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Trekking: In einem Gebirge vor unserer Zeit

WANDERN IN ALBANIEN
WANDERN IN ALBANIENImago
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Bei einem Trek in den nordalbanischen Alpen trifft man jede Menge Überlebenskünstler – alte Schäfer, Nik, einen Unternehmer, oder Pjeter, der auswanderte und zurückkehrte, um in den Bergen eine Bar aus Holz zu eröffnen.

Das ist kein angerosteter Schlagbaum, da wartet kein schwitzender Grenzbeamter, da wachen keine schnauzbärtigen Kalaschnikow-Träger, die die Wanderer misstrauisch beäugen. Lediglich ein umgestürzter Steinblock mit der verwitterten Aufschrift RPSSH, sozialistische Republik Albanien, deutet darauf hin, dass auf dieser windigen Ebene in 1200 Metern Höhe die Grenze zwischen Montenegro und Albanien verläuft. Mitten durch das Prokletije-Gebirge führt sie, das auf montenegrinischer Seite Verwunschene Berge, auf der anderen Albanische Alpen heißt – eine der unbekanntesten und unzugänglichsten Regionen Europas.

Unter tief hängenden Wolken ragen graue Zinnen und Zacken empor, der Wind rauscht von den Sieben Türmen, hoch ragt der Arapi, das Matterhorn des Balkans. Manche der Kalksteinwände sind zerschrammt, als hätte eine Gruppe Riesenkatzen ihre Krallen daran geschärft. Andere liegen da wie Tortenstücke, auf die der Teig Schicht für Schicht aufgetragen wurde.

Über einen steilen, aber gut markierten Pfad geht es hinunter ins Tal von Thethi. Nik, der albanische Führer, begrüßt Prek Harusha, einen schwarz verbrannten Bartträger mit einer Stimme wie aus dem tiefsten Raki-Keller. Bei ihm übernachteten schon vor 50 Jahren gelegentlich albanische Bergsteiger. Vor acht Jahren aber begann die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, in Thethi den Tourismus professionell zu entwickeln: Sie ließ Wanderwege markieren, erstellte eine Karte und gab einigen Familien Kredite, damit sie WCs einbauen und Möbel anschaffen konnten.

Holzschindeldächer

Prek nutzte die Chance und hatte Erfolg. Heute wartet ein geräumiges neues Haus im traditionellen Stil auf Gäste. Das steile Dach ist mit Holzschindeln gedeckt, spitze Erker ragen in zwei Reihen daraus hervor. Das Innere, ganz in Holz gehalten, strahlt eine warme Atmosphäre aus. Zum Abendessen tragen die beiden Töchter Nudeln, Kartoffeln und Lamm auf den Tisch im Freien. Dazu gibt es Börek, Teigtorte mit Käse und Ei, Joghurt und frische Tomaten. Von den Berghängen funkeln Lichter in die Nacht: Nach Wochen der Trockenheit flammen immer mal wieder Waldbrände auf, ersticken aber glücklicherweise meist bald.

Gäste- statt Wohnhäuser

Am Lagerfeuer erzählt Nik, der sich selbst im Umgang mit Gästen ein ausgezeichnetes Englisch beigebracht hat, von der Korruption im Land, von desillusionierten, aber auch zum Durchhalten entschlossenen Jugendlichen und von den Hoffnungen, die viele mit dem wachsenden Tourismus verbinden. 20.000 Menschen lebten einst im Tal, heute wohnen noch rund 15 Familien das ganze Jahr hier. Viele von denen, die abgewandert sind, kommen aber für den Sommer zurück. Aus den ursprünglich zehn Gästehäusern sind inzwischen doppelt so viele geworden. Am nächsten Morgen führt ein Spaziergang durch das Dorf. An der katholischen Kirche, 1872 erbaut und 2006 von US-Albanern restauriert, reicht ein älterer Mann Nik zur Begrüßung den Maiskolben, an dem er gerade kaut. Der dankt – und nimmt ganz selbstverständlich ein paar Bissen. Es ist, als wäre man in eine andere Zeit getreten. Männer mähen mit der Sense, Frauen ganz in Schwarz holen in Kannen Wasser, zwischen steinigen Wiesen und Heuhaufen erheben sich schmale, hohe Häuser aus Feldstein.

Und es gibt echte Sehenswürdigkeiten ganz in der Nähe: Von der Höhe rauscht der Grunasi-Wasserfall. Im Blauen Auge, einem verträumten See, kühlt ein Bauer Cola und Bier für verschwitzte Wanderer. Und in der Schlucht von Nderlysa hat der Schwarze Bach den Kalkstein so ausgefressen, dass die roten Felsen sich reihen wie Knochen auf einem Saurierfriedhof. Der Turm der Blutrache erinnert an eine Tradition, die beinahe zum Synonym Albaniens wurde. Hatte ein Mann – oder sein Vater, Bruder, Sohn – einen anderen getötet und musste die Rache der Verwandten fürchten, konnte er hierher flüchten und hoffen, dass ein Vermittler Wege fand, den Streit durch Geld beizulegen. Geregelt ist dies alles im Kanun, dem Rechtssystem, das jahrhundertelang das Zusammenleben im Bergland bestimmt. Ehre, Gastfreundschaft und Verlässlichkeit stehen im Mittelpunkt des Gesetzeswerks, aber eben auch „Blut für Blut“, damit die Seele des Opfers in Frieden gehen konnte.

Kathedrale aus Buchen

Auch heute noch müssen sich in Albanien junge Männer verstecken, weil sie um ihr Leben fürchten. Mit Tradition habe das meist nichts zu tun, sagt Nik: „Die Menschen in den Städten kennen den Kanun doch gar nicht. Das Etikett Blutrache dient nur dazu, ordinäre Verbrechen zu verbrämen.“ Durch Geröll geht es anderntags bergauf, die Wand des Arapi schimmert in der Morgensonne wie geschmolzenes Zinn. Blaues Licht fällt schräg zwischen uralte Baumriesen, in die Generationen von Bergbewohnern ihre Initialen geritzt haben. Fast ehrfurchtsvoll wandert man durch die Kathedrale aus knorrigen Buchen, die mit grauen Flechten bewachsen sind. Endlich ist der Pass zum Tal von Valbona erreicht. Tief unten windet sich ein strahlend weißes Flussbett. Weithin breiten sich Schotter, Split, Geröll. Nik zählt die Gipfel ringsum auf. Benannt wurden sie nach den acht Teilnehmern einer Hochzeitsgesellschaft, die in einem Schneesturm erforen, nachdem sie, wie es Brauch war, die Braut aus dem Nachbartal abgeholt hatten: Maja, Alijes, Qafa e nuses . . .

Zwei alte Schäfer sind mit ihren Enkeln unterwegs. Sie wollen höher hinauf, um Schnee auf einem Gipfel zu finden und ihn dann mit Beeren und Zucker zu Eis zu mischen. Weiter unten hat Pjeter Gjelaj mit seinem Onkel aus groben Stämmen eine Bar zusammengezimmert. Während er starken türkischen Kaffee kocht, erzählt der 35-Jährige lachend eine dieser exemplarischen albanischen Lebensgeschichten von heute: Vor zehn Jahren reiste er über Mazedonien, Madrid und die Dominikanische Republik nach Cancun in Mexiko, wanderte zu Fuß illegal nach Texas ein, kam ins Gefängnis, erhielt politisches Asyl und arbeitet fünf Jahre in New York auf dem Bau. Doch schließlich zog es ihn zurück in die Heimat. „Ich bin ein Mensch, der alle anderen glücklich sehen will“, sagt Pjeter in breitestem Amerikanisch. „Daher mache ich jetzt mit meinem Onkel diese Bar hier.“

WANDERN IN ALBANIEN

Einreise: 6 Monate gültiger Reisepass genügt

Hotel Colosseo ist modern und sauber und liegt mitten Im Zentrum von Shkodra, DZ 65 Euro. 13 Djjetori, +355/222/47514, colosseohotel.com

Hotel Mirash Lamthi im Valbone-Tal ist ein Neubau im Rohzustand, der trotzdem schon genutzt wird. Ausgezeichnet die Küche, besonders der Börek, der als große Torte auf den Tisch kommt. Valbone, Tropoje, Tel.: +355/67 20 18 009, burimivalbones.com (DZ 40 Euro)

Restaurant und Hotel „Tradita“ ist zugleich ein kleines Museum. Speisen im Garten, Übernachten in historisch eingerichteten Zimmern. Rr. Edit Durham 4, Shkoder, Albanien, Tel.: +355 2280 9683, info@traditagt.com, www.traditagt.com (DZ 50 Euro)

Restaurant „Cocja“ bietet von der Pizza über Nudelgerichte bis Fisch ein breites Speiseangebot zu erschwinglichen Preisen. In der Vila Bekteshi , Rr. Hasan Riza Pasha, Shkodra, Tel.: +355 22 240 799

Reiseführer und Karten: Christian Zindel/Barbara Hausammann Wanderführer Nordalbanien, Thethi und Kelmend , Huber 2011. Wanderkarte „Nordalbanien - Thethi und Kelmend, Huber Renate Ndarurinze Albanien , Trescher 2012

Veranstalter: Die beschriebene Reise dauert neun Tage und führt von Montenegro nach Albanien und am Skadar-See zurück nach Montenegro. Start- und Schlusspunkt ist Podgoriza. Im Reisepreis von 1695 Euro sind Hin- und Rückflug enthalten. Kondition und Trittsicherheit sind erforderlich, die Gehzeiten betragen zwischen drei und acht Stunden am Tag. Das Gepäck wird transportiert. Termine 2016: 25. 6.-3. 7., 20. 8.–28. 8., Hauser Exkursionen, +49/89/235 00 60, info@hauser-exkursionen.de, www.hauser-exkursionen.de

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2016)

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