Fantastische Reise zum Amazonas

The Encounter
(c) Wiener Festwochen

Grandioses Theaterereignis aus London: Simon McBurneys Schauspiel „The Encounter“ beweist, dass wahre Abenteuer doch meist im Kopf sind.

Ungewöhnlich früh gab es bei einer Premiere der Wiener Festwochen am Donnerstag Einlass. Bereits gut 20 Minuten vor Beginn von „The Encounter“ durfte das Publikum die HalleE betreten. Das hatte einen triftigen Grund. Für jeden Besucher in dem ziemlich dunklen Saal werden Kopfhörer bereitgestellt und Instruktionen für die Benutzung gegeben. Die Bühne ist seltsam ausgestattet: Vorn ein Tisch mit Bürosessel, Mikrofonen und einer Tüte mit Chips, überall Wasserflaschen, Lautsprecherboxen, die Rückwand sieht aus wie der Schallschutz eines Tonstudios. Sie wird später zum Screen für psychedelisches Farbenspiel, die Folie für eine Traumwelt.

Im Zentrum aber steht ein binauraler Kunstkopf, den man für eine Aufnahmetechnik verwendet, die beim Hörer einen ungewöhnlich plastischen Eindruck vom Raum erweckt, besonders, wenn man die Augen zumacht. Und bald schon, nach einigen lockeren, familiären Scherzen und der Bitte, die Mobiltelefone abzuschalten, fordert der Regisseur und Solodarsteller Simon McBurney, assistiert von unsichtbaren technischen Helfern, das Publikum dazu auf, die Augen zu schließen. Denn nun nimmt er es auf eine Abenteuerreise an den Amazonas mit. Die wahren Abenteuer sind im Kopf.

 

Bläst der Nachbar dir wirklich ins Ohr?

Diese zweistündige „Begegnung“, die sich auf das Hören konzentriert, aber alle Sinne und starke Empathie weckt, wird zu einem wunderbaren Erlebnis. McBurney schafft ein Theaterereignis. Er lässt Moskitos surren, Blätter rauschen, unbekannte Tiere brüllen, kreischen oder schnurren, Flugzeugmotoren brummen. Und schon der erste Schock: Jemand bläst dir von rechts hinten ins Ohr. Ein anarchischer Sitznachbar, der allzu intim wird? Nein, alle Zuseher haben diese Erfahrung, ganz individuell und doch im Kollektiv. Man spürt rundum Reaktionen auf dieses Flüstern. Wer nun doch blinzelt, sieht, wie McBurney vorn in den Kunstkopf bläst. Das Rascheln? Ein Sackerl. Das Rauschen? Lose Tonbänder, Wasser. Wie ein Wirbelwind fegt der Schauspieler über die Bühne und zündet ein Feuerwerk an Hörerlebnissen, auch unter Zuhilfenahme kleiner Boxen und seines Smartphones. er allein hat es parat, telefoniert zum Schein mit seiner siebenjährigen Tochter in England. Sie schreckt angeblich mehrfach aus dem Schlaf, während ihr Vater spätabends an dieser Produktion arbeitet. Er gibt ihr zu essen, zu trinken, erzählt ihr kleine Geschichten. Das reißt uns aus dem imaginären Regenwald, aber nicht ganz. Diese sehr persönlich gehaltenen, raffinierten Zwischenspiele geben der Einbildung nur eine neue Dimension. Alle im Saal sind nun Kinder, alle wissen, dass der Jaguar, der hier ganz in unserer Nähe faucht, gar nicht da ist. Und trotzdem kann man ihn spüren.

Die Geschichte aber, die McBurney erzählt, geht unter die Haut. Seine Vorlage ist ein Roman des rumänischen Autors Petru Popescu, der in „The Encounter. Amazon Beaming“ 1991 die wahre Geschichte des Fotografen Loren McIntyre erzählt. Für den „National Geographic“ reiste dieser 1969 zu den Quellen des Amazonas, er kam dort im Dschungel mit Angehörigen des völlig zurückgezogen lebenden Volkes der Mayoruna in Kontakt und ging dabei auch verloren.

 

Auf dem Weg zurück zum Ursprung

Diese Begegnung wirft existenzielle Fragen auf, sie erzeugt Ängste. Wie kommuniziert man ohne gemeinsame Sprache? Was ist Zeit? Sind Traum und Wirklichkeit tatsächlich immer zu unterscheiden? Mit den Indigenen begibt sich McIntyre zurück zum Ursprung, spürt mit dem Schamanen Barnacle der „alten Sprache“ ohne Worte nach. All die Geschichten zaubert McBurney souverän herbei – rennend, schwitzend, keuchend, brüllend. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, die indirekte Begegnung mit vom Untergang bedrohten Kulturen. Am Ende kommt die Moral. Abgekämpft, wirbt er um Verständnis, auch um Hilfe für den Erhalt kostbarer Amazonas-Reservate, er wendet sich gegen die Ausbeutung der Natur. Zumindest hallt diese Botschaft für Sensible noch lang nach.

Noch zwei Termine von „The Encounter“ bei den Wiener Festwochen: 4. und 5. Juni, 19.30 Uhr, in der Halle E im Museumsquartier. Ein Gastspiel von Complicite, London, von und mit Simon McBurney, Koregie Kirsty Housley, Bühne: Michael Levine, Sound: Gareth Fry, Pete Malkin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2016)