboys, amerikanische Kavallerie und Artillerie, für Zuaven, Araber, Kosaken, Japaner und Vertreter anderer Völkerstämmer errichtet. Russen und Japaner wohnen gemeinsam - ein hübsches Bild mit wohltuender Perspektive in die Zukunft. Ferner sieht man einen imposanten Küchenwagen, in dem das Mahl für 800 Personen bereitet wird, ein großes Speisezelt und Zelte für 500 Pferde. Das alles gruppiert sich um eine riesengroße Arena, welche für 12.000 Zuschauer Sitzgelegenheit bietet. Heute um 3 Uhr nachmittags fand die Premiere statt, zu der sich ein überaus zahlreiches Publikum eingefunden hatte. (...)

Bei den Klängen des Cowboy-Orchesters entwickelte sich das reiche Programm, das neben den fesselnden und ethnographisch hochinteressanten Bildern aus dem Leben der nordamerikanischen Indianer eine bunte Reihe der vorzüglichen Sport-und artistischen Leistungen bietet. Das große Defilé, an welchem 500 Reiter, Indianer, Cowboys , Kosaken, amerikanische Veteranen, Japaner, junge Amerikanerinnen teilnahmen, entwickelte lebhaften Beifall, der sich noch steigerte, als Buffalo Bill, der populäre Held der Indianerkriege und der Prärie, auf einem prächtigen Schimmel bis zur Hofloge vorritt und das Publikum in englischer Sprache begrüßte. Es folgten kühne Reiterstückchen, Szenen aus dem Leben der Hinterwäldler, ein großes, außerordentlich exakt ausgeführtes Artilleriemanöver, ein Indianerangriff auf die ehrwürdige Dead Wood Mail Coach, die Kunststücke des Lassowerfens, eine Szene aus der Schlacht bei Little Big Horn, in welcher Oberst Cody sich seine Sporen erworben hat, Wettrennen, prächtige Reiterkunststücke der Kosaken, ganz ungewöhnliche Leistungen von Arabern und Japanern auf dem Gebiete der Parterregymnastik. (...)

Wer Gelegenheit hat, das Leben und Treiben der polyglotten Schar zu beobachten, ist überrascht von der musterhaften Disziplin, die im Lager des Obersten Cody, des Leiters dieser kühnen Reiter aus vieler Herren Länder, herrscht. Insbesondere die Indianer, seine einstigen Feinde, sind ihm zugetan und blicken mit Stolz und Bewunderung zu ihrem “weißen Häuptling” auf. Die Söhne der nordamerikanischen Wälder fühlen sich im Prater besonders wohl; sie meinen, es sei hier wie in ihrer Heimat.

 

Taschendiebe in Uniform

Ungarische Landfinger tarnen sich als Soldaten.

Neue Freie Presse am 26. Mai 1916

In der letzten Zeit mehren sich die Anzeigen über Taschendiebstähle auf der Straßenbahn. Die Polizeibehörde hatte Verdacht gegen ungarische Langfinger, die zu den Rennen hierher kommen und, um weniger Verdacht zu erregen, Uniform tragen. Sie wechseln Montur und Distinktion, um ein Wiedererkennen zu verhindern, wenn in dem einen oder anderen Falle auf einen „Soldaten“ Verdacht gefallen wäre. Sonntag nachmittag wurden in der Liechtensteinstraße an der Ecke der Alserbachstraße zwei Diebe verhaftet, die mit dem Straßenbahnwagen fuhren. Sie haben an der stets umdrängten Schleife beim Liebenberg-Denkmal Diebstähle ausgeführt. Es sind die Kellner Rudolf Liszan, 26 Jahre alt, und Alexander Roman, 28 Jahre alt. Beide aus Budapest. Liszan ist wiederholt bestraft. Sie hatten Bargeld, falsche Militärdokumente und leere Formulare mit Gummidrucksiegeln bei sich. Da noch andere ungarische Taschendiebe festgenommen worden sind, dürfte es sich um eine Bande handeln, die nach Wien kam.

Unerfreuliche Pfingsten

Eisenbahnkatastrophen in Wien und München.

Neue Freie Presse am 25. Mai 1926

Die Pfingstfeiertage haben diesmal wirklich nicht die Kennzeichnung als liebliches Fest verdient. Nicht nur der Wettergott hatte ein mürrisches Gesicht gezeigt, auch die Ereignisse, die sich an den beiden Tagen abspielten, haben die ohnehin so sehr gesunkene Stimmung noch tiefer gedrückt. Mit Entsetzen vernimmt man von dem schweren Eisenbahnunglück, daß sich gestern abend auf dem Münchner Ostbahnhof zutrug. Ein dichtbesetzter Personenzug fuhr auf einen in der Station eben haltenden Zug auf und dieser Zusammenstoß hatte grauenerregende Folgen. Bisher sind dreißig Tote und siebzig Schwer- und Leichtverletzte geborgen. Wie viele unter ihnen mögen die verhängnisvolle Reise in der Hoffnung angetreten haben, nach sauren Wochen wenigstens einige Festesstunden in der freien Natur verbringen zu dürfen, wie viele von diesen beklagenswerten Menschen mögen mit Ungeduld den Augenblick herbeigesehnt haben, der sie von dem Lärm und Hasten der Großstadt befreien sollte.

Die Eisenbahnkatastrophe, die so furchtbares Unheil anrichtete, wird überall die stärkste Teilnahme auslösen und besonders wir in Wien fühlen auf das innigste mit den Münchnern. Die Empfindung ist um so stärker, weil uns selbst ein ähnliches Unglück heimgesucht hat, das sich in der Ostbahnstation Simmering ereignete und zwei Tote, drei Schwer- und dreizehn Leichtverletzte als Opfer forderte. Der Eindruck wirkt um so schmerzlicher, weil das Unheil wohl zu vermeiden gewesen wäre, wenn es nicht an der notwendigen Umsicht und Voraussicht gemangelt hätte. Die genaueste Untersuchung aller Momente, die auf die folgenschwere Entgleisung dreier Waggons in Simmering Einfluß hatten, muß mit allem Nachdruck gefordert werden. Man darf nichts vertuschen und nichts beschönigen und man muß feststellen, wer die wirklich Schuldigen sind.

Die unmittelbare Urssache an dem Ungluck hatte ein Fehlgriff, den sich ein Weichensteller zuschulden kommen ließ. Dieser Mann bestand die Prüfung erst vor einem Vierteljahr und er besaß so gut wie keine Erfahrungen, zumal da er in der letzten Zeit als Magazineur, als Verschieber und in ähnlicher Weise beschäftigt war. Ein vernünftiges Sparsystem in Ehren! Nie und nimmer aber darf es geschehen, daß durch Maßnahmen die Sicherheit der Reisenden auf das Spiel gesetzt wird, daß man die Abwicklung des Verkehres stört und dadurch ohne Not Menschenleben in Gefahr bringt! Die Toten und die Verletzten von Simmering, diese Unglücklichen, müssen als ernste Mahnung dienen. Das Publikum hat ein Recht darauf, zu hören, daß für die Zukunft alle wünschenswerten Vorkehrungen veranlaßt worden sind.

 

Heute vor 150 Jahren: Arbeitertumult bei Kriegsvorbereitungen

Bei Befestigungsarbeiten kam es zu einem “großartigen Excesse”. Hiesige Arbeiter kämpften gegen billigere slowakische Arbeiter.

Neue Freie Presse am 24. Mai 1866

Bei den Befestigungsarbeiten, die heute Morgens eine halbe Stunde außerhalb Floridsdorfs von ungefähr 1500 hiesigen Arbeitern in Angriff genommen wurden, kam es zu einem großartigen Excesse, der solche Dimensionen annahm, daß in Folge dessen die Arbeiten für heute gänzlich eingestellt werden mußten. Die hiesigen Arbeiter, welche zunächst bestimmt waren, zur Herstellung der Verschanzungen einen Graben von einer Klafter Breite aufzuwerfen, hatten hierfür einen Arbeitslohn von einem Gulden für jede ausgehobene Kubiklaster Erde zugesagt erhalten. Diese Bezahlung erscheint ziemlich mäßig bei dem Umstande, daß mit dem Ausheben einer Kubiklaster zwei Arbeiter von ungefähr 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends beschäftigt sind.

Nun führte aber das Bekanntwerden dieser Arbeit auch eine ziemliche Anzahl von slovakischen Arbeitern aus dem nordwestlichen Ungarn herbei, die man in der Volkssprache hier gewöhnlich “Croaten” nennt. Diese erklärten sich bereit, die Kubiklaster Erde zu dem Preise von nur achtzig Kreuzern auszuheben. Hiedurch stieg die schon frühere Unzufriedenheit der hiesigen Arbeiter derart, daß sofort eine förmliche Revolte ausbrach. Die hiesigen Arbeiter stürzten mit Krampen und Schaufeln über die Slovaken her, und es entspann sich ein Kampf, der mit einer entschiedenen Niederlage der Slovaken endete. Von den Letzteren wurden viele derart geschlagen, daß sie bewußtlos liegen blieben. Man riß ihnen die Kleidungsstücke vom Leibe, steckte diese auf ausgerissene Meßstangen und trug sie wie Fahnen unter Geschrei herum.

Gleichzeitig waren auch viele Verkäufer von Schnaps, Brot und Würsteln erschienen. Diesen nahmen einzelne Arbeiter ihre Waare ohne Bezahlung ab, so daß auch den Verkäufern nichts übrig blieb, als sich möglichst schnell davonzumachen. Ueberhaupt war die Stimmung der Arbeiter so schlecht, daß jedes leicht hingeworfene Wort sofort zu Thätlichkeiten führte. Maurer, welche sich eingefunden hatten, um Bau-Arbeiten zu beginnen, mußten unverrichteter Sache wieder weggehen. Auch wurden die mit der Ausmessung des auszuhebenden Erdreichs beschäftigten Personen beschimpft und mit Erdklumpen nach ihnen geworfen.

Heute vor 90 Jahren: Zum Wiener Verkehrsproblem

Polizeipräsident Schober schreibt über die aktuelle Verkehrsstatistik für den Monat April.

Neue Freie Presse am 23. Mai 1926

Durch Automobile wurden 3 Personen (alle durch eigene Schuld) tödlich verletzt und 27 Personen (4 durch fremdes, 23 durch eigenes Verschulden) schwer verletzt; leicht verletzt wurden 29 Personen (16 durch fremdes, 12 durch eigenes, 1 geteiltes Verschulden); Summe 59 Personen.

Durch Motorräder wurden schwer verletzt: 14 Personen (2 durch fremdes und 12 durch eigenes Verschulden) und leicht verletzt: 16 Personen (4 fremdes und 12 eigenes Verschulden). Summe: 30 Personen.

Der Streit zwischen Fußgängern und Automobilisten, wer schuldtragend sei, hat in Wien eine zeitlang große Dimensionen angenommen, es wurden Vereine und Organisationen gegründet, um das “öffentliche Gewissen” wachzurütteln, die Polizeidirektion und ihr Präsident sind in unterzeichneten und in anonymen Zuschriften mit gut gemeinten Ratschlägen, aber auch mit häufigen Vorwürfen überschüttet worden.

Gab die Polizeidirektion eine Warnung an die Autolenker heraus, so war die Antwort eine heftige Klage über die “grausame Verfolgung der Chauffeure”, über die “Verständnislosigkeit der Polizei gegenüber modernen Bestrebungen”. Sah sich die Polizeidirektion gezwungen auf die vielen, durch Passanten selbst verschuldeten Verkehrsunfälle hinzuweisen und auf Einhaltung der Gehordnung zu dringen, so regnete es Briefe, man soll sich lieber um die Autowildlinge kümmern. Tag für Tag passiert dasselbe den Wachebeamten.

Beanstandet ein Sicherheitswachebeamter einen Autolenker, so bäumt sich die beleidigte Majestät des Mannes am Volant auf, und wagt es gar ein Wachmann, einen zeitungslesenden Fußgänger an einer Straßenkreuzung auf seinen Leichtsinn aufmerksam zu machen, dann gibt der Beanstandete sicher zur Antwort, die Polizei solle sich lieber um Einbrecher kümmern. Das gegenwärtig im fünften Monate in Anwendung stehende “Organmandat” zeigt uns aber, wie notwendig diese Maßnahme war, um Ordnung zu machen. (...)

Für das Verkehrsproblem in Wien ist vor allem die Feststellung wichtig, daß wir noch lange keinen großstädtischen Verkehr wie in Paris oder in Berlin haben, von amerikanischen Städten gar nicht zu reden. Wenngleich die Zahl der automobilisierten Verkehrsmittel stets zunimmt und im Monat April 1926 eine neuerliche Steigerung um 946 Fahrzeuge erfahren hat, so halten wir doch in Wien erst bei 10.096 Automobilen und 633 Motorrädern, zusammen also bei 16.484 Kraftfahrzeugen.

 

Heute vor 80 Jahren: Kuss in der Moschee

Im Augenblick hatte sich eine Menschenmenge aus den umliegenden Straßen gesammelt, die in die Moschee drang, um das Paar zu lynchen.


Neue Freie Presse am 22. Mai 1936

Aus London wird uns berichtet: Ein Kuß rief in der berühmten Moschee Balvachanwali in Ferozepore (Indien) eine Revolte hervor. Ein kleiner Junge überraschte ein Liebespaar, das sich in einer versteckten Ecke der Moschee küßte. Der Junge sorgte dafür, daß diese Neuigkeit verbreitet wurde. Im Augenblick hatte sich eine Menschenmenge aus den umliegenden Straßen gesammelt, die in die Moschee drang, um das Paar zu lynchen. Die Liebenden konnten sich vor der fanatischen Menschenmenge jedoch retten, wurden aber verfolgt. Das Haus des jungen Mannes wurde regelrecht belagert, denn die Menge hatte seinen Tod beschlossen. Das Mädchen mußte mit ihren Eltern aus dem Orte fliehen.

 

Heute vor 100 Jahren: Gegen die Finsternis in der Hofoper

Die Leute sitzen in einem stockfinsteren Guckkasten und starren verzweifelt in ein schwarzes Loch.

Neue Freie Presse am 21. Mai 1916

Die Klagen über die Finsternis in der Hofoper wollen nicht verstummen. Gemeint ist zunächst und hauptsächlich jene Finsternis, die, so oft es in der Oper Nacht wird, die Bühne mit einer geradezu sehenswürdigen Undurchdringlichkeit einhüllt. Die Verdunkelung des Zuschauerraumes vorerst als nützlich und wünschenswert zugegeben, stellt sich für das Opernpublikum die Situation folgendermaßen dar: die Leute sitzen in einem stockfinsteren Guckkasten und starren verzweifelt in eine schwarzes Loch, ohne im ersten Augenblick etwas anderes wahrzunehmen, als Gesangstöne und Bewegungsgeräusche, welche von den Schatten auszugehen scheinen, die hinter dem matt aus dem Orchesterraum aufsteigenden Lichtschimmer geistern.

Erst allmählich “gewöhnt” das Auge diese kunstvoll herbeigeführte Finsternis. Bis zu welchem Grade die Gewöhnung eintritt, hängt allerdings von der Sehschärfe des Zuschauers und seiner Entfernung von der Bühne ab. Dieses angespannte Haschen nach dem optischen Bilde, ob es nun einige Sekunden oder Minuten lang währt, zwingt dem Zuschauer eine Beschäftigung auf, die mit dem eigentlichen Kunstgenusse nichts zu tun hat, sie lenkt seine Aufmerksamkeit vom Wesentlichen, also von der Musik, ab und reißt ihn aus der Stimmung. Man beobachte nur die Unruhe im Hause, wenn sich der Vorhang vor einem solchen in Finsternis getauchten Szenenbilde teilt. Man beugt sich vor, um das Unsichtbare besser zu sehen, mit nervöser Hast wird an den Operngläsern herumgeschraubt und flüsternd teilt der Nachbar den fragenden Nachbarn mit, was er indem undurchdringlichen Dunkel wahrgenommen oder vielmehr nicht wahrgenommen habe. Da in den meisten Opern zumindest ein Akt zur Nachtzeit spielt, so kann man fast Abend für Abend in der Hofoper Zeuge des Kampfes sein, den das Publikum gegen die Macht der Finsternis zu führen gezwungen ist.

 

Erzherzog Karl Ludwig im Totenzimmer

Nach dem Tod des Bruders des Kaiser werden Sterbebett und Leiche detailliert beschrieben.

Neue Freie Presse am 20. Mai 1896

Der verblichene Erzherzog Karl Ludwig liegt im Sterbegemach ganz in der Stellung und in der Umgebung, die seine Gemahlin und seine Töchter zurechtgerichtet haben. Das niedrige Gemäch ist im linken Flügel des Hofes, ein geräumiges dreifenstriges Zimmer, dessen Boden ein dunkelrother dicker Teppich bedeckt. Die Rouleaux sind herabgelassen, nur der flimmernde Glanz dicker Kirchenkerzen auf hohen Silbercandelabern zu beiden Seiten des Bettes erleuchtet das Totengemach. Alle Möbel bis auf das Bett sind entfernt worden, ebenso die Bilder von den Wänden. Das große Messingbett steht in der Mitte des Zimmers - die dunkelrothen Vorhänge desselben, welche bis zur Zimmerdecke reichen, sind überall zurückgeschoben, nur am Kopfende nicht. Vom weißen Kissen, worauf ein Greisenantlitz gebettet ist, wird nichts sichtbar, denn die mit zitternden Händen ausgestreuten Blumen bedecken es ganz, ebenso wie das über die rothe Atlasdecke geschlagene Leintuch. Nur das Gesicht und die gefaltenen Hände heben sich von den Blumen ab. Es sind rothe Nelken, rosa Rosen und weißer Flieder, die einen betäubenden Duft vom Totenbette ausströmen. Den weißen Flieder haben die Töchter selbst im Garten des Palais abgeschnitten.

Das Gesicht des Erzherzoges ist sehr abgemagert und bleich, ebenso die Hände; den Mund umgibt ein schmerzlicher Zug, der schweeweiße Bart läßt den Erzherzog um zehn Jahre älter erscheinen, als er wirklich war. Zu Füßen des Bettes stehen drei mit schwarzem Samt überzogene Betstühle, an denen die Mitglieder des Kaiserhauses beim Besuch des Totenzimmers ihre Gebete verrichten. An der linken Ecke des Bettes befindet sich ein Betschemel, an dem ein Kapuziner kniet. Rechts in der Ecke des Zimmers stehen drei Klosterfrauen und beten den Rosenkranz. (...) Immer schneller folgt eine riesige Blumenspende auf die andere - schwüler wird es im Gemach, denn andächtige Besucher folgen zahlreich aufeinander: die Lichter flackern unruhig und leuchten düster in der duftgeschwängerten Atmosphäre, Alles ist still bis auf das murmelnde Gebet des Kapuziners und das Lispeln der Nonnen.

Anmerkung: Karl Ludwig starb am 19. Mai 1896 an den Folgen einer Infektion, die er sich bei einer Pilgerreise ins Heilige Land geholt hatte -  er trank dort offenbar verseuchtes Wasser aus dem Jordan. Nach seinem Tod wurde Erherzog Franz Ferdinand offiziell österreichisch-ungarischer Thronfolger. Kaiser Franz Josephs einziger Sohn, Kronprinz Rudolf, hatte ja 1889 Selbstmord begangen.

Das Bevölkerungsproblem in China

Nach dem Tod des Bruders des Kaiser werden Sterbebett und Leiche detailliert beschrieben.

Neue Freie Presse am 19. Mai 1936

Die Chinesische Telegraphenagentur versendet einen Bericht, aus dem unter anderm hervorgeht, daß die Zahl der Einwohner Chinas gegenwärtig 446.949.832 beträgt und die jährliche Zunahme auf 10,7 per Mille geschätzt wird, so daß sich binnen sechzig Jahren die Bevölkerungszahl verdoppeln würde. Die bloß vierzig Millionen betragende Zunahme während der letztverflossenen sechzig Jahre ist auf Krieg, Epidemien, Überschwemmungen, Hungersnöte und andere Naturkatastrophen zurückzuführen. Nach den letzten Schätzungen sind in China 927.000 Quadratkilometer anbaufähigen Landes vorhanden, und in zweiundzwanzig Provinzen durchgeführte Nachforschungen ergeben, daß auf jeden Einwohner bloß 28 Ar entfallen. Man muß sich fragen, schreibt die “China-Preß”, wie die Bevölkerung hätte ernährt werden können, wenn sie nicht durch Naturkatastrophen dezimiert worden wäre. Dies ist ein bedrückendes Problem, das einer dringenden Lösung bedarf.

Anmerkung: 1978 wurde die Ein-Kind-Politik in China verordnet, um die Explosion des Volkes einzudämmen. Heute hat China etwa 1,35 Milliarden Bürger, ohne das Limit wären es wohl etwa zwei Milliarden.

 

Benedeks erster Armeebefehl

Der Oberbefehlshaber der Nordarmee hat den mit Nummer eins bezeichneten Armeebefehl erlassen. Die Zeitung hat diesen veröffentlicht.

Neue Freie Presse am 18. Mai 1866

Als treuer und ergebener Soldat bewährt, weiß ich jedem kaiserlichen Befehle mit Freude zu gehorchen. Mein freudiges Pflichtgefühl wird aber auch diesmal durch das Bewußtsein beseelt, daß jeder Einzelne der unter meinem Befehle sich vereinigenden Armee die größte Hingebung mitbringt zur Abwehr und Bekämpfung jedes Feindes, der es wagt, ungerecht und muthwillig unseren angestammten Kaiser und Herrn, sein durchlauchtigstes Herrscherhaus und seine Monarchie, unser theures Vaterland, zu bedrohen.

Die Armee wird in Kurzem versammelt sein, in Allem geordnet, mit Allem ausgerüstet, schön, tüchtig und brav, getragen und gehoben von dem allerbesten Geiste der Ordnung und Disciplin, der Ehre und Treue, der Tapferkeit und unbedingten Hingebung. Des Kaisers Auge und sein edles Herz werden der Armee überallhin folgen, die Opferwilligkeit und der Enthusiasmus aller Völker Österreichs werden uns geleiten, die Theilnahme, die Erwartungen und Hoffnungen unserer Landsleute und unserer Lieben werden mit uns sein, auch wenn es zur Entscheidung kommen sollte für des Kaisers und Vaterlandes Recht.

Die k.k. Armee wird aber in jedem Kampfe mit Begeisterung und alt-österreichischer Zähigkeit in Treue und Ehre zu siegen, in Treue und Ehre zu sterben wissen für Kaiser und Vaterland.

Soldaten! Dazu bringe ich euch mein ganzes warmes Soldatenherz, bringe euch meinen eisernen Willen, mein höchstes Vertrauen auf euch, mein demüthigstes Vertrauen auf unseren allmächtigen Herrgott und das Vertrauen auf mein altes Soldatenglück.

Mit Gott also begrüße ich euch, Soldaten, die des Kaisers Wille und Befehl meiner Führung und Fürsorge anvertraut hat, begrüße euch mit der festen Ueberzeugung, daß unserer gerechten Sache, unserer Treue und Tapferkeit, unserer Ausdauer und Standhaftigkeit Gottes Segen nicht fehlen wird.

Anmerkung: Wenige Wochen später beginnt der preußisch-österreichische Krieg zwischen Österreich und den meisten deutschen Staaten auf der einen sowie Preußen, Italien und einigen nord-deutschen und thüringischen Kleinstaaten auf der anderen Seite. Die entscheidende Niederlage in der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli wird das Ringen zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland zu Ungunsten Österreichs entscheiden.

 

Um die Erde in vierzig Tagen

Im Jahr 1900 wird eine Reise um die Erde in vierzig Tagen möglich sein.

Neue Freie Presse am 17. Mai 1896

Die Reise, die Phileas Fogg mit Mühe und Noth in 80 Tagen machte, kann gegenwärtig ohne Schwierigkeiten in 70 Tagen zurückgelegt werden, wobei nur sechsmal das Beförderungsmittel gewechselt zu werden braucht. Im Jahre 1900 dagegen wird eine Reise um die Erde aber gar in der Hälfte der erstgenannten Zeit, in vierzig Tagen, möglich sein. Wenn nämlich zu jener Zeit die große sibirische Eisenbahn eröffnet wird, tritt eine völlige Umwälzung im Weltverkehre und in den Reisen um die Erde ein.

Eine annähernd ähnliche Umwälzung in Raum und Zeit hinsichtlich aller Weltreisen brachte nur die Eröffnung des Suez-Canals. Im Jahre 1900 erreicht ein Weltreisender, der beispielsweise am 1. Januar London veräßt, über Ostende-Berlin nach 45stündiger Schnellzugsfahrt Petersburg, von wo aus er in 250 Stunden durch Rußland und Sibirien bis Port-Arthur 10.000 Kilometer fährt. Er braucht somit von London bis Port-Arthur 12 Tage und 7 Stunden.

Von Port-Arthur reist er mittels der neuen Expreß-Dampfschiffverbindung, die schon in diesem Jahre von amerikanischen und russischen Kapitalisten gebildet werden soll, nach San Francisco und von dort durch Nordamerika und über den atlantischen Ocean nach London zurück. Für diese ganze Reise genügen vierzig Tage vollständig.

 

Attentat auf österreichisch-ungarischen Gesandten in Teheran

Drei Revolverschüsse verfehlen ihr Ziel.

Neue Freie Presse am 16. Mai 1916

Zum dem durch die Petersburger Telegraphenagentur kurz gemeldeten Attentat auf den österreichisch- ungarischen Gesandten in Teheran, Grafen Logothetti, wird jetzt folgendes bekannt: Das Attentat wurde am 10. d. im Zentrum von Teheran gegen Grafen Logothetti verübt. Ein aus der Türkei ausgewiesenes Individuum, das offenbar im russischen Solde steht, feuerte auf den Gesandten drei Revolverschüsse ab, als dieser im Wagen durch die Hauptstraße Teherans fuhr.

Der österreichisch-ungarische Gesandte blieb unverletzt. Eine Kugel des Attentäters traf dagegen den Kutscher des Wagens.

 

Touristenunglück auf der Hohen Wand

Tödlicher Absturz einer Wiener Telephonistin.

Neue Freie Presse am 15. Mai 1916

Die Telephonbeamtin Karharina Teplh, zugeteilt der Telephonzentrale Wien, Dreihufeisengasse, welche gestern mit vier Kolleginnen einen Ausflug auf die Hohe Wand machte, ist beim Blumenpflücken vom Großen Kanzelsteig 120 Meter tief abgestürzt und mit zerschmetterten Gliedern tot liegen geblieben. Die Leiche wurde nach Grünbach gebracht.

 

Schuschnigg bildet sein Kabinett um

Kabinettskrisen, die in der alten Zeit Tage und oft Wochen in Anspruch nahmen, werden jetzt in wenigen Stunden überwunden.

Neue Freie Presse am 14. Mai 1936 (Abendausgabe)

Heute nacht hat sich eine Umbildung der Regierung Dr. v. Schuschnigg vollzogen. Kabinettskrisen, die in der alten Zeit Tage und oft Wochen in Anspruch nahmen, werden jetzt in wenigen Stunden überwunden, weil die Hemmnisse, die in dem Parteiensystem lagen, wegfallen und weil ein klarer Wille den Weg weist. Das ist ja auch der Sinn der autoritären Führung, die, wie der Bundeskanzler erst jüngst in Baden erklärte, mit Willkürherrschaft im Staat nichts zu tun hat und die vielmehr im Geiste der durch die Maiverfassung ausgerichteten Ständedemokratie wirken will. Die Umbildung der Regierung kommt nicht unerwartet, denn sie wurde bereits seit einiger Zeit vorausgesehen. Wesentlich aber bleibt, daß trotz der Umbesetzung in einzelnen Ressorts die Konzeption, die mit dem Namen Dr. Engelbert Dollfuß unlösbar verbunden erscheint, unter allen Umständen aufrechterhalten und daß unbeirrbar auf der Dollfuß-Straße verharrt wird, um das seinerzeitige Wort Dr. v. Schuschniggs zu gebrauchen. (...)

Kein Zweifel, das Ausscheiden des Vizekanzlers Fürst Starhermberg wird gewiß mit großem Bedauern aufgenommen werden. Er hat durch seine Wirksamkeit viel Wertvolles geschaffen, aber seine Energie geht nicht verloren, denn er bleibt weiterhin im öffentlichen Leben tätig, wenngleich auch die Bundesführerschaft der Vaterländischen Front an Dr. v. Schuschnigg übergeht.

 

Ein Schatz im Lehmboden

Beim Bau der Pyhrnbahn ist ein Klumpen antiker Münzen entdeckt worden. 

Neue Freie Presse am 13. Mai 1906

In der Gegend von Spital am Pyhrn wurde ein Klumpen zusammengepreßter antiker Münzen im Lehmboden gefunden. Es war noch möglich, 146 Stück zusammenzuschaffen, ein Teil davon war bereits in anderen Ländern. Der Konservator hat diesen Fund untersucht und gibt folgende Erklärung hierüber ab: Im großen Teile sind es römische Denare aus der Zeit der Kaiser: Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus, Domitian, Nerva, Trajan, Hadrian. Aber auch aus der Zeit der römischen Republik stammt ein Denar. Es wird als wahrscheinlich angenommen, daß dieser Schwatz während des Makromannenkrieges unter Marc Aurel auf der Flucht vor den Barbaren versteckt worden ist. Es ist ferner nachgewiesen, daß von Wels über Klaus durch das Steyrtal nach Windischgarsten und weiter nach Spital eine römische Straße geführt hat, welche bis nach Virunum am Zollfelde sich hinzog. Es ist kein zweifel, daß die heutige Fahrstraße über der altrömischen liegt. Es sind in dieser Gegend bereits wertvolle Funde gemacht worden. (...) Auf Weisung des Eisenbahnministeriums ist der neueste Fund dem Museum in Windischgarsten überlassen worden.

 

Alles blickt auf Guntramsdorf

In dem kleinen Ort wird unter großem Aufsehen ein Soldatendenkmal enthüllt.

Neue Freie Presse am 11. Mai 1896

Der kleine Ort Guntramsdorf an der Südbahn war gestern der Schauplatz einer erhebenden Feier. Seit dem Jahre 1866 ruhen auf dem dortigen Friedhofe siebenundzwanzig sächsische Soldaten, die im Feldzuge von 1866 schwer verwundet, in einem Lazareth nächst Guntramsdorf ihren Verletzungen erlegen waren. Nur ein einfaches Holzkreuz zierte bisher ihre Grabstätte. Auf Anregung des Vorstandes des Guntramsdorfer Veteranen-Vereins Erzherzog Ferdinand Carl, Herrn Joseph Nürnberger, bildete sich nun vor einiger Zeit ein Comitée zu dem Zwecke, den sächsischen Waffenbrüdern ein würdiges Grabdenkmal zu errichten. Bald war der erforderliche Betrag beschafft, und gestern wurde das Denkmal feierlich enthüllt und eingeweiht. Das Arrangement der Feier hatte der Wiener Marine-Veteranen-Verein „Tegetthoff“ übernommen. Der Ort Guntramsdorf war feierlich geschmückt, jedes Haus trug Fahnen-, Bilder- und Blumenschmuck, eine Ehrenpforte grüßte die Festgäste, und die Bevölkerung aller umliegenden Orte war zusammengeströmt, um der Feier anzuwohnen. Vom frühesten Morgen an brachte Zug um Zug die Festgäste, die auf dem Bahnhofe von der Gemeindevertretung Guntramsdorf mit dem Bürgermeister, Herrn Eggendorfer, an der Spitze, dem Guntramsdorfer Veteranen-Vereine (…) empfangen würden. (…) Sechs hünenhafte Neustädter Gardisten mit ihren prächtigen Grenadiermützen postierten sich zu beiden Seiten des Grabes. (…) Das Denkmal ist ein auf einem Sandsteinsockel ruhendes, hochragendes Kreuz von einem zierlichen Eisengitter und sechs Candelabern umgeben. Den Sockeldes vom Wiener Architekten Adolph Goldenberg entworfenen Denkmals, dessen Ausführung allgemeine Anerkennung fand, zieren kriegerische Embleme und eine Votivtafel mit der Inschrift: „Den im Feldzuge 1866 hierselbst verstorbenen sächsischen Kampfgenossen von ihren österreichischen Kameraden gewidmet im Jahre 1896.“ Eine zweite Tafel trägt die Namen der Verstorbenen.

Anmerkung: Mit dem im Artikel angeführten Feldzug sind Kämpfe im Zuge des „Preußisch-Deutschen Krieg“ von 1866 gemeint.

 

Kronprinz Rudolf heiratet

Kronprinz Rudolf und die belgische Prinzessin Stephanie werden in der Augustinerkirche vermählt.

Neue Freue Presse am 10. Mai 1881 (Abendblatt)

Um 9 Uhr wurden die Pforten der Augustinerkirche geöffnet, wo sich die geladenen Gäste sehr rasch versammelten. Die Kirche war dem feierlichen Anlasse entsprechend decoriert worden; längs der beiden Seiten des Mittelschiffes standen Holzwände mit kostbaren, alten Gobelins bedeckt; die Säulen waren bis ungefähr zur Mitte ihrer Höhe mit rothem Damastdrapiert. Der Hochaltar, mit allen Kostbarkeiten der Schatzkammer der Kirche geschmückt, war außerdem noch mit Blumen reich geziert. (...)

Sodann kamen der Kaiser in Marschalls-Uniform mit dem Großkreuze des Maria-Theresien-Ordens und dem Vließ; neben ihm der König der Belgier in belgischer Generals-Uniform und mit dem Großkreuze des belgischen Leopolds-Ordens. Unmittelbar darauf folgten Kaiserin elisabeth in taubengrauer Robe, ein Daidem und reichen Brillantenschmuck im Haare, und die Königin der Belgier in blauer Seide und mit reichem Schmuck. Zwischen den Beiden schritt die Braut des Kronprinzen, Prinzessin Stephanie. Ihr Brautkleid aus weißem schweren Silberbrocat hatte den herkömmlichen Schnitt; es war mit reicher Stickerei, Rosen, Myrthen, Lorbeer und Orangenblüten darstellend, bedeckt. (...)

Nach der Traurede folgte die Benediciton, welche das Brautpaar knieend empfing, dann die Zeremonie des Ringwechselns. Es wurde nunmehr das Tedeum celebriert. Vom Chore herab brausten Hayden’s Weisen, und mit der letzten Note war auch der Trauungsakt vollzogen. (...)

Der Kaiser war nach der Zeremonie ungewöhnlich heiter und aufgeräumt. Er scherzte mit dem neuvermählten Paare wie mit seinen Brüdern. Als die Majestäten ungefähr um 1/1 1 Uhr wieder den Augustinergang betraten, wurden die Pforten geöffnet und die Feierlichkeit war zu Ende.

Attentat auf Bismarck

Man wird vergebens versuchen, die Tat als Folge einer Konspiration darzustellen, ist die Zeitung sicher.

Neue Freie Presse am 9. Mai 1866

Wir werden den Angriff, welcher gestern zu Berlin, Unter den Linden, erfolglos gegen das Leben des Grafen Bismarck gerichtet wurde, mit keinem anderen Maßstabe messen, als jenem, den die sittlichen und politischen Anschauungen unserer Zeit an solches Beginnen legen. Gleich dem Duell und dem Selbstmorde hat auch der politische Mord Anwälte gefunden. Römische Geschichtsschreiber verherrlichen und verfluchen die Mörder Julius Cäsar’s, und sicher ist, daß sein gewaltsam herbeigeführter Tod das Kaiserreich nur befestigt hat. Der Liberalismus, welcher den Dolchstoß Ravaillac’s und den Pistolenschuß John Wilkes Booth’s verflucht, kann selbst dort, wo die sittlichen Bedenken in den Hintergrund treten würden, den Mord als Mittel zur Erreichung politischer Zwecke nicht billigen. Es gibt kein Scheusal in Menschengestalt auf Erden, zu dessen Richter über Leben und Tod der Einzelne sich aufzuwerfen berechtigt wäre, ganz abgesehen davon, daß die Kugel, welche Bismarck durchbohrte, das Großpreußenthum so wenig aus der Welt schaffen würde, als ein Gelingen des Attentates Orsini’s Frankreich die Freiheit wiedergegeben hätte. (...)

Bismarck kann, was er will, weil das preußische Volk leider mehr hinter ihm steht, als es vor Kurzem für möglich gehalten wurde, und deshalb sprechen wir es aus, daß, wenn es gestern auch gelungen wäre, den preußischen Premier todt hinzustrecken, damit wol der hervorragendste Vertreter der preußischen Vergewaltigungs- und Eroberungs-Tendenzen, nicht aber diese verderbenbringenden Tendenzen selbst aus der Welt geschafft worden wären. (...)

Man wird von dem zweiundzwanzigjährigen Junglinge, der gestern in Berlin dem Grafen Bismarck nach dem Leben trachtete, nicht behaupten können, daß er ein abgefeimter Verschwörer oder ein von fremder Hand gedungender Mörder sei. Der Unglückliche, der seine That mit dem Entschlusse ausgeführt, sie im Falle des Gelingens oder Mißlingens nicht zu überleben, war offenbar nur sein eigenster Auftraggeber. Wir hegen die Meinung, daß es einen Mitwisser seines Beginnens nicht gibt. Man wird es daher auch ganz vergebens versuchen, diese That als die Folge eines weitangelegten Planes, einer regelrechten Conspiration darzustellen. Sie ist gewiß nur die Konsequenz einer stark überreizten politischen Ueberzeugung, eines hochgesteigerten Hasses gegen die Richtung, welche in der Politik des Grafen Bismarck verkörpert ist.

Anmerkung: Wie bei fast allen politischen Attentaten der Weltgeschichte gibt es, auch unter Historikern, unterschiedliche Versionen der Geschehnisse. Der britische Historiker Andres Sinclair etwa war überzeugt, dass es sich um "einen von Bismarck geschickt gegen seine eigene Person inszenierten Mordanschlag gehandelt habe, mit dem Ziel, politische Gegner mundtot zu machen und die Bevölkerung Preußen-Deutschlands auf den unmittelbar mit Österreich bevorstehenden Krieg einzustimmen". Vermutlich handelte es sich aber tatsächlich um die Tat eines Einzelnen, der hoffte, durch sein Attentat einen Bruder-Krieg zwischen Preußen und Österreich verhindern zu können.

Der 22-jährige Attentäter Ferdinand Cohen-Blind feuerte ingesamt fünf Schüsse auf Bismarck ab, dieser kam aber glimpflich davon. Er trug lediglich eine schmerzhafte Rippenprellung davon. "Mein Kind, heute haben sie auf mich geschossen, aber es ist nichts", erklärte Bismarck seiner Frau am Abend vor versammelter Runde. Täter Cohn-Blind wurde nach dem Attentat zum Verhör ins Polizeipräsidium gebracht. Dort durchtrennte er sich einem unbeachteten Moment die Halsschlagader, kurz darauf war er tot.

Der russische Zar sorgt in Paris für Begeisterung

“Ein fremder Herrscher wird in Paris begrüßt wie einst Napoleon.”

Neue Freie Presse am 8. Mai 1896

Das sehnsüchtig erwartete Wort ist bisher in Paris nicht gesprochen worden. Die Trinksprüche des Zars und des Präsidenten der Republik enthalten kein offenes Bekenntnis der vertragsmäßigen Allianz. Es wäre jedoch eine müßige Selbsttäuschung, das Wesen eines großen, denkwürdigen Ereignisses nach einer Förmlichkeit zu beurteilen und sich an die Wahl eines Ausdruckes zu klammern, wenn die Höhenzüge der Geschichte sichtbar werden. Das hieße mit stumpfem Sinn an einem Erlebnisse vorüberziehen, das in seinem Zusammenhange mit den politischen Wandlungen bestimmend sein wird für das Schicksal der Völker. Nein, so schwer es ist, auf die müde und schlaffe Generation unserer Zeit einen starken Eindruck hervorzubringen, niemand wird bei dem Schauspiele in Paris gleichgültig bleiben. Ein fremder Herrscher, kaum dem Jünglingalter entwachsen, wird in Paris begrüßt wie einst Napoleon, wenn er heimkehrte und das siegestrunkene Frankreich ihm entgegenjauchzte. Ein stolzes Volk legt sich ihm zu Füßen und er vollbringt, was Napoleon und die ganze Schaar der Heroen diese gottgesegneten Nation nie zu erreichen vermochten. Frankreich ist einmütig. (...)

Der Kaiser von Rußland hat den Pulsschlag des französischen Volkes gespürt und er weiß, daß nur die Allianz die Quelle der Begeisterung ist. Er kann nicht die Absicht haben, eine Gastfreundschaft zu erschleichen. Frankreich und Rußland stehen zusammen.

Leichenfund am Donauufer

Verbrechen oder Selbstmord?

Neue Freie Presse am 7. Mai 1926

Wie im Abendblatte gemeldet wurde, beschäftigt sich das Sicherheitsbureau mit der Aufklärung des geheimnisvollen Leichenfundes, der gestern früh nächst der Brigittenauer Schleuse am Donaukanal gemacht wurde. Nächst dem Nußdorfer Spitz hatte der Schleusenwärter gestern morgen die Leiche eines Mannes gefunden, die nur einen Schritt weit vom Wasserrande entfernt war. Der Tote wies eine Schußverletzung in der rechten Schläfe auf, und der Revolver, aus dem der Schuß abgegeben worden war, befand sich noch in der Hand des Mannes. Merkwürdig erschien der Leichenfund durch den Umstand, daß die beiden Füße des Toten mit einem Stricke zusammengebunden waren, und dieser Umstand ließ den Verdacht aufkommen, daß der Mann das Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte. Andererseits ergab sich aber die Möglichkeit daß er sich selbst die Beine zusammengeschnürt und dann den Schuß gegen sich abgegeben hat, um sich, falls er ins Wasser stürzen sollte, selbst die Möglichkeit einer Rettung zu nehmen. (...)

In der Tasche seines Rockes fand man einen Zettel mit der Adresse des Hotels Stefanie in der Tabostraße. Durch eine Anfrage in dem Hotel konnte dann festgestellt werden, daß der Erschossene der 29jährige Fabriksdirektor Karl Josef Höllriegel aus Pforzheim gewesen ist, der in dem Hotel mit seiner Braut Klara Schwert seit etwa einer Woche gewohnt hatte, und von dort seit Mittwoch abend vermißt wurde. Nach Ansicht des Polizeibezirksarztes lag die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes vor, denn die Schußverletzung ergab sich als Nachschuß mit schwarzgebrannten Rändern und die Einschußöffnung stimmte mit dem Projektil des vernickelten Trommelrevolvers überein, den der Tote noch in der Hand hielt. Andererseits ergaben sich aber verschiedene verdächtige Umstände, welche die Möglichkeit eines an Höllriegel verübten Verbrechen nicht ausgeschlossen erscheinen lassen. (...)

Der Revolver, der in der Hand des Toten gefunden wurde, ist ein alter vernickelter Trommelrevolver, den Höllriegel vielleicht im Dorotheum erstanden hat, wo er in den letzten Tagen gewesen ist. Aus dem Revolver waren zwei Schüsse abgegeben worden, von denen einer möglicherweise ein Probeschuß gewesen ist. Daß die Detonation der Schüsse in der menschenleeren Gegend nicht gehört wurden, erklärt sich daraus, daß die über die Schleuse abstürzenden Wassermengen jedes andere Geräusch übertönen.

 

Neue Rückfälle in die Währungskrankheit

Der Sturz der französischen und belgischen Francs und des rumänischen Leu.

Neue Freie Presse am 6. Mai 1926

Drei Krankenberichte an einem Tag! Die französische Währung hat wieder einen neuen Stoß bekommen, der belgische Franc ist von schwerem Fieber geschüttelt, und am anderen Ende Europas, in Rumänien, ist gleichfalls plötzlich eine Attacke auf den Geldwert erfolgt. Der Leu ist gestern in vierundzwanzwig Stunden um fünfzehn Prozent im Preis zurückgegangen, nachdem schon tags vorher ein erhebliches Niedergleiten festzustellen gewesen war. Noch vor nicht viel mehr als einer Woche notierte Bukarest in Zürich mit zwei und nun ist ein Sturz auf eineinhalb erfolgt, so daß vom 21. April bis zum 5. Mai der Kursverlust bereits fünfundzwanzig Prozent ausmacht.

Auf den fremden Märkten hat diese Bewegung überall die stärksten Spuren zurückgelassen. In Wien kam überhaupt keine Notierung zustande, weil gegenüber einem massenhaften Angebot jede Nachfrage fehlte, und in Paris erregte es Aufsehen, daß der Verlust der rumänischen Valuta den gleichzeitigen katastrophalen Eigenverlust des Francs sogar noch übertraf.

 

Heute vor 80 Jahren: Addis Abeba in italienischer Hand

Ein Großteil der Stadt liegt in Trümmern.

Neue Freie Presse am 5. Mai 1936

Die Plünderung ist im allgemeinen zu Ende. Eine Bande die hauptsächlich aus Gallas besteht, ist in die Stadt (Addis Abeba, Anm.) gedrungen und bedroht das Lebend er Einheimischen und der Ausländer. Die meisten unter britischem Schutz Stehenden befinden sich gegenwärtig in der Gesandtschaft in Sicherheit. Nur einige Araber haben es vorgezogen, sich im eigenen Haus zu verschanzen. Zweitausend Flüchtlinge, die dreiundzwanzig Nationalitäten angehören, haben sich in die britische Gesandtschaft geflüchtet. Die türkische Gesandtschaft wurde von einem mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffneten Haufen angegriffen. (…) Mindestens zehn Europäer, meist Griechen und Armenier sind in den letzten Tagen in Addis Abeba getötet worden. Die britische Ambulanz hat gestern mehr als dreihundert verwundete Abessinier in den Straßen aufgelesen und in Pflege genommen. Der britische Arzt Melly, Chef des britischen roten Kreuzes, wurde in Ausübung seiner Samaritertätigkeit durch eine Revolverkugel verwundet, die die Lunge durchbohrte. Sein Zustand ist ernst. (…) Die neuesten Nachrichten aus der Stadt besagten, daß neue Brände gelegt worden seien. Ein großer Teil des Zentrums der Stadt ist vernichtet.

Anmerkung: Der Abessinienkrieg begann am 3. Oktober 1935 – ohne Kriegserklärung – mit dem Einmarsch italienischer Truppen in das Kaiserreich Abessinien. Während der Kämpfe wurde massiv Giftgas eingesetzt, auch wurden gezielt Einrichtungen des Roten Kreuzes angegriffen. Am 5. Mai 1936 zog der italienische Feldmarschall Pietro Badoglio in der Hauptstadt Addis Abeba ein, vier Tage später endete der Krieg offiziell mit der Annexion des Landes durch das faschistische Italien. Insgesamt dauerte das Besatzungsregime bis 1941, zwischen 350.000 und 760.000 Abessinier sollen ums Leben gekommen sein.

 

"Hauptschlacht im Klassenkampf" hat begonnen

Generalstreik in Großbritannien: "Das ist der Selbstmord eines Landes."

Neue Freie Presse am 4. Mai 1926

Spezialkabeldienst der "Neuen Freien Presse", London, 3.Mai. Der Generalstreik hat um Mitternacht eingesetzt. Die in letzter Stunde begonnenen Verhandlungen zur Schaffung einer neue Verhandlungsbasis wurden nach kurzer Diskussion ergebnislos abgebrochen. Die Zeitungen werden morgen früh nicht mehr erscheinen.

Ein Generalstreik dieser Art ist noch niemals erlebt worden.Im Jahre 1921streikten die Kohlenarbeiter aus demselben Grunde wie heute: wegen der Forderung eines Lohnabstriches, den die Besitzer verlangten, weil sie den Ruin ihrer Industrie, das Niedergehen des Exports, den Verlust der Märkte vor Augen hatten. Der Streik umfasste damals drei Millionen. Die Eisenbahner und Transportarbeiter hatten sich angeschlossen. Sogar die Pumpen wurden eingestellt und manche Gruben sind ersoffen, weil nicht einmal der äußerste Notstand berücksichtigt worden ist. Jetzt ist der Machtkampf noch viel entsetzlicher, denn auch Elektrizität und Gas werden versagen, saämtliche Werke werden still stehen, die Zeitungen können nicht erscheinen und ein nicht faßbares Erlebnis, die größte soziale Schlacht der Weltgeschichte tritt in die Erscheinung.  (…) England, das ist unsere felsenfeste Überzeugung, wird weiterleben trotz dieser furchtbaren Not. Generalstreik, das ist der Selbstmord eines Landes, Generalstreik, das ist Revolution, in diesem Falle geführt von Millionen im Innersten ihres Herzens friedlicher Menschen, die tatsächlich keinen Umsturz der Gesellschaftsordnung wünschen, nicht die Macht an sich reißen, nicht ihr Heimatland verraten und um den letzten Rest seines Wohlstandes betrügen wollen. Ein solcher Vorgang ist so grenzenlos unnatürlich, eine solche Perversität des Organisationsgedankens ist darin ausgedrückt, daß er sich gleichsam selber widerlegen muß; daß nach der ersten Erbitterung der nüchterne Alltag anzeigen wird, wie sehr die Arbeiterschaft sich täuscht, wie sehr sie die Symathien der gesamten Bevölkerung durch solche Übertreibungen verscherzt und wie gewaltig der Widerstand eines Bürgertums sich gestaltet, dem noch nicht das Rückgrat gebrochen und die Moral aus der Seele herausgepeitscht worden ist. Die erste Konsequenz der Drohung mit dem Generalstreik war ein ungeheueres Zuströmen von Arbeitslosen für die technische Nothilfe. Die zweite Konsequenz war das Wiederaufleben des Kriegsabsolutismus, die Stilllegung der öffentlichen Meinung, die Vernichtung der Verfassungsmäßigkeit, des heiligen Gutes der britischen Freiheit. Dieser Streik ist ein Stundenschlag der sozialen Geschichte der Welt, eine Hauptschlacht im Klassenkampf hat begonnen, für alle Länder wird der Ausgang von historischer, von unauslöschlicher Bedeutung sein.

Anm: Der erste Generalstreik der britischen Geschichte wurde ausgerufen, nachdem Kohlarbeiter für weniger Lohn länger arbeiten sollten. Am 12. Mai erklärte ihn die Gewerkschaftsführung für beendet, obwohl es keine Zugeständnisse gab. Die Bergarbeiter streikten noch sieben Monate allein weiter, mussten den Kampf aber am 30. November abbrechen und die Arbeit zu den von den Mieneneigentümern diktierten schlechteren Arbeitsbedingungen wieder aufnehmen.

 

Irlands Aufständische kapitulieren

Der Anführer der Rebellen hat sich ergeben, Gebäude gleichen Trümmerhaufen.

Neue Freie Presse am 3. Mai 1916

Wie ein hiesiges Blatt meldet, erhielt die „Times“ von einem Augenzeugen eine Schilderung der Ereignisse in Dublin. Danach verließen Sonntag früh gegen 9 Uhr 500 Sinn Feiner als Gefangene die Hauptstadt. Die Leute sollen ganz demoralisiert gewesen sein, nur einige haben Uniformen getragen, die anderen haben sich in einem elenden Zustand befunden. Samstag abend war der Führer der Aufständischen, Pearce, nach dem Hauptquartier gegangen: er ergab sich bedingungslos. Sodann waren die Rebellen aus den zerstörten Stadtteilen zum Vorschein gekommen und aufgelöst worden. Sonntag früh wurde die weiße Fahne gehißt. Im medizinischen Kolleggebäude fand man, nachdem es erobert worden war, 200 Verwundete. In den letzten drei Tagen war die Lebensmittelversorgung schwierig; die Geschäfte waren entweder ausverkauft oder verbarrikadiert. Am Freitag konnte man kein frisches Fleisch erlangen. Die Rebellen wurden offensichtlich von Seiten der irischen Bevölkerung unterstützt. Die Haltung der Nationalisten war für die Rebellen eine bittere Enttäuschung. Nach der „Times“ sind verschiedene Fälle von entsetzlicher Wildheit bekannt geworden. Unschuldige Bürger wurden kalten Blutes niedergemacht, unbewaffnete Polizisten niedergeschossen, eines der schönsten Gebäude Irlands und das wichtigste Handelszentrum Dublins sind in Trümmer geschossen.

Anmerkung: Die ersten Anführer des „Osteraufstandes“ in Irland – militante Republikaner versuchten, die Unabhängigkeit von Großbritannien gewaltsam zu erzwingen – wurden von 3. bis 12 Mai 1916 im Kilmainham Gaol in Dublin erschossen. Unter ihnen ist auch Patrick Pearse – zu dessen Gedenken 1966 eine 10-shilling-Münze mit seinem Porträt geprägt wurde. Obwohl der Aufstand aus militärischer Sicht nicht erfolgreich war, gilt er als Wendepunkt in der irischen Geschichte, der letztlich zur Unabhängigkeit des Landes führte. Zur Erklärung des im Artikel verwendeten Begriffs Sinn Feiner: Sinn Féin ist eine irisch-republikanische Partei – und zwar die einzige, die sowohl im Norden als auch im Süden Irlands aktiv ist.

 

Erstmals endet der Maiaufmarsch blutig

Bei dem Massenzug im Wiener Prater wurden rund 50 Personen verhaftet, etwa 20 wurden verletzt.

Neue Freie Presse am 2. Mai 1896

Zum erstenmale, seit in Wien die socialdemokratische Mai-Feier durch einen Massenzug nach dem Prater begangen wird, kam es gestern zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, die schließlich auch das Einschreiten von Infanterie und Cavallerie nothwendig machten. Der Zusammenstoß erfolgte zuerst bei Swoboda's Gasthaus im Volksprater, welches von den Arbeitern kürzlich boycottiert worden war. Mehr als zwanzig Verwundungen, darunter solche sehr schweren Grades, konnten bis jetzt constatirt werden. Unter den Verletzten befinden sich auch die Polizei-Commissäre Leopold Schmidt und Victor Pichler. An fünfzig Personen wurden verhaftet. Hätten, wir ursprünglich beabsichtigt worden war, die Schulkinder in größerer Zahl an dem Marsche theilgenommen, dann wären die traurigen Folgen dieses Conflictes unabsehbar gewesen. Das trübe kühle Wetter und vielleicht noch die im letzten Augenblicke eingetretene Erkenntnis der Gefahren, welche Kindern bei einer solchen Gelegenheit drohen, brachten es mit sich, daß in dem Massenzuge Kinder nur ganz vereinzelt wahrgenommen werden konnten.

Anmerkung: Im Jahr 1890 wurde der 1. Mai von den Sozialdemokraten in Wien erstmals festlich begangen. Vormittags gab es in der Bundeshauptstadt etwa sechzig Versammlungen, nachmittags zogen mehr als 100.000 Arbeiter in den Prater. Es war die größte Kundgebung, die die Stadt bis dahin je erlebt hatte.

 

Der Tag des neuen Österreich

Zum zweiten Mal jährt sich der Tag, an dem Österreich seine neue Verfassung erhielt.

Neue Freie Presse am 1. Mai 1936

Sie (die Verfassung, Anm.) löste sich bewußt von allen Schablonen los, sie suchte mit eiserner Konsequenz die Grundlagen einer ständischen Organisation unter autoritärer Führung zu schaffen. Als das Werk vollendet war und im Bundesgesetzblatt erschien, da hielt Dr. Engelbert Dollfuß am 1. Mai 1934 eine Rede, die nachzulesen gerade jetzt von größtem Interesse ist. Der heutige Festtag, so erklärte der Kanzler, wird für alle Zeiten ein Gedenktag der österreichischen Geschichte bleiben. Er wird der Welt aufzeigen, wie eine Generation des österreichischen Volkes unter den schwierigsten Verhältnissen, in unsagbarer seelischer, politischer und wirtschaftlicher Not daranging, die Fehler nicht nur von fünfzehn, sondern von hundertfünfzig Jahren gut zu machen und der kleinen, aber freien und unabhängigen Heimat ein neues Haus zu errichten.

Was damals, als Dr. Dollfuß diese Worte sprach, bloß im Rohbau fertig war, ist mittlerweile weit gediehen; allerdings hat die berufsständische Organisation noch nicht ihre Vollendung erfahren, denn die schwere Arbeit mußte Schritt für Schritt vorgenommen werden. Doch Bundeskanzler Dr. v. Schuschnigg gab vor einigen Wochen in Klagenfurt die Versicherung, daß in diesem Jahre die Verwirklichung der tragenden Idee der österreichischen Konstitution um ein gewaltiges Stück nach vorwärts gebracht werden solle.

Anmerkung: Ab 13. März 1938 endete mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Eigenstaatlichkeit Österreichs. Bis 1945 galt die Verfassung des Deutschen Reiches.