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Sexuelle Attacken: Anatomie einer Ermittlung

Symbolbild.
Symbolbild.(c) REUTERS
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SerieSechs Frauen werden in Wien Döbling an einem Abend Opfer von sexuellen Angriffen. Der Verdächtige ist bekannt, aber für die Behörden nicht (mehr) greifbar.

Wien. Seit der Kölner Silvesternacht ist das Thema präsent: Sexuelle Angriffe auf Frauen in der Öffentlichkeit – damals großteils begangen von jungen Männern, die als Flüchtlinge nach Europa kamen. Dass die behördliche Aufarbeitung derartiger Fälle mitunter mehr Fragen aufwirft, als sie klärt, zeigt eine Serie sexuell motivierter Straftaten, die sich Mitte April in Wien Döbling zugetragen hat. Der mutmaßliche Täter, ein marokkanischer Asylwerber, konnte zwar ausgeforscht werden. Ist für die Behörden aber nicht mehr greifbar.

Wie behäbig das behördliche System arbeitet, zeigen nun „Presse“-Recherchen. Der Reihe nach: 13. April 2016, 20.20 Uhr. An der Haltestelle Hardtgasse der Straßenbahnlinie 38 steht eine 30-jährige Frau. Ein Mann drängt sich von hinten an sie heran und greift ihr gezielt zwischen die Beine. Die Frau schreit ihn an. Der Täter schlendert achselzuckend davon. Von der Polizei, die den Vorfall gleich danach aufnimmt, erfährt die 30-Jährige, dass sie an diesem Abend nicht das einzige Opfer sexueller Belästigung geworden ist. Später wird klar: Es sind sechs Frauen, die von demselben Mann attackiert worden sind. Mehr noch: Im Hinblick auf ein Opfer – es handelt sich um eine 22-jährige Studentin – besteht laut Polizei der Verdacht der versuchten Vergewaltigung.

Vier Tage nach der Tat wird die 30-Jährige vom Landeskriminalamt angerufen. Eine Beamtin fragt, ob die Frau ihre am Tattag getragene Hose schon gewaschen habe. Wenn nicht, könne nach DNA-Spuren gesucht werden. Dies sei nach vier Tagen wohl wenig zielführend, meint die 30-Jährige – und sie muss es wissen: Sie ist Biologin. Die Beamtin sieht das ein. Verspricht, sich wieder zu melden.

21. April: Die Polizei ruft wieder an. Man habe nun Fotos aus Überwachungskameras der Wiener Linien, heißt es. Das Opfer geht zur Polizei und erkennt auf einem Foto den Verdächtigen wieder.

Am 23. April schreibt das Landeskriminalamt einen Bericht an die Staatsanwaltschaft Wien. Mehrere Opfer hätten sich gemeldet, heißt es. Die Polizei ersucht die zuständige Staatsanwältin um „Anordnung einer Lichtbildveröffentlichung“. Sprich: Die Medien sollen gebeten werden, das Foto des Verdächtigen zu veröffentlichen. Dies unterbleibt.

Am 29. April identifizieren Mitarbeiter einer Flüchtlingsunterkunft in Wien Alsergrund den Gesuchten. Es handelt sich um den 26-jährigen Marokkaner Z. Dieser ist mittlerweile (26. April) von einer Wiener in eine Klagenfurter Flüchtlingsunterkunft verlegt worden. Ebendort wird er am 30. April zuletzt gesehen.
Indes stehen sechs Frauen als Opfer fest. Und die Polizei verfasst einen weiteren, mit 4. Mai datierten Bericht an die Staatsanwaltschaft. Darin wird der mutmaßliche Täter namentlich genannt. Die Polizei rät „dringend“ zur „Festnahme des Beschuldigten, um weiteren sexuellen Angriffen entgegenzuwirken“. Es sei aktenkundig, „dass sich die Intensität der sexuellen Übergriffe von ,Rücken streicheln‘ beim ersten Opfer bis zur versuchten Vergewaltigung von Mal zu Mal gesteigert hat“.

 

Mangelnde Kooperation

Doch bei der Staatsanwaltschaft geschieht kaum etwas. Dies erklärt deren Sprecherin, Nina Bussek, auf eine „Presse“-Anfrage am 24. Mai so: „Wir warten auf den Bericht der Polizei.“ Auch die Opfer warten. Auf aktuelle „Presse“-Anfrage (Montagnachmittag) heißt es, dass nun „der Bericht“ da sei. Darauf sei prompt reagiert worden. Man suche nun den Mann. Der Verdacht laute auf geschlechtliche Nötigung und sexuelle Belästigung.

Hat die Polizei ihre Berichte liegen gelassen, ehe sie diese wegschickte? Glaubt man einem polizeilichen Aktenvermerk vom 24. Mai, scheint dies schwer vorstellbar. Dort heißt es: „Am 23. Mai (ein Tag vor der ersten „Presse“-Anfrage, Anm.) konnte die zuständige Staatsanwältin telefonisch erreicht werden. Zur weiteren Vorgehensweise im gegenständlichen Fall befragt, gab diese an, dass es ihr bis dato dienstlich nicht möglich war, sämtliche Akten durchzusehen. Sie wird in den nächsten Tagen eine Entscheidung bezüglich der im Anlassbericht vom 4. Mai gestellten Ersuchen (...) fällen.“

Wer hat nun Recht? Oder ist alles ein großes Missverständnis? Die 30-Jährige spricht wohl auch den anderen fünf Opfern aus der Seele: „Ich bin sexuell belästigt worden und habe das Gefühl, man denkt sich: ,Reg' dich nicht auf!‘“

Fest steht: Der Verdächtige Z. wurde noch kein einziges Mal behördlich einvernommen. Und: Seit den Attacken sind fast zwei Monate vergangen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2016)