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Albanien – so nah bei Europa

Skadar-See Nationalpark
Skadar-See NationalparkImago
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Albanien versteckt sich schon lange nicht mehr hinter dem eisernen Vorhang. Es hat sich dem Tourismus geöffnet und wartet auf Gäste aus Europa. Eine Rundreise gibt einen Eindruck.

«Tirana! Tirana! Tirana!» ruft der Mann am Fußgängerstreifen. Hinter ihm steht der Bus, dessen Ziel er lautstark bekannt gibt. Fahrpläne gibt es in Albanien nur in Ansätzen, elektronische Anzeigen, Einsteigeperrons oder Sitzplatzreservationen gibt es nicht. Für die Überlandbusse, die die großen Distanzen überwinden, und die Minibusse, die Städte verbinden, gilt: Sie fahren, wenn sie voll sind. Man muss nur wissen, wo sie stehen. An den Sammelstellen stehen oft fünf Busse oder mehr, alle mehr oder weniger ersichtlich angeschrieben. Doch im allgemeinen Gewühl ist man froh, wenn man den Namen der Stadt, in die man will, schon von weitem hört.

Improvisationskunst

Das ist Albanien: Der marode öffentliche Verkehr, der durch privates Unternehmertum längst ersetzt wurde. Hier der Staat, dem das Geld für seine Aufgaben – Straßenbau, ÖV, Ver- und Entsorgung – fehlt, da die Improvisationskunst der Albanerinnen und Albaner, die sich bestens zu helfen wissen. Auch den Tourismus haben die vielen Privatunternehmen längst selbst organisiert. Da und dort so enthusiastisch, dass manches Hotel erstellt worden ist, bevor die Baubewilligung dafür vorlag. Doch sie machen Sinn, die Hotelbauten an den kilometerlangen Stränden von Durrës oder Vlorë an der Illyrischen Küste (Adria). Sie sind bedürfnisgerecht gebaut worden und bieten jeglichen Komfort, den man auch in Europa erwarten würde.

Entdecken mit Mietauto

Albanien ist ein Land, das noch zu entdecken ist. Am besten mit dem eigenen oder gemieteten Auto. Dazu muss man nur eines beachten: Die Straßen entsprechen nicht dem gewohnten Standard. Schlaglöcher oder schadhafte Brückenübergänge lauern überall. Doch darüber hinaus warten ungewohnte Ein- und Überblicke. Albanien ist knapp so groß wie Belgien, hat aber nur 2.8 Mio Einwohnende. Die Vermutung, das Land sei deshalb dünn besiedelt, trügt. Denn der Flecken an der Adria ist ein Bergland, wo viele Gegenden nicht bewohnbar sind. Kaum verlässt man die kilometerlangen Strände oder die Hauptstadt Tirana, findet man sich in einem Gebirgstal wieder.

Olivenhaine und Rebberge

In den Tälern und Abhängen der bis zu 2‘800 Meter hohen Berge floriert Albanien: Jeder Quadratmeter ist mit Olivenhainen oder Rebbergen überbaut. In den Flächen wird in kleinbäuerlicher Manier Getreide, Gemüse und Obst angebaut. Dazwischen, fast wie Mahnmale, stehen die verrottenden Bergwerks- und Metallkombinate aus der sozialistischen Zeit. Die Wirtschaft des Landes hat noch immensen Nachholbedarf, deshalb auch der ungestüme Wille der Bevölkerung, baldmöglichst in die EU aufgenommen zu werden. Der Markt hat die Annäherung bereits vollzogen. Der Euro ist Zweitwährung und der Kurs des albanischen Lek zum € hat jedes Kind im Kopf.

Vorurteile über Bord werfen

Reisende aus Mitteleuropa werden bald feststellen, dass man alle Vorurteile über Albaniens Einwohner vergessen kann. Man trifft auf äußerst gastfreundliche Menschen, denen meist nur das Mittel zur Kontaktnahme fehlt – die Sprache. Ländliche Albaner und Albanerinnen sprechen keine Fremdsprachen, nur in der Gastronomie der Städte hört man Sprachfetzen von Italienisch oder Englisch. Gestohlen wird in Albanien übrigens nicht mehr oder weniger als in anderen südlichen Ländern. Die Bevölkerung scheint – aus europäischer Warte gesehen – arm, das Preis- und Lohnniveau ist sehr tief. Doch mit traditioneller Selbstversorgung und etwas Schattenwirtschaft weiß sie sich zu helfen.

Traditionelle Speisen

Der Blick in liebevoll bewirtschafteten Landstriche beweist es: Ein fruchtbares Land. Die albanische Küche ist zwar nicht als herausragend bekannt, doch gute, währschafte und traditionelle Speisen gibt es in jedem Restaurant. Zur Not ist auch der Grillspieß – Kebap – oder die Pizza an fast jeder Ecke präsent. Auch auf Alkohol muss der westliche Genießer nicht verzichten. Es gibt hervorragende Biere und Weine aus heimischer Produktion, und zwar trotz des Umstands, dass 80 Prozent der Albanerinnen und Albaner Muslime sind.

Längst überwundene Zeiten

Am Ende der Tour durchs Land landet der neugierige Tourist in Tirana. Ihn erwartet ein farbenfreudiges Stadtbild mit moderner Architektur wie auch Zeugen aus der Zeit des Sozialismus. Die die im ganzen Land verstreuten «Hoxha-Bunker» zeugen auch in der Hauptstadt von längst überwundenen Zeiten. Museen, Oper, Wolkenkratzer, Kirchen und Moscheen – Tirana hat das ganze Programm. Hunderte von Shops und Läden bieten günstige Mode, Kleider, die auch nach Italien exportiert werden und dort doppelt so teuer sind. Im Quartier «Blokka», dem einstigen Wohnquartier der Nomenklatura, findet heute das Nachtleben statt. Hier ist Tirana mit trendigen Bars und Beizen längst im 21. Jahrhundert angekommen – nur ist hier alles um die Hälfte günstiger als in EU-Südeuropa.

TREKKING IN ALBANIEN

Veranstalter

Die beschriebene Reise dauert neun Tage und führt von Montenegro nach Albanien und vom Skadar-See zurück nach Montenegro. Start- und Schlusspunkt ist Podgorica. Kondition und Trittsicherheit sind erforderlich, die Gehzeiten betragen zwischen drei und acht Stunden am Tag. Das Gepäck wird transportiert. Termine 2016: 25. 6.–3. 7., 20. 8.–28. 8., Hauser Exkursionen, +49/89/235 00 60, hauser-exkursionen

Reiseführer und Karten

Christian Zindel/Barbara Hausammann „Nordalbanien, Thethi und Kelmend“, Huber 2011

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2016)

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