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Fokus auf ORF-Wahl

ORF: „Hier geht's nicht um Scharmützel“

Thomas Zach, der Leiter der VP-nahen Stiftungsräte, hätte lieber Richard Grasl im ORF-Chefsessel gesehen. Vom nun zum dritten Mal bestellten Alexander Wrabetz erwartet er rasche Reformen.

Die Presse: Alexander Wrabetz wurde zum dritten Mal zum ORF-Chef bestellt. Sie haben für Richard Grasl gestimmt. Sind Sie vom Ergebnis enttäuscht?

Thomas Zach: Die Bewerbung von Richard Grasl war der Startschuss für eine echte Zukunftsagenda für den ORF. Unter Fachleuten, wie Gerhard Zeiler (ORF-Chef 1994-98, heute Chef von Turner International, Anm.), herrscht Einigkeit darüber, dass wesentliche Inhalte des Grasl-Konzepts umgesetzt werden müssen. Es ist übrigens auch für Wrabetz nichts Ehrenrühriges, wenn er gute Ideen für das Unternehmen aufgreift.

Was erwarten Sie sich von Wrabetz?

Dass er rasch einen sehr konkreten Vorschlag für eine Reform des ORF vorlegt. Ohne Reformen wird die Finanzierung des ORF nicht sichergestellt sein.

Das heißt, es geht primär um das Budget?

Es geht um ein umfassendes Reformkonzept für den ORF. Das fängt beim Programm an, für das die Gebührenzahler ja zahlen. Das setzt sich fort bei einer zeitgemäßen Unternehmensführung und geht weiter bei einer ordentlichen Unternehmensstruktur.

Unternehmensberater und Stiftungsrat Thomas Zach.Privat

Das heißt, Wrabetz soll sich an Ideen von Grasl bedienen?

Ich erwarte mir, dass der Generaldirektor eine umfassende Reform vorlegt und ich halte es für äußerst klug, wenn man sich aller Ideen bedient, auch wenn sie nicht die eigenen sind.

Laut ORF-Gesetz muss der öffentlich-rechtliche Sender alle fünf Jahre prüfen, ob es zu einer Anpassung der ORF-Gebühren kommt. Das steht diesen Herbst wieder an. Wie stehen Sie zu einer Erhöhung?

Über einen Gebührenantrag reden wir, wenn er auf dem Tisch liegt. Zuerst muss über eine Reform gesprochen werden. Wir haben keine Zeit mehr. Nehmen wir das Beispiel ORF eins. Das gibt es Vorschläge aus dem Grasl-Konzept, die diskutiert werden sollten. Bevor wir einen Gebührenantrag stellen, müssen wir prüfen, welche Möglichkeiten wir im Unternehmen haben, Mittel frei zu spielen. Das Motto muss lauten, Geld aus der Struktur ins Programm zu transferieren. All diese Vorschläge vermisse ich im Konzept von Wrabetz, sie finden sich aber zahlreich im Konzept von Grasl. 

Ist das Ergebnis vom vergangenen Dienstag eine Niederlage für den bürgerlichen Freundeskreis?

Das Ergebnis vom Dienstag ist ein klares Votum für Reformen im ORF. Alexander Wrabetz ist mit der knappsten Mehrheit, die es je gab, gerade noch einmal zum Generaldirektor gewählt worden, und zwar nur, weil ihm auch vier Betriebsräte ihre Stimme gegeben haben. Hätte nach dem Aktienrecht, wie in jedem anderen Unternehmen, nur die Eigentümerseite den Geschäftsführer bestimmt, dann hätte dieser Reformkurs jetzt auch schon seine Umsetzung bekommen.

Aber der ORF ist eben nicht wie jedes normale Unternehmen.

Das nicht, aber es würde ihm gut tun, das ein oder andere von normalen Unternehmen zu übernehmen. So ist eine angemessene Unternehmensführung für ein staatliches Milliardenunternehmen des 21. Jahrhunderts zwingend notwendig. Einsame Nacht- und Nebel-Entscheidungen im Büro des Generaldirektors, die das Unternehmen in Millionenhöhe verpflichten, sind inakzeptabel.

Die 13 bürgerlichen Stiftungsräte haben für Grasl gestimmt. So geschlossen war der bürgerliche Freundeskreis schon lange nicht. Was bedeutet das?

Dass Richard Grasl ein Konzept vorgeschlagen hat, dem sich alle, die an Reformen im ORF interessiert sind, anschließen wollten. Nicht mehr und nicht weniger.

Wird der Freundeskreis Wrabetz nun die Arbeit schwerer machen?

Der Stiftungsrat hat die Aufgabe, das Unternehmen zu überwachen und im Rahmen seiner Aufgaben zu helfen, das Unternehmen bestmöglich in die Zukunft zu führen. Hier geht es nicht um kleine Scharmützel, sondern um das Beste für das Unternehmen.

Manche Entscheidungen treffen im Stiftungsrat nur die 30 Kapitalvertreter, ohne die Betriebsräte. Hier hat Grasl mit 15 Stimmen sogar die Mehrheit, Wrabetz nur 14 Stimmen. Wird er die Mehrheit bei wichtigen Entscheidungen bekommen?

Mehrheiten gibt es nur für richtige Entscheidungen und Reformen. Ich erwarte von Wrabetz jetzt schon im September etwas sehr konkretes zu Struktur, Programm und Finanzierung. Schauen wir uns das Thema der Zielgruppe der Unter-30-Jährigen an. Die müssen wir erreichen. Mit dem unausgegorenen Vorschlag, den ORF in ein Social-Media-Haus zu wandeln, wird sich das nicht ausgehen.

Wieso nicht?

Weil klar ist, dass der ORF nicht in der Lage sein wird, große internationale Digitalplattformen abzulösen. Wir müssen schauen, wie wir durch Live- und Eigenproduktionen die Identität des ORF sichern können. Auch im linearen Fernsehen. Es wird auch um die Frage gehen, wie wir die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Information stärken können. Und wir werden uns damit auseinander setzen müssen, wie wir mit der Frage des zeitversetzten Medienkonsums umgehen. Eines ist auch klar, die Themenstellung ORFeins werden wir nicht erst angehen können, wenn es einen Channelmanager gibt und sich der eingearbeitet hat. Jetzt ist die Zeit für Reformen. Die bisherige Arbeitsweise  das mach ich doch morgen  wird in diesen herausfordernden Zeiten nicht akzeptiert werden. Noch ein anderes Beispiel: Wir brauchen eine strategische Überarbeitung unserer Radioflotte. Was wir erlebt haben ist, dass Wrabetz offensichtlich aus wahltaktischen Motiven einen Tag vor der Wahl einen neuen Ö1-Leiter bestellt hat. Entgegen dem, was er dem Stiftungsrat als Vorgangsweise vorgetragen hat. Nämlich zuerst das Channel-Prinzip umzusetzen, dann die Stelle eines Channel-Chefs auszuschreiben und diese dann zu besetzen. Jetzt macht Wrabetz es wieder genau umgekehrt.

Wie sehen Sie die Aussage von FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger: Der ORF-Chef wurde nur für ein Jahr bestellt, weil 2017 Neuwahlen stattfinden werden.

Ich bleibe dabei, dass ich die Stellungnahmen meiner Kollegen im Stiftungsrat nicht kommentiere. Aber wir brauchen im ORF Reformen und dazu gehören auch Änderungen im ORF-Gesetz. Was ich nicht verstehe, wenn uns der Medienminister (Thomas Drozda, Anm.) erklärt, dass in einer Regierung, die noch zwei Jahre besteht, die Reform des ORF-Gesetzes nicht angegangen werden kann.

Zur Person

Thomas Zach (44), Wirtschafts- Studium, sechs Jahre Offizier beim Bundesheer. Danach folgten einige Jahre in öffentlicher Verwaltung und Politik, u. a. im Kabinett von Ex-Innenminister Ernst Strasser. Ab 2003 leitete er zehn Jahre die Österreichische Staatsdruckerei. Heute ist er selbstständiger Unternehmensberater, seit 2014 Leiter des ÖVP-„Freundeskreises“ im ORF-Stiftungsrat.