Hillary Clinton trotzt der Bernie-Revolution

Democratic U.S. presidential candidate Hillary Clinton speaks in New York
Democratic U.S. presidential candidate Hillary Clinton speaks in New YorkREUTERS
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Hillary Clinton weist Bernie Sanders überzeugend in die Schranken. Sie muss nun die Partei einen – doch sie ist vom linken Flügel weniger abhängig als lang vermutet.

Washington. Mit einer triumphalen Wahlnacht zog Hillary Clinton am Dienstag den Schlussstrich unter die demokratischen Vorwahlen für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten. Sie gewann in South Dakota, New Mexico, New Jersey und Kalifornien, während ihr Herausforderer Bernie Sanders in North Dakota und Montana siegte.

Vor allem mit ihrem Sieg in Kalifornien machte Clinton die zusehends illusorischen Hoffnungen von Sanders zunichte, im allerletzten Moment das Steuer herumzureißen und ihr die Nominierung streitig zu machen. Sie gewann mit 56 Prozent und lag mehr als 400.000 Stimmen vor Sanders, der 43,1 Prozent bekam. Sanders hatte die vergangenen Wochen im – gemessen an Bevölkerung und Wirtschaftsleistung – größten Teilstaat der USA verbracht, stark besuchte Kundgebungen veranstaltet und mit 2,2 Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) deutlich mehr Geld für Wahlwerbung ausgegeben als Clinton, die 1,4 Millionen Dollar für Fernsehwerbespots und dergleichen bezahlte.

Überschätzte Bernie-Fans

Doch die telegenen Bilder junger begeisterter Bernie-Fans, die zu Tausenden zu Sanders' Ansprachen pilgerten, lenkten von der Tatsache ab, dass Clinton weder in Kalifornien noch in so gut wie allen anderen großen und gesellschaftlich diversen Staaten ernsthaft um ihren Sieg zittern musste. Die Narrative vom 74-jährigen „demokratischen“ Sozialisten aus Vermont, der ein korruptes und amoralisches Establishment von „Millionären und Milliardären“ herausfordert, überzeichnete die messbare Bedeutung seiner Anhängerschaft.

Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild von Sanders „politischer Revolution“. Clinton hat vor der letzten und bedeutungslosen Vorwahl in der Hauptstadt Washington 15,6 Millionen Stimmen erhalten, das sind um fast 3,7 Millionen mehr als Sanders. Und sie ist viel weniger davon abhängig, seinem linken Parteiflügel gefällig zu sein, als das bisher erschienen ist.

Gewiss, laut Umfragen sagt jeder vierte Sanders-Wähler, dass er am 8. November nicht Clinton wählen werde. Manche Bernie-Fans erklären, sie würden ihr Donald Trump vorziehen, den republikanischen Kandidaten. Und bei jungen Leuten kommt Clinton viel schlechter an als Sanders; 71,6 Prozent der 18- bis 29-Jährigen stimmten in den Vorwahlen für Sanders, nur 27,8 Prozent für Clinton.

Doch anders, als es oft dargestellt wird, ist Clinton bei weißen Wählern nicht so unpopulär. 48,9 Prozent von ihnen stimmten für Clinton, 49,1 Prozent für Sanders. Sie gewann auch eine hauchdünne Mehrheit der Männer, nämlich 49,5 Prozent gegen 48,3 Prozent, die für Sanders waren.

Obama steigt in den Ring

Und vor allem gewann sie links der Mitte gegen Sanders. Bei den sich als sehr linksliberal bezeichnenden Wählern holte sie gegen Sanders ein Unentschieden, bei den eher linksliberalen lag sie mit 56,4 Prozent zu 43 Prozent voran.

Die Risse innerhalb der demokratischen Partei könnten also einfacher zu kitten sein, als es Sanders unversöhnliche Brandreden glauben machen. In der Nacht auf Mittwoch, als sich die Klarheit seiner Niederlage abzeichnete, erwähnte er Clinton nur ein passant und schwor, auf dem Parteitag in Philadelphia im Juli bis zum Schluss weiterzukämpfen. Allerdings erklärte sein Kampagnenbüro am Mittwoch, jeden zweiten Mitarbeiter zu entlassen.

Ob sich bei Sanders die Einsicht verfestigt, dass er seinen politischen Zielen einer finanziellen Entlastung der Studenten, einer landesweiten Erhöhung des Mindestlohnes auf 15 Dollar pro Stunde und der Verbilligung des teuren Gesundheitswesens eher dient, wenn er die Präsidentschaftskandidatin Clinton unterstützt, ist fraglich. Jedenfalls wird nun Präsident Barack Obama im Wahlkampf aktiv. Er telefonierte am Dienstagabend mit Clinton und Sanders und ließ über seinen Sprecher ausrichten, dass Clintons „historischer Wahlkampf Millionen inspiriert hat und eine Fortsetzung ihres lebenslangen Kampfes für Mittelschichtsfamilien und die Kinder ist“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2016)

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