Acht Jahre nach ihrer Niederlage gegen Obama hat die Ex-Außenministerin die nötige Mehrheit für eine Kandidatur. Sie könnte die erste US-Präsidentin werden.
Washington. Vor genau acht Jahren, am 7. Juni 2008, musste Hillary Clinton auf einer Bühne im National Building Museum in Washington zur Kenntnis nehmen, dass ihre Zeit noch nicht gekommen war, und dass Barack Obama der Kandidat ihrer Partei für die Präsidentenwahl sein würde. „Während ich heute meine Kampagne beende, gratuliere ich ihm zu seinem Sieg. Ich unterstütze ihn und werfe mich voll und ganz für ihn ins Zeug“, sagte sie, keine zwei Kilometer Luftlinie vom Weißen Haus entfernt, vor tränenüberströmten Anhängern. „Um die Ziele zu erreichen, für die wir stehen, müssen wir den Kampf jetzt fortsetzen, unsere Energie, Leidenschaft und Stärke aufbringen, und alles uns Mögliche tun, um Barack Obama zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen.“
Vor den sechs Vorwahlen der demokratischen Partei am Dienstag war es zweifelhaft, ob Clinton von ihrem Herausforderer Bernie Sanders jene Unterstützung erhalten würde, die sie acht Jahre zuvor im Moment ihrer Niederlage Obama zugesichert hatte. Denn schon vor den Urnengängen in Kalifornien, New Jersey, North und South Dakota sowie Montana und New Mexico stand fest, dass Clinton die nötige Mehrheit an Gesandten zum Parteitag in Philadelphia Ende Juli hinter sich geschart hat. Sie hat bei den bisherigen Vorwahlen genau 12.989.134 Stimmen erhalten, der Senator aus Vermont hingegen nur 9.957.889. Clinton lag also in dieser direkt von den Wählern bestimmten Kategorie um mehr als drei Millionen Stimmen oder 23,3 Prozent voran.
Sanders' Zickzackkurs
In der anderen Klasse von Parteidelegierten, bei den sogenannten Super Delegates, liegt die 68-jährige frühere New Yorker Senatorin und Außenministerin noch klarer vor dem 74-jährigen selbst erklärten „demokratischen Sozialisten“, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Parteiloser im Kongress amtiert. Diese demokratischen Funktionäre, Senatoren, Gouverneure, Abgeordneten und sonstigen Amtstinhaber können ihre Unterstützung frei gewähren und jederzeit ihre Meinung ändern. Die Nachrichtenagentur Associated Press hat am Montag bei all jenen Super Delegates nachgefragt, die bisher noch nicht eindeutig deklariert haben, wen sie unterstützen. Das Ergebnis war eindeutig: 571 dieser Gesandten sind für Clinton, gemeinsam mit den bisher bei Vorwahlen errungenen 1812 gewöhnlichen Delegierten hat sie 2383 – also genau die notwendige Mehrheit. Nur 48 Super Delegates sind für Sanders.
Dieses Ergebnis war seit Wochen absehbar. Sanders hat zwar beachtliche 20 Vorwahlen gewonnen, doch mit Ausnahme von Michigan keine einzige in einem großen, bevölkerungsreichen Staat. Seine Siege erlangte er sonst ausschließlich in drei Kategorien von Bundesstaaten: in Neuenglandstaaten wie seiner Basis Vermont, in pazifischen wie Hawaii und in Staaten des Mittleren Westen, wo ihn eine unter schwerem Mitgliederschwund leidende, mehrheitlich weiße Gewerkschaftsbewegung im Verbund mit ebenfalls großteils weißen Studenten aus den versprengten linksliberalen Collegestädten unterstützte. Der jeweilige demokratische Präsidentschaftskandidat hat in diesen mehrheitlich konservativen Staaten wie Kansas oder Nebraska hingegen seit Jahrzehnten nicht mehr gegen seinen republikanischen Konkurrenten gewonnen.
Sanders akzeptiert die mathematische Unausweichlichkeit seiner Niederlage jedoch nicht und greift auf eine Argumentation zurück, die nicht ganz aufrichtig erscheint, wenn man ihn an seinen eigenen Worten misst. Denn selbst wenn er alle sieben restlichen Urnengänge (am Dienstag in einer Woche schließt die Hauptstadt Washington den Vorwahlreigen ab) für sich entscheidet, benötigt er den Meinungsumschwung einer enormen Anzahl an Super Delegates, um zu gewinnen. Doch genau diese Männer und Frauen greift er seit Monaten als Verkörperungen des laut seinen Worten „korrupten Parteienfinanzierungssystems“ an, das von „Millionären und Milliardären“ gesteuert wird.
„Demokratie ist einfach: für jeden eine Stimme“, sagte er am Montag. Wieso die Vertreter einer Partei, der er erst anlässlich seiner Präsidentschaftskandidatur beigetreten ist und die er anzugreifen nicht müde wird, sich nun hinter ihn stellen sollten, konnte Sanders bis zuletzt nicht schlüssig erklären.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2016)