Die Streichung der Digitalbank ist die erste größere Änderung, die Vorstandschef Cryan an der im Oktober verkündeten Strategie der Deutschen Bank vornimmt.
Die Deutsche Bank beerdigt ihre Pläne für den Aufbau einer neuen Digitalbank. Das Management wolle dafür derzeit kein Geld in die Hand nehmen und sich lieber auf den Umbau vom Deutschlands größtem Geldhaus konzentrieren, erklärte Vorstandschef John Cryan am Montag in einer E-Mail an die Mitarbeiter, die der Nachrichtenagentur Reuters exklusiv vorlag. Es handelt sich dabei um Cryans erste größere Änderung an der im vergangenen Jahr verkündeten Strategie 2020, die viele Investoren nicht überzeugt hat.
Die Bank hatte im Oktober angekündigt, dass Henry Ritchotte aus dem Vorstand des Geldhauses ausscheidet und sich mit einem kleinen Team um den Aufbau einer Digitalbank kümmert. Ritchotte habe einen "exzellenten Entwurf für die Einführung eines digitalen Bank-Angebots in den USA entwickelt", erklärte Cryan. Das Institut wolle dafür jedoch keine Ressourcen aufbringen und sich lieber auf die Kern-Strategie konzentrieren - die Verbesserung der IT-Infrastruktur und der Angebote für die Kunden. Einige Ideen, die Ritchotte mit seinem Team erarbeitet habe, sollten jedoch in anderen Bereichen der Bank umgesetzt werden. "In den kommenden Wochen werde ich mit Henry darüber diskutieren, in welchen Geschäftsbereichen sein Team künftig eingesetzt werden kann." Zur Ritchottes Zukunft äußerte er sich nicht.
Der Amerikaner arbeitet seit 1995 für die Deutsche Bank. Ex-Chef Anshu Jain holte ihn 2012 in den Vorstand, wo er zunächst für das operative Geschäft zuständig war. Im Mai 2015 übernahm er dann auch noch die Rolle des Chief Digital Officers. Heute zählt er zu den prominentesten Vertretern von "Anshu's Army", die nach dem personellen Umbau Ende vergangenen Jahres noch für die Frankfurter Bank arbeiten.
Ritchotte spreche sieben Sprachen und sei stets offen für neue Entwicklungen, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person Reuters. "Er ist ein pfiffiger Typ und war somit genau der richtige Mann für dieses Projekt." Ziel des Geldhauses sei es gewesen, abseits des Kernmarktes Deutschland einen "Prototypen für die Bank der Zukunft" zu entwickeln. Es habe sich dabei von der polnischen Commerzbank -Tochter mBank inspirieren lassen. Diese bringt viele neuartigen technologischen Angebote auf den Markt. Wenn sie sich bewähren, führt Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus sie konzernweit ein.
Doch bei der Deutschen Bank scheiterte das Projekt schließlich am Sparkurs von Cryan, der seit knapp einem Jahr an der Spitze des Geldhauses steht. "Es gab ein Kräftemessen zwischen den Plänen von Ritchotte und den Prioritäten von Cryan - den Laden auszumisten", sagte die mit dem Vorgang vertraute Person. "Das Aus für das Projekt hat sich abgezeichnet." Cryan will die IT-Systeme der Bank stärken, Kosten drücken und große Rechtsstreitigkeiten mit Vergleichen aus der Welt schaffen.