„Wir müssen Gas geben“

Werner Hoffmann, Ko-Initiator des Wiener Strategieforums.
Werner Hoffmann, Ko-Initiator des Wiener Strategieforums.Clemens Fabry
  • Drucken

Firmen sind weltweit herausgefordert, Game Changer zu sein. Österreich ist noch mit Versäumtem beschäftigt, wurde gestern auf dem Wiener Strategieforum klar.

Wien. Die gute Nachricht: Es gibt eine Wahrnehmung der politökonomischen Verhältnisse im Wirtschaftsstandort Österreich seitens ausländischer Unternehmen. Die nicht so gute: Man bleibt hinsichtlich der politischen Veränderungen abwartend. Der Schuss vor den Bug habe bei den Präsidentenwahlen wohl stattgefunden, meinte ein Vertreter eines deutschen Konzerns am Rand des Wiener Strategieforums gestern zur „Presse“: „Aber wie nachhaltig er wirkt, muss man erst sehen. Wenn jemand Bronchitis hat und zwei Wochen nicht raucht, ist er auch noch kein Nichtraucher.“

Mit Entwöhnung und Umgewöhnung könnte man auch das Thema des Forums auf der Wirtschaftsuniversität umreißen: Wie gestalten wir die Mobilität der Zukunft? Ist Digitalisierung ein Game Changer? Wie passiert disruptive Innovation? Und was muss Österreich tun, um mithalten zu können?

Neue Herausforderungen

Bezeichnend, dass das Gros der Referenten Vertreter von in Bayern beheimateten Weltkonzernen war. Ob Industrie, Infrastruktur, Mobilität – unter 4.0 wird hier nicht geredet. Aber nicht nur Steigerung der Produktivität durch die vierte industrielle Revolution sei der Wachstumstreiber der Zukunft, auch die zunehmende Population und die Urbanisierung, so Roland Busch, Vorstand von Siemens: Pro Vierteljahr würde weltweit die Bevölkerung der Niederlande (17 Mio.) in die Städte ziehen, was große Fragen für Mobilität, Versorgung und Infrastruktur aufwerfe. Schon heute seien die Städte für 70 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Einer von Siemens in Auftrag gegebenen Studie zufolge kosten Staus die Städte zwischen neun und 30 Prozent der Produktionsleistung.

Was für Siemens Quelle des Geschäfts ist, ist für die Volkswirtschaften eine Bremse. Und zwar nicht nur in Schwellenländern wie Indien, wo der 20-jährige Rückstand in der Infrastruktur gar inflationstreibend sei, so Busch: Selbst im wirtschaftlich starken Deutschland werde nicht ausreichend in Infrastruktur investiert, sodass wir bereits „von der Substanz leben“.

Bei BMW haben penible Analysen der sich verändernden Gesellschaft ein völlig neues Bild der künftigen Bedürfnisse ergeben und zu vielen Joint-Ventures – auch mit Start-ups – weltweit geführt, so Markus Schramm, Leiter der BMW-Konzernstrategie. Nicht nur künstliche Intelligenz und autonomes Fahren stehen im Fokus, auch die Auswirkungen der Share-Economy-Tendenz, neue technologische Spielregeln oder BMW connected – also eine Dauerbegleitung des Kunden, um von seinen Bedürfnissen zu lernen. „Es geht darum, Game Changer in disruptiven Zeiten zu sein“, so Schramm. Man weiß bei BMW nur zu genau, dass der neue Wettbewerb nicht innerhalb Europas, sondern mit anderen Weltzentren stattfindet und neue Spieler wie Tesla, Google oder Uber mitunter den Zeitgeist schneller treffen können sowie Konkurrenten auf dem Weg vom Car zum Smartcar sind: „Wir müssen Gas geben.“

Gusenbauers Gartenzwerge

Das müsse auch das in vielen Rankings zurückgefallene Österreich, weil es im globalen Vergleich alle machen, so Irene Fialka, Chefin des universitären Gründerservice IniTS. „Unsäglich schwer“ sei es in Österreich gewesen, einen Standort zu eröffnen, erzählt André Schwämmlein, Gründer des deutschen Unternehmens MeinFernbus, der mittlerweile Destinationen in 18 europäischen Staaten anfährt. Österreich ist vorerst mit dem Aufarbeiten einer Vergangenheit voller Versäumnisse beschäftigt, ehe es sich um die Zukunft kümmern kann, wurde auf dem Forum klar. „Gartenzwerge in Schrebergärten“ nannte Diskutant und Altkanzler Alfred Gusenbauer Österreichs wahre Entscheidungsträger in den Bundesländern und baut auf den neuen Kanzler Kern. Das hat auch Raiffeisen-Chef Karl Sevelda auf dem Podium überzeugt. Vom Entzug nach der Bronchitis sprachen die beiden indirekten Vertreter der Großen Koalition nicht.

AUF EINEN BLICK

Das Wiener Strategieforum an der Wirtschaftsuniversität wird jährlich vom Verein Austrian Strategic Management Society veranstaltet. Den Initiatoren Werner Hoffmann und Thomas Maidorfer geht es um die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis.

„Die Presse“ ist Medienpartner des Strategieforums.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2016)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.