Keine bloße Blödelpartie, sondern eine ruhige Angelegenheit, die zwischen Sozialrealismus und dezenter Komik balanciert.
Am Ende von Charlie Chaplins „großem Diktator“ steht einer der berühmtesten Anhänge der Filmgeschichte, eine flammende Rede für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, deren rückhaltloses Pathos immer noch verblüfft. Unter anderem wendet sich der große Komiker in der Rolle des friedliebenden Despotendoubles mit folgenden Worten an das Kinopublikum: „Wir sollten am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden, und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen!“ Vielleicht hatten die beiden Männer, die am 2. März 1978 auf den Friedhof des Dorfs Corsier-sur-Vevey im Schweizer Waadtland schlichen und sich nach etwas Schaufelarbeit mit Chaplins Sarg aus dem Staub machten, um später Lösegeld dafür zu fordern, ja genau diese Sätze im Hinterkopf.
Die Entwendung des toten „Tramps“ ist als kriminalhistorische Anekdote an Absurdität kaum zu überbieten, fast könnte der Vorfall einem von Chaplins eigenen Filmen entstammen. Es verwundert also kaum, dass er inzwischen seinen Weg ins Kino gefunden hat – etwas überraschender ist, dass der französische Schauspieler und Regisseur Xavier Beauvois für die (freie) Adaption der Geschichte verantwortlich zeichnet. Humor ist Beauvois nicht fremd, doch seine stärksten Arbeiten sind von existentialistischem Ernst und inszenatorischer Zurückhaltung geprägt: etwa das semidokumentarische Polizeidrama „Le petit lieutenant“ (2005) oder „Des hommes et des dieux“ (2010), ein spirituell schwerwiegendes Werk über die Ermordung einer Gruppe von Trappisten-Mönchen in Algerien. Insofern ist auch sein neuester Film „La rançon de la gloire“ – der seine Premiere schon 2014 bei den Filmfestspielen in Venedig gefeiert hat – trotz des ulkigen deutschen Verleihtitels („Die unglaubliche Entführung des Charlie Chaplin“) keine bloße Blödelpartie, sondern eine relativ ruhige und differenzierte Angelegenheit, die entspannt zwischen Sozialrealismus und dezenter Komik balanciert.
Chaplins Grab als Goldgrube
Der belgische Schmalspurganove Eddy (charmant schusselig: Benoît Pooelvorde) kommt 1977 nach einem längeren Knastaufenthalt bei seinem besten Freund unter, dem algerischstämmigen Osman (Roschdy Zem). Für die Bleibe in dessen lädiertem Wohnwagen soll er auf Osmans kleine Tochter Samira aufpassen, während deren Mutter wegen Hüftbeschwerden im Krankenhaus liegt. Die drei füllen ihre karge Lebenswelt mit Wärme, so gut es eben geht, doch als Osmans Frau eine kostspielige Operation benötigt, wird es eng, und der grundvernünftige Familienvater lässt sich von Eddy zur titelgebenden Aktion überreden: Eben erst sei Chaplin verstorben, sein Grab eine potenzielle Goldgrube.
Der langwierige Leichenraub geht glatt, doch als Erpresser scheitern die beiden kolossal: Stimme verstellen klappt grade noch, in Sachen Verhandlungsgeschick herrscht Fehlanzeige. Es folgt eine tragikomische Pannenserie, bei der man weitestgehend solidarisch mit den Amateurverbrechern bleibt.
Porträt zweier Randexistenzen
Was auch daran liegt, dass Beauvois weniger an der Plot-Mechanik interessiert ist als am emphatischen Porträt zweier Randexistenzen. Wiederholt zeigt er Osman und Eddy beim privaten Hoffen und Zweifeln oder einfach nur beim trunkenen Ablenkungstanz zur Sophia-Loren-Version von „Zou Bisou Bisou“. Das Motiv und die Menschen hinter der hirnrissigen Tat stehen stärker im Vordergrund als die Tat selbst. Eddy bekommt in einem Nebenhandlungsstrang einen Job im Zirkus, wo er als trauriger Gangster-Clown auftreten darf: eine symbolische Zuspitzung von Beauvois' Blick auf seine Figuren und darüber hinaus ein Verweis auf Chaplins Filme „Circus“ und „Limelight“.
Überhaupt steckt der Film voller unaufdringlicher Chaplin-Referenzen: Gastauftritte von Verwandten (Dolores Chaplin spielt ihre Großmutter Oona) oder Sequenzen, die Chaplins täppischen Slapstick-Stil subtil imitieren (etwa als Eddy vergeblich versucht, eine Fernsehantenne zu richten). Dazu passt auch die anachronistisch-opulente Musik des legendären Komponisten Michel Legrand, die den Dialog zuweilen komplett übertönt. „La rançon de la gloire“ ist insgesamt etwas zu lang geraten, und das humoristische Niveau eines Chaplin-Werks erreicht er natürlich nicht – aber man darf spekulieren, dass er dem Meister trotzdem gefallen hätte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2016)