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Roman "Inherent Vice": Ein Marlowe mit Marihuana

(c) Fox
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Thomas Pynchon, der große Unbekannte der US-Literatur, überrascht mit „Strandlektüre“: ein ganz normaler, nur etwas psychedelischer Krimi vom Poeten der Paranoia. Sehr amüsant, aber nicht sehr aufregend.

Das Schild an der Tür des Detektivbüros verspricht „LSD Investigations“. Die Abkürzung sei zwar völlig unverfänglich („Location, Surveillance, Detection“), versichert der Inhaber der Detektei, ein kleiner, 29-jähriger Hippie-Typ namens Larry „Doc“ Sportello. Aber nichts prägt seine Ermittlungen – und seine häufigen Abschweifungen davon – so sehr wie sein ausgiebiger Konsum von Joints. Schließlich hätte ja auch Sherlock Holmes die ganze Zeit gekokst, das hätte ihm geholfen, die Fälle zu lösen, meint Doc – um dann mit ungläubigem Schrecken zu vernehmen, dass es Holmes nie gegeben hat: „Seine Londoner Adresse ist doch echt!“

Investigatives Genie, so viel ist da schon zu erahnen, wird nicht unbedingt das sein, was Docs Abenteuer besonders macht. Dagegen spielen Realitätsverlust und Drogenhumor Schlüsselrollen – womit sich „Inherent Vice“, der siebte Roman von Thomas Pynchon, nahtlos ins Werk dieses großen Unbekannten der US-Literatur einfügt. Im Klappentext, wieder ganz im Stil des abgetauchten Autors gehalten, wird zwar ein „ungewohntes Genre“ versprochen, doch auf den Detektivroman hat Pynchon schon oft und gern zurückgegriffen, in monumentalen Büchern wie „Die Enden der Parabel“ oder zuletzt 2006 in „Gegen den Tag“ mit ihren barocken Variationen-bis-Parodien von allen möglichen literarischen Formen.

 

Ätschbätsch, Exegeten!

Die manchmal himmelschreiende, manchmal hintersinnige, meist hochkomische Spielerei mit populären Genres dient Pynchon üblicherweise als Würze. Doch in „Inherent Vice“ serviert der sonst so ambitionierte Schriftsteller den Krimi als Hauptgericht. Mit den Erwartungen der Leser und des Kulturbetriebs hat der Autor immer wieder gebrochen. Diesmal tut er es, indem er sich mehr oder weniger an die Regeln hält: ein ganz normaler Detektivroman – ätschbätsch, Exegeten! „Strandlektüre“ ist weltweit das Schlüsselwort der ersten Kritiken.

Von der ersten Szene folgt Docs Weg bewährten Mustern: Da taucht seine (glamourös gewordene und noch immer attraktive) Ex auf: Ihr neuer Liebhaber ist verschwunden, ein unerwartet philanthropisch gewordener Immobilientycoon. Eine Verschwörung der Mächtigen zeichnet sich ab, jedoch nur vage: Ein Schiff namens „The Golden Fang“ scheint eine Schlüsselrolle zu spielen – oder ist bloß ein Steuertrick von Zahnärzten. Die von Pynchon prinzipiell favorisierte Ungewissheit in diesen Dingen wird von Docs durch substanzbedingte Halluzinationen und generelle Laschheit beeinträchtigten Nachforschungen sicher nicht behindert.

Sie bieten dafür einen hervorragenden Aufhänger für Spezialitäten des Schriftstellers: Doc wird Zeuge absurder Vorkommnisse, absurder TV-Programme („Godzilligan's Island“), tauscht absurde Theorien mit absurd benannten Bekannten. Die Markenzeichen von Pynchon sind alle da: Seine Kollektion wahnwitzig wortspielender und krank klingender Namen wird etwa um Zigzag Twong und den Dealer „El Drano“ erweitert, natürlich gibt es lustige Liedtexte, und die sarkastischen Dialoge in Hardboiled-Manier liegen ihm: Seine Figuren führen ohnehin (immer) den gleichen Schmäh.

 

Verlust von gegenkulturellen Utopien

Amüsant ist das meistens sehr, aufregend nicht ganz so: „Inherent Vice“ wirkt wie eine Fußnote zu Pynchons Roman „Vineland“ von 1990, mit dem er ein paar Schauplätze und Nebenfiguren teilt. Dort wurde die Frage gestellt, was in den Reaganomics-Achtzigern von den gegenkulturellen Utopien der Sechzigerjahre übrig blieb. Diesmal zerfallen sie schon wie nebenbei: Charles Mansons Gang hat gemordet, ist noch nicht verurteilt, das Misstrauen gegen Hippies wächst, Doc sinniert über den historischen Verlust „dieser kleinen Parenthese des Lichts“.

Dass Pynchon der Poet der Paranoia ist, ist nicht zuletzt in kurzen, aber prägnanten Stadtbeschreibungen spürbar, bei denen das diffuse Licht von Los Angeles immer wieder beschworen wird. Im Finale verliert Doc buchstäblich die Übersicht im Nebel, es bleibt ein Traum, ein Rest – eine Illusion? – von Kommunikation: Die Vision ist aber nicht so verunsichernd wie sonst bei Pynchon, sondern geradezu vertraut. In seinen anderen Büchern überlagern sich Gegenwart und Vergangenheit wie ein Palimpsest und ermöglichen einen neuen Blick auf Geschichte. Hier ist die Geschichte bekannt, und das wirklich Abgründige bleibt bewusst an den Rändern, als schlaues Dekor – Ursprünge von Internet und Überwachungsstaat, die Unterdrückung in einem „System, das keine Seelen braucht“.

Im Kern gibt es Philip Marlowe mit Marihuana: So ist „Inherent Vice“ schon oft mit dem einschlägigen Kultfilm The Big Lebowski verglichen worden (der sich wiederum bei „Vineland“ bediente), aber es ist mehr ein Partnerbuch zu Robert Altmans ironischer Verfilmung von Raymond Chandlers Krimiklassiker The Long Goodbye von 1973, in der Elliot Gould als anachronistischer Marlowe durch den Flower-Power-Fallout stapfte, mit ähnlichem Wurschtigkeitsmotto wie Doc – der ihm übrigens bald auf die Leinwand folgen könnte. Hollywood hat unglaublicherweise Interesse an den Filmrechten eines Pynchon-Buchs signalisiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2009)

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