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„Vor der Morgenröte“: Stefan Zweigs Weg durch die lange Nacht

Traurige Tropen: Stefan Zweig (Josef Hader) im Exil im brasilianischen Petrópolis, wo er sich in der Nacht zum 23. Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau Charlotte das Leben nahm.
Traurige Tropen: Stefan Zweig (Josef Hader) im Exil im brasilianischen Petrópolis, wo er sich in der Nacht zum 23. Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau Charlotte das Leben nahm.Filmladen

Maria Schrader hat die letzten Lebensjahre des weltberühmten Autors in „Vor der Morgenröte“ diskret und dadurch besonders eindringlich verfilmt, Josef Hader spielt die Hauptrolle filigran und mit tiefer Melancholie.

Das Ende ist bekannt: Anfang 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, ist der Star-Schriftsteller Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau, Lotte, geborene Altmann, im Exil im brasilianischen Petrópolis freiwillig aus dem Leben geschieden. Wie die deutsche Regisseurin Maria Schrader aber ihren Film „Vor der Morgenröte“ abschließt, indem sie eine Momentaufnahme am Tag danach in Szene setzt, die formalen Untersuchungen der Behörden und die einsetzende Trauer, ist meisterhaft. Keine Begleitmusik, sondern gemessenes Auftreten, Gemurmel und – Stille. Aus der Distanz und bloß als Reflexion sieht man die Toten, ehe die ersten Kondolenzbesuche eintreffen. Ein jüdisches Gebet wird gesprochen, dann betet ganz allein eine junge Haushaltshilfe auf Portugiesisch. Bei aller Lakonie, die meist auch in den fünf Episoden zuvor geherrscht hat, ist dies bewegend.

Schrader konzentriert sich in ihrer zweiten Regiearbeit auf die Zeit von 1936 (Zweig hat Österreich bereits zwei Jahre zuvor verlassen) bis 1942. Die „Welt von gestern“ ist längst untergegangen, die von Faschismus, Kommunismus und anderen Imperien dominierte neue Welt scheint im Begriff, ungeahnte zerstörerische Wirkung zu entfalten. Das ist zwar auch Thema hier, aber nur en passant, denn im Mittelpunkt steht die Lebensmüdigkeit Zweigs, der bald das sechzigste Jahr erreicht. Noch wird er seine Erinnerungen schreiben, ein Buch über Brasilien und die „Schachnovelle“. Er ist ein Autor von Weltbestsellern, ist rechtzeitig emigriert, hilft anderen bei der Flucht vor den Nazis, er wird überall gastfreundlich aufgenommen und umworben. Dennoch plagt diesen Heimatlosen die Schwermut. Josef Hader spielt die tiefe Depression dieser einsamen öffentlichen Figur fantastisch. Das Filigrane hätte Helmuth Lohner nicht besser machen können.

 

Diese exotische Version des Semmering

Zweig steht überall im Mittelpunkt, aber er wirkt dort verloren, verlassen fast, wären nicht Lotte (Aenne Schwarz spielt sie kongenial), die ihn bewundert und zugleich umsorgt, sowie seine erste Frau, Friderike, die nach der Scheidung für ihn noch immer Verständnis hat, ihm Hoffnung geben will. Barbara Sukowa ist nur in dieser zentralen Geschichte zu sehen. Sie macht einen ungeheuer starken Eindruck. Zweig besucht Friderike 1941 im bitterkalten New York City, es geht um Visa, für die er Freunden und Bekannten bürgen soll, um Krieg, Buchprojekte und Familiäres. Hier aber in der Intimität wird erstmals offenbar, wie verzweifelt dieser Mann bereits ist.

In den Szenen zuvor hat er tapfer Haltung bewahrt. Die erste zeigt einen diplomatischen Empfang in Rio de Janeiro. Dienstmädchen legen Hand an einen überbordenden, exotischen Blumenschmuck auf einer Tafel für vier Dutzend Leute, die Kellner nehmen Aufstellung, der Zeremonienmeister prüft letzte Details, dann öffnen sich auf sein Zeichen die Doppeltüren und die eleganten Gäste strömen herein. Alle Augen sind auf Zweig gerichtet, einen höflichen, dankbaren, traurigen Herrn, der lang nach Worten ringt. Auch bei einem PEN-Kongress in Buenos Aires fällt seine Zurückhaltung auf. Er wird bedrängt, sich gegen Deutschland unter den Nazis auszusprechen, doch das wäre diesem Pazifisten und Demokraten zu billig. Er wirkt in der Fremde sogar fremd unter denen, die um sein Wohlwollen bitten, besonders auch unter Journalisten, die ihm politische Statements abringen wollen.

Etwas entspannter sieht man Zweig in der überwältigenden Natur Brasiliens. Sie erinnert ihn an eine tropische Version des Semmering. Er stapft durch ein Zuckerrohrfeld, macht sich eifrig Notizen. Das Brasilien-Buch muss vollendet werden! In ganz seltenen Momenten kann er lächeln, lachen – etwa als er in der Provinz von einem Bürgermeister als „Doktor Zeig“ empfangen wird. Die lokale Kapelle spielt dilettantisch den „Donauwalzer“. Da fallen stille Tränen.

 

Ein allzu Ungeduldiger nimmt Abschied

Beinahe so etwas wie Glück sieht man, als Zweig zum Geburtstag, wenige Wochen vor seinem Tod, ein Hündchen geschenkt wird. Dieser dezente Literat ist auch als ein hilfreicher und durchaus herzlicher Mensch porträtiert, im Umgang mit Personal wie mit alten Bekannten, zum Beispiel einem Berliner Feuilletonisten (Matthias Brandt) in Petrópolis. Fast tröstend redet er ihm Brasilien schön, doch seine Augen verraten anderes. Die Umstände waren nicht gnädig für einen großen Weltbürger mit Hang zum Heimweh. In seinem Abschiedsbrief vom 22. Februar 1942 heißt es fast entschuldigend: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2016)