In Moskaus Stall gehen die Pferde durch

(c) Reuters (Sergei Karpukhin)
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Die Exsowjetstaaten eint nur mehr der Zorn auf Russland. Die Wirtschaftskrise kriecht mit hoher Sprengkraft in die Risse, die sich zwischen den einstigen Sowjetrepubliken gebildet haben.

Moskau. Da saßen sie, an einem heißen Tag Ende Juli, wie die Ritter der Tafelrunde. Vor dem Zelt liefen die Pferde um die Wette. Vom Tisch aus konnte man das eigene anfeuern oder sich mit dem russischen Präsidenten austauschen. Informell, versteht sich – denn ein Abkommen kam nicht infrage, weil die Hälfte der Geladenen gar nicht erschienen war. Weißrusslands Präsident ließ ausrichten, dass er für Pferdeveranstaltungen keine Zeit habe, um sich dann zu Hause doch für ein Harley-Davidson-Treffen freizumachen. Der turkmenische blieb unentschuldigt fern, der kirgisische schob Wahlen vor. Den ukrainischen zog es noch weniger nach Moskau als den usbekischen. Und der georgische war nach dem Krieg mit Russland ohnehin aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ausgetreten.

Die Wirtschaftskrise kriecht mit hoher Sprengkraft in die Risse, die sich zwischen den einstigen Sowjetrepubliken gebildet haben. In den Jahren des Rohstoffbooms bremste noch der Magnet Russland die zentrifugalen Kräfte. Nun, da auch Russlands Wirtschaft angezählt ist, schwirren die Satellitenstaaten wie orientierungslose Planeten herum. Die Zahl der zwischenstaatlichen Konflikte steigt, ökonomisch driften die Länder auseinander. Es ist der Moment der Wahrheit für die GUS.

Kein Platz für Gastarbeiter

Als formaler Zusammenschluss hat die Gemeinschaft seit jeher nur mangelhaft funktioniert. Aber sie hat große Bedeutung als Geflecht wirtschaftlicher Abhängigkeiten, oft auch in Form intransparenter Preisprivilegien bei Öl und Gas oder illegaler Arbeitsmigration.

Die sinkenden Rohstoffpreise halbierten in Ländern wie der Ukraine, Aserbaidschan oder Kasachstan die Exporteinnahmen. Auch wenn Russland nicht der Auslöser der globalen Krise war: Der Rückgang der Überweisungen von Arbeitsemigranten und rückläufige Handelsvolumina hängen direkt mit dem alten Mutterland zusammen.

Wenn die Lokomotive bremst, hält auch der Zug. Nach vielen Jahren mit Wachstumsraten von über sieben Prozent erwartet Russland für 2009 eine Rezession seiner Wirtschaft um bis zu 8,5 Prozent. Damit liegt es sogar unter der Erwartung der Weltbank für die GUS-Staaten, die bei minus sechs Prozent liegt. Erstmals seit zehn Jahren dürften die Überweisungen aus Russland in die GUS-Staaten zurückgehen, um ein Viertel, wie die Weltbank schätzt.

Wenn in Russland selbst die Arbeitslosigkeit steigt, braucht es weniger Gastarbeiter. Über zehn Millionen waren es vor der Krise, heute ist nur noch die Hälfte von ihnen im Land. Ukrainer verdienten auf dem russischen Bau ein Vielfaches mehr als zu Hause. In Moldawien machten die Heimüberweisungen 34 Prozent des Budgets aus, in Tadschikistan 46 Prozent. Nicht nur in diesem Armenhaus der GUS wächst die Empörung darüber, dass Moskau seinen Arbeitsmarkt abschottet.

Tritte aus Moskau

„Was kriecht ihr in dieses Russland, wo man euch einen Tritt versetzt?“, herrschte der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko seine Minister Ende Mai an. Der Tritt besteht darin, dass Moskau die letzte Tranche eines Kredits über zwei Mrd. Dollar zurückhält, weil es die Zahlungsfähigkeit Weißrusslands infrage stellt. Lukaschenko spuckt Gift und Galle, boykottiert nicht nur Pferderennen, sondern auch überregionale Treffen mit russischer Beteiligung. Eben noch vom Westen als Diktator zurückwiesen, erhielt er vom Internationalen Währungsfonds 3,5 Mrd. Dollar mit der Auflage, die Privatisierung seiner Planwirtschaft fortzusetzen. Sogar mit dem Erzfeind USA will er die Handelsbeziehungen aktivieren.

Nicht nur Weißrussland streckt die Hand in neue Richtungen aus. Das arme Kirgisien nützt den Wettstreit zwischen den USA und Russland um die Errichtung militärischer Basen auf seinem Boden maximal für sich und lässt sich von beiden Seiten fett entlohnen. Russland zahlte 150 Mio. Dollar Finanzhilfe und stellte zwei Mrd. Dollar Kredite zur Verfügung.

Manche meistern die Krise auch im Alleingang. Es gibt sie nämlich, die Musterknaben unter den Sorgenkindern. Aserbaidschan etwa wird mit seinen Petrodollars 2009 gut drei Prozent wachsen. Und das bevölkerungsreichste zentralasiatische Land, Usbekistan, legte im ersten Halbjahr 2009 mit acht Prozent sogar ein höheres Wachstum hin als China. Angeblich wurden dort eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen. Die Daten stammen allerdings von der autoritären Regierung, Experten ziehen sie in Zweifel. Es sei wie zu Neujahr, wenn der Staatspräsident den Durchschnittslohn von 200 Dollar auf 350 Dollar zu erhöhen verspricht, meint Daniil Kislov, Chefredakteur der Internetzeitung Fergana.ru – auch wenn alle wissen, dass der staatliche Lohn selten 100 Dollar übersteigt.

Krisenfest durch Isolation

Dennoch: Auch der IWF bestätigt dem Baumwoll-, Gold- und Erdgasexporteur ein recht krisenfestes Dasein, weil das Land kaum in die Weltwirtschaft integriert ist. Ähnlich wie Turkmenistan, Europas Hoffnung als alternative Gasquelle zu Russland. Der isolierteste GUS-Staat hat Europa und China als neue Handelspartner ins Auge gefasst, weil mit Moskau der Haussegen schief hängt. Der bisherige Monopolabnehmer turkmenischen Gases hat wegen des hohen Preises und geringen Bedarfs im April weniger Gas entnommen, sodass die Pipeline in Turkmenistan explodierte. Kein Wunder, dass die Führung eines Landes berühmter Pferdezüchter dem Wettrennen in Moskau fernblieb.

Auf einen Blick

Die GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) fällt auch wirtschaftlich auseinander.
Moskau schickt Gastarbeiter in ihre Heimat zurück. Viele Länder suchen ihr Heil in einer Öffnung zum Westen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2009)

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