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Winding Refn: „Hollywood braucht Leute wie mich nicht“

„Ich komme aus der Zukunft, und ich mache Filme über die Zukunft.“
„Ich komme aus der Zukunft, und ich mache Filme über die Zukunft.“(c) APA/AFP/LOIC VENANCE
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Der neue Skandalregisseur aus Dänemark: Nicolas Winding Refn zeigt in seinem Film „The Neon Demon“ dunkle Begierden. Am Rande der Premiere in Cannes sprach er über Schönheitswahn, Impulsivität und Kannibalismus.

Lars von Trier kann einpacken, Dänemark hat einen neuen Skandalregisseur: Nicolas Winding Refn, seit seinem stylish-brutalen Ryan-Gosling-Vehikel „Drive“ Dauergast in Cannes, wo seine radikal ästhetisierten, fetischistischen und manchmal recht kryptischen Arbeiten verlässlich die Meinungen spalten. Wie auch sein neuestes Werk „The Neon Demon“: Darin spielt Elle Fanning die unbedarfte Jesse, die nach Los Angeles geht, um Model zu werden – und flugs in einen Mahlstrom aus dunklen Begierden gerät, in dem skrupellose Fotografen, kannibalistische Konkurrentinnen und unheimliche Mächte sich nach ihrer Schönheit verzehren. Als Parabel über die Schattenseiten der Modeindustrie ist „The Neon Demon“ vielleicht ein wenig plakativ, als audiovisuelles Gesamtkunstwerk beeindruckt der Film. Die düster-intensive Bildsprache sorgt im Verbund mit dem eindringlichen Synthesizer-Soundtrack von Cliff Martinez für eine hypnotische Atmosphäre.


Die Presse: Ihre Filme sind bekannt dafür, dass sie polarisieren. Kalkulieren Sie das inzwischen mit ein?

Nicolas Winding Refn: Ich bin kein politischer Filmemacher. Ich überlege mir nicht: Wenn ich dieses oder jenes mache, wird das diese oder jene Reaktionen hervorrufen. Auch die Kriterien „gut“ und „schlecht“ interessieren mich nicht. Ich mache Kino, das ich selbst gern sehen würde. „The Neon Demon“ verschränkt Modernismus mit Klassizismus. Das behagt manchen Leuten nicht, die sich vor der Zukunft fürchten. Aber ich komme aus der Zukunft, und ich mache Filme über die Zukunft. Um das tun zu können, muss man sich von Konventionen und Normen befreien. Sich immer wieder aufs Neue fordern. So wie Lou Reed in seiner Entwicklung von „Transformer“ zu „Metal Machine Music“.


„The Neon Demon“ zeichnet ein sehr düsteres Menschenbild. Sehen Sie die Zukunft so negativ?

Nein, ich weise nur darauf hin, dass jede Entwicklung ihre Vorzüge und ihre Nachteile hat. Ich denke, dass die digitale Ära unserem Schönheitswahn eine ganz neue Spielwiese eröffnet hat. Sie ermöglicht uns, einander per Mausklick im Unerreichbaren zu spiegeln. Zugleich schrumpft die Lebensdauer von Schönheit. Jugend ist Trumpf. Über diese Dinge wollte ich einen Horrorfilm machen. Die einzige Möglichkeit, mit der Zukunft umzugehen, ist, sie zu akzeptieren. Die Entwicklung ist zweischneidig, genau wie die Kunst. Kunst kann die Gesellschaft nicht reparieren, nur spiegeln. Das gilt auch für das Kino. Die Kinoindustrie wird heute zu 99 Prozent von Hollywood kontrolliert, weil man dort eine Formel gefunden hat, die so lukrativ ist, dass man nichts anderes mehr braucht. Man braucht keine Kritiker mehr, man braucht Leute wie mich nicht mehr. Aber die Gegenkultur hat dank der Digitalisierung neue Ausdrucksmöglichkeiten.


Ihr Film besteht fast nur aus kraftvollen, ausdrucksstarken Bildern. Wie erarbeiten Sie die visuelle Ebene?

Ich verwende keine Storyboards. Wir arbeiten mit einem eingeschränkten Budget, ich muss also sehr genau sein. Die Einstellungen werden am Set entwickelt. Das Tolle an „Neon Demon“ war, dass ich so viele schöne Frauen fotografieren durfte.

Sie sprechen von der Zukunft, aber in gewisser Hinsicht scheinen Ihre neueren Filme mit ihrer bildstarken Erzähltechnik fast einer früheren filmhistorischen Periode anzugehören.

Ich orientiere mich nicht an der Vergangenheit, bloß an den Ursprüngen des Kinos als Kunstform – Bild, Ton und Musik –, um daraus etwas Neues zu schaffen.


Musik spielt eine sehr vordergründige Rolle für die Atmosphäre Ihrer Filme. Haben Sie schon vor dem Dreh eine musikalische Struktur im Kopf?

Ich nutze Musik während der Entwicklungsphase, aber genauso beim Dreh – bei den Dreharbeiten zu „The Neon Demon“ haben wir sehr viel Giorgio Moroder gehört, was den Film eindeutig geprägt hat.


Man hört, Sie haben das Finale Ihres Films im Zug des Drehs verworfen und quasi aus dem Stegreif ein neues geschrieben?

Ich drehe meine Filme immer chronologisch, von Anfang bis Ende, weil es mir die Möglichkeit gibt, so instinktiv wie möglich zu handeln. Ich finde Kreativität umso befriedigender, je impulsiver sie ist. Ursprünglich hätte es einen klaren Antagonismus zwischen Elle Fannings Hauptfigur und der von Jena Malone gespielten Visagistin geben sollen. Diese habe ich zunächst in drei Figuren aufgespalten, aber auf halber Strecke habe ich diese Entscheidung revidiert, was das Finale natürlich verändert hat. Es war wie im freien Fall. Wenn man linear dreht wie ich, mutiert alles ständig, wie eine Skulptur oder ein Gemälde, ein Roman oder eine Jam-Session. Das ist natürlich beängstigend, weil man einen Zusammenbruch nie ausschließen kann. Aber gleichzeitig wirkt diese Angst vor dem Kollaps wie ein Treibstoff für die Kreativität.


In Ihrem Film kommt Kannibalismus vor. Was hat Sie daran fasziniert?

Kannibalismus an sich finde ich nicht provokant. Kannibalen tummeln sich seit Jahren im Kino, „The Walking Dead“ läuft heutzutage im Abendprogramm. Interessant ist, wer oder was gegessen wird. Etwas an dem Gedanken, das Schönheit sich an Schönheit labt, finde ich berauschend, weil es urtümliche Instinkte anspricht.


Dominiert im Kino der männliche Blick auf weibliche Schönheit?

Natürlich ist die Mehrheit der Regisseure männlich, aber ich finde, man macht es sich zu leicht, wenn man eine derart allgemeine Schlussfolgerung daraus zieht. Beschäftigt man sich mit Mythologie, merkt man, dass Frauen meist als schön und Männer als kraftvoll charakterisiert werden – das ist zwar oberflächlich, aber diese Archetypen sind seit Ewigkeiten etabliert.


Gab es einen prägenden Film, der in Ihnen den Wunsch geweckt hat, Regisseur zu werden?

Als ich 14 war, sah ich Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ in New York – es war das erste Mal, dass ich Kino als eine Kunstform wahrnahm. Bis dahin kannte ich nur Studioware, und plötzlich war da ein außergewöhnlicher Film, fast ohne Struktur, ohne richtiges Ende, ein Bilderfluss. Ich wusste sofort, dass ich etwas Ähnliches machen wollte.

Am Mittwoch, den 8. Juni, feiert der Film in Anwesenheit des Regisseurs Premiere im Wiener Gartenbaukino. Regulärer Filmstart ist am 23. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2016)