Camouflage gehört längst zum Standardrepertoire der Mode. Zugleich versuchen Designer, dem Muster ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.
Kleiner Französisch-Vokabeltest: Was heißt camoufler? Richtig: tarnen, verheimlichen. Wenn Fashionistas und Fashionistos zu einem Kleidungsstück in Camouflageoptik greifen, geht es aber eher um das Gegenteil: auffallen. Manchmal sogar: provozieren. Das traditionell in Naturfarben zwischen grün, braun und sandfarben gescheckte Muster wird alle paar Jahre zum Laufsteghit; auch heuer gibt es wieder ein paar Highlights. Manchmal als stilistisches Mittel, um einem Outfit raue Coolness zu geben, etwa, indem eine Camouflagejacke aus grobem Stoff zu einem weißen Spitzenkleidchen gestylt wird. Viele aber treibt die Frage um, wie sie den allseits bekannten Flecken ihren eigenen Stempel aufdrücken können. Wie man ein Muster, das aus ein paar einfachen Grundzutaten besteht, erweitern, aufbrechen, verfeinern kann. Denn wo der Stoff eigentlich vom Untertauchen in der Umwelt erzählt, geht es in der Mode oft um Abgrenzung, Sichtbarkeit und Individualität.
Tarnung geht anders. Mit einer großen Portion Extravaganza hat Versace diese Aufgabe in der Frühjahrskolletion 2016 gemeistert. Strenge Kostümjacken und Miniröcke in einem Leopardenmuster, das als Camouflageprint aufgemacht ist. In lebhaftem Grün, Violett und Gelb: eine Kombi, die sich auch in einem Neunzigerjahre-Highclass-Technoclub ganz gut gemacht hätte. Tarnung jedenfalls geht anders. Schon bei den Frühjahrsschauen 2013 war die individuelle Camo-Handschrift einzelner Modehäuser ein großes Thema. Michael Kors hatte damals Mäntel und Damenanzüge in Knallblau, Weiß und Schwarz im Programm, die auf den ersten Blick ein bisschen nach Kuhfell aussahen. Versaces Highlight waren leuchtende Camo-Stoffe, die ästhetisch zwischen Blumen und Batik und nach Psychedelic-Trip aussahen. Etwas trippig ist auch die neue Leo-meets-Camouflage-Masche, die es außerdem schafft, zwei kontroversiell diskutierte Looks zu verschmelzen. Während Ersterem gern zu viel Trash-Faktor unterstellt wird (was vergleichsweise harmlos ist), gibt es bei Zweiterem die Diskussion, ob man ihn überhaupt tragen darf.
Immerhin kommt das Muster aus dem Krieg, usprünglich aus dem Ersten Weltkrieg. Die Französische Armee hatte als erste eine eigene Camouflage-Einheit. Für die Stoffentwürfe waren die Camoufleurs zuständig. Viele Surrealisten, Kubisten und andere Vertreter der künstlerischen Avantgarden setzten dabei ihr malerisches und skulpturales Können ein.
Seither wurden verschiedenste Stoffmuster in Tarnoptik geschaffen, die je nach Umwelt und Armee anders aussehen. Camouflage gehört zum militärischen Standard und war immer schon Grund heftiger modischer Debatten. Wo die einen finden, man dürfe alles anziehen und sich auf die Vietnamgegner der Sechzigerjahre berufen, die das Muster als Statement gegen den Krieg trugen, lehnen es die anderen aus genauso pazifistischen Gründen ab. Nicht zuletzt, weil das Grundprinzip des heute international verwendeten Flecktarns (das in der Mode allerdings wenig Gewicht hat) ursprünglich für die deutsche Waffen-SS entwickelt wurde. Ebenso könnte man sich fragen, wie die modische Camouflagejacke zu den echten Tarnkleidern jener Soldaten steht, die seit Kurzem wieder Zäune an Europas Binnengrenzen hochziehen.
Tatsache ist, es ließe sich der gesamte Haushalt inklusive Garderobe und Lidschatten in Camo-Optik ausstatten, wenn man wollte. Vor allem auf Sneakers, Rucksäcken, T-Shirts und Jacken ist das Muster fest in der Street-Culture und in dekontextualisierter Form verankert. Nicht einmal der Bürgerschreckeffekt, den die Punks damit einst bezweckten, stellt sich mehr ein. Wer auf Camouflage steht, hat vermutlich selten den gesamten Kontext im Kopf. Wohl aber gefällt die militärische Herkunft des Musters explizit so manchem Typen mit breitbeiniger Macho-Attitüde, kahl rasiertem Schädel und Springerstiefeln.
Camouflage und Tartan. Auf den internationalen Laufstegen grenzen sich Modeschöpfer mit ihren Entwürfen häufig von zu stark ausgeprägter Machohaftigkeit ab. Und gern auch von den Camouflagedesigns anderer Modehäuser. Nicht nur Versace übt sich dafür in ungewöhnlichen Gestaltungselementen. Leicht schrill ist die Lust am Kombinieren bei Geox. Für seine seit Längerem existierende Camotartan-Kollektion überzog der Koreaner Yong Bae Seok auch heuer wieder Tartanmuster und Blütenmotive mit knallbunten Camouflageschlieren. Nun, die Spice Girls hätten sich bestimmt gefreut. Etwas zurückhaltender ging es auf den Runways der aktuellen Herrenkollektionen zu. Dior Homme gab dem adretten Rautenmuster mittels klassischem Camouflage, das an den Typ Woodland erinnert– so die militärische Bezeichnung jenes Musters, an dem die Modewelt meistens ihre Anleihen nimmt – einen coolen Twist und überzog schmale Camo-Hemden samt darüber getragenem grauen Anzug mit feinen blauen Linien. Das sieht männlich-edel, zugleich aber leichtfüßig aus. Am kreativsten ging wohl Neil Barrett an die Sache heran. Zu flirrenden, von Op-Art inspirierten Stoffdesigns in Schwarz-Weiß gesellten sich in Grau und Schwarz die mäandernden Flecken des Tarnmusters. Nicht nur auf Sakkos, Hosen und Jacken, auch auf dem Teppich, über den die Models schritten, flimmerte es solcherart. Dieser künstlerische Abstraktionsprozess ist auf den ersten Blick nicht unbedingt sichtbar, man denkt nicht sofort: „Aha, schon wieder Camouflage.“
Reizüberflutung. Dieser Gedanke kann nämlich sehr wohl aufkommen, wenn man vor der x-ten Jacke eines Textildiskonters mit grünlichen Flecken steht, vielleicht sogar einer für Zweijährige. Das Muster in seiner einfachsten Ausprägung hat sich in unser (Mode-)kulturelles Bewusstsein geprägt. „Camo ist die Wunderkerze der Muster. Jedesmal, wenn man denkt, es wäre vorbei, kommt es wieder“, sagte Jonathan Evans im „Wall Street Journal“.
Als Fashion Director des auf Männermode spezialisierten Online-Shops East Dane hat Evans einen guten Überblick darüber, was sich verkauft. Und Camouflage, egal, ob auf Schirmen oder Schuhen, verkauft sich gut – vor allem an Männer. Der New Yorker Designer Michael Bastian erklärt ebenfalls, warum sich das so verhalten könnte: Camouflage sei, so Bastian, das einzige Muster, auf das sich fast alle Männer einigen könnten. Gerade weil es den Macho-Touch hätte. Er selbst hat für seine aktuelle Kollektion Kleider, Männerhosen und Damenshorts aus Stoffen mit grünlichem Blättermuster genäht, das zwar formal keine Camouflageelemente enthält, aber durch Farben und ineinanderfließende Motive die Ästhetik aufgreift. Wahnsinnig machoid sieht das nicht aus. Aber das muss ja nicht sein.